Zeitung Heute : Erstaunliche Entdeckung

BORIS KEHRMANN

Die Neue Berliner Kammeroper und das "Musicalische Opfer" Fast auf den Tag genau vor 250 Jahren, am 7.und 8.Mai 1747, war Johann Sebastian Bach bei Friedrich dem Großen in Potsdam zu Gast.Der König spielte dem berühmten Virtuosen ein Thema auf einem seiner vielen Fortepianos vor und wünschte eine drei-, dann eine sechsstimmige Fugenimprovisation darüber zu hören.Nach Leipzig zurückgekehrt, arbeitete Bach zwei Fugen, zehn Kanons und eine Triosonate aus, ließ sie in Kupfer stechen und sandte dem König ein handschriftlich gewidmetes Exemplar als "Musicalisches Opfer".Als Musik gewordene Mathematik ist die schmale Sammlung eines der erstaunlichsten Dokumente der Musikgeschichte.Das Schauspielhaus hat an ihre Entstehung vor 250 Jahren mit einem dreiteiligen Konzertzyklus erinnert. So großartig sich das Konzept des Konzerthaus-Dramaturgen Dietmar Hiller auf dem Papier ausnimmt - an drei Abenden die Voraussetzungen des "Musikalischen Opfers" in Bachs Fugen-Kunst und seine Folgen bis in unser Jahrhundert zu verdeutlichen - die künstlerische Realisierung fiel enttäuschend aus.Man hatte Interpreten aufgeboten, die zum größeren Teil aus Überzeugung, zum kleineren aus mangelnder spielpraktischer Erfahrung auf überwiegend modernem Instrumentarium hinter die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis zurückgingen und dabei den Interpretationsstandard von etwa 1950 reflektierten.Zudem ließen spieltechnische Schlampigkeiten sowohl bei Evgeni Koroliov am ersten, als auch bei Raphael Alpermann im Ricercar a 3 am dritten Abend Rückschlüsse auf ungenügende Probenbedingungen zu. Angesichts der sich in den soeben präsentierten Spielplänen manifestierenden Tendenz der konventionellen Berliner Sinfonie-Orchester, sich das klassische und vorklassische Repertoire zurückzuerobern, das ihnen von den historischen Instrumental-Ensembles abspenstig gemacht wurde, war die Gesamtaufführung des "Musicalischen Opfers" durch das aus eben diesen Sinfonie-Orchestern rekrutierte Neue Berliner Kammerorchester unter dem 1.Konzertmeister des BSO, Michael Erxleben, besonders aufschlußreich.Im Allegro der Trio-Sonate konnte sich das Gleichgewicht der imitatorisch geführten Stimmen nicht so zwanglos einstellen, wie es sich zwischen Holzflöte und Darmsaiten fast von alleine ergeben hätte: der vorlaute Ton der modernen Böhmflöte drängte die zurückhaltende Violine in eine Statistenrolle ab.Und wer im 6-stimmigen Ricercar den Überblick über die Bewegungen der gleichberechtigten Stimmen behielt, war zu beneiden. In noch viel weiterem Maße verstaubt wirkten die eindimensionalen, einfarbigen Interpretationen der Dresdner Barocksolisten, die im Zyklus die Musik am Potsdamer Hof präsentierten.Daß mit den einfältig-redundanten Flötenkonzerten des königlichen Musiklehrers Johann Joachim Quantz, von denen hier dasjenige in F-Dur QV 5:162 vertreten war, kein Staat zu machen ist, war nicht weiter verwunderlich, obgleich Christina Haupt auch aus diesem ledernen Material am Neupert-Hammerklavier einige empfindsam schöne Klänge herauszuholen wußte.Ebenso wenig erstaunte aber auch, daß die moderne, in der Höhe schrille aggressiv-laute Flöte Eckart Haupts dem unverwüstlichen, hochdramatisch-extrovertierten d-Moll-Konzert Wq 22 von Carl Philipp Emanuel kaum etwas anhaben kann. Evgeni Koroliov schließlich schlug am ersten Abend den Bogen von einer aus breiten Klangflächen geschichteten "Chromatischen Fantasie" über das letzte Präludium und Fugen-Paar des Wohltemperierten Klaviers I und die mehr aus dem Bauch als aus dem Intellekt gestalteten beiden Ricercars zur ebenso pastos gestalteten Hammerklavier-Sonate Beethovens.Der fast überladen dicke Satz lag dabei durchaus in der Konsequenz der in einzelnen Details anrührenden Ästhetik Koroliovs.Trotzdem: hätte Beethoven seine Akkorde wirklich so angefüllt, hätte er statt für das titelgebende Hammerklavier für die sinfonische Klangfülle des modernen Steinway komponiert?BORIS KEHRMANN

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