Zeitung Heute : Erst schießen, dann fragen

Vor Indonesien liegt der Welt gefährlichstes Piratengebiet

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Von Moritz Kleine-Brockhoff,

Jakarta

Die „Gold Menam“ ist sicher angekommen. Nun liegt der blaue Koloss am Pier 209 im Hafen von Jakarta. Hunderte von Metallröhren birgt der Bauch des Frachters, die Stahlseile des riesigen Bordkrans umschlingen gerade wieder ein Röhrenpaket. Stundenlang kommen die langen Stangen nach und nach aus der Tiefe des Schiffes und landen auf Ladeflächen von Lastwagen, die am Ufer bereitstehen. „Alles läuft wie geschmiert“, sagt Djoko Prasetyo, Chef am Pier 209. Dass Fracht und Besatzung unversehrt in Jakarta ankommen, ist nicht selbstverständlich. Denn die meisten Schiffe, die hier festmachen, waren vorher in der Straße von Malakka unterwegs. Es ist das gefährlichste Piratengebiet der Welt. Nirgendwo gibt es mehr Überfälle als in der Meerenge zwischen der indonesischen Insel Sumatra und den Staaten Singapur und Malaysia.

„Vergangene Woche hat es in der Malakkastraße wieder einen Kollegen erwischt“, sagt Djoko, „einen jungen Matrosen von den Philippinen, gerade 27 Jahre alt. Die Piraten waren wütend, weil der Kapitän sein Schiff trotz Drohung nicht angehalten hat. Da haben sie von ihrem Boot aus geschossen. Es wird immer schlimmer, 2003 war ein Piratenrekordjahr.“ Ein Viertel aller Piratenüberfälle auf der Welt ereignet sich in indonesischen Gewässern. Dann schweigt Djoko lächelnd. Es ist das indonesische Verlegenheitslächeln, das man oft sehen kann, wenn es um etwas Schlimmes geht. Endlich zerreißt ein Klingeln die unangenehme Stille, Djoko kramt sein Handy aus der Tasche. „Ja. Bin gleich da.“ Der Kapitän der „Gold Menam“ will etwas besprechen. „Kommen Sie ruhig mit.“

Die Treppe, die zum Deck des blauen Riesen führt, ist steil und wackelig. Aus der Kapitänskabine schallt Schreibmaschinenhacken, als Djoko klopft, hört es auf. „Im Chang Ho“, stellt sich der Kapitän vor, er ist Koreaner, schmächtig mit kleinem Bierbauch, in Polohemd und Jeans. Er holt drei Dosen Sprite aus seinem Kühlschrank und stellt sie auf den Tisch. „Seit 30 Jahren bin ich Seemann, ein Mal haben die Piraten es geschafft, auf mein Schiff zu kommen“, erzählt Ho, „sie schlichen sich nachts an, warfen Seile mit Haken hoch und kletterten an Bord. Sie hatten Maschinengewehre. Und sie haben mir ein Messer an den Hals gehalten. Als sie Geld, Schmuck und Uhren eingesammelt hatten, sind sie abgezogen.“ Ho erklärt, es gebe drei Arten von Piraten: die kleinen Fische, die nur Wertsachen holen. Die „Organisierten“, die Schiffe entführen und wertvolle Fracht auf eigene Frachter umladen. Und die „Syndikatpiraten“, die sich das Schiff schnappen, es neu anstreichen und mit gefälschten Papieren irgendwo unter anderem Namen registrieren.

„Über Funk hören wir ständig Piratenhinweise der Behörden in Singapur, wenn wir in der Malakkastraße unterwegs sind“, sagt Kapitän Ho, „normalerweise halten wir im Schichtbetrieb Wache an Deck, aber in der Malakkastraße sind alle Mann im Einsatz, Tag und Nacht.“ Knapp 20 Stunden dauert die gut 1000 Kilometer lange Fahrt durch das berüchtigte Gebiet. Weil in der Malakkastraße jedes Jahr 50000 Schiffe mit einem Viertel des Welthandels unterwegs sind, haben Piraten reichlich potenzielle Beute. Vor allem auf der indonesischen Seite sind Wasserpolizei und Marine überfordert, sie müssen mit wenigen Schiffen einen langen Küstenstreifen und Hunderte von Inseln überwachen, auf denen die Piraten ihre Basislager haben. „Ich habe eigentlich noch Glück“, sagt Ho, „13 Meter sind es bei meinem Frachter vom Wasser bis zum Deck, da ist es schwer für die Piraten hochzukommen.“

Dann geht er ans Fenster, stellt sich vor einen großen Kompass und blickt in Richtung Meer. „Hier stehe ich während der Fahrt“, sagt er, „Piraten kann man von meinem Platz aus nicht sehen, die kommen von hinten. Wenn wir auf dem Radarschirm bemerken, dass sich da etwas ziemlich schnell bewegt, denken wir sofort an Piraten.“ Nur nachts und mit kleinen Motorbooten seien die unterwegs, mit bis zu 85 Knoten, fast sechs Mal so schnell wie ein Frachter. „Wir haben nur eine Chance, wenn wir die Gangster früh entdecken. Sind sie schon an Bord, ist es vorbei, wir haben ja keine geeigneten Waffen. Hätten wir wenigstens ein anständiges Gewehr! Dann wäre klar, was ich anordnen würde, wenn sich nachts ein kleines Boot rasch nähert: Erst schießen, dann fragen!“

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