Zeitung Heute : Erste Hilfe

Die Gesundheitsreform ist Realität, aber im Detail liegt noch vieles im Argen. Beispiel: die Praxisgebühr. Patienten sind verunsichert, Ärzte überfordert, und viele fühlen sich ungerecht behandelt. Fragen und Antworten.

Cordula Eubel,Lutz Haverkamp

DIE EINFÜHRUNG DER PRAXISGEBÜHR

Von Cordula Eubel

und Lutz Haverkamp

Wie oft muss ich denn nun die Praxisgebühr von zehn Euro zahlen?

Beim ersten Arztbesuch im Quartal. Danach nur noch beim Besuch eines Facharztes, wenn man keine Überweisung hat. Wer sich eine Zweitmeinung bei einem weiteren Facharzt einholen will, muss bei beiden Besuchen die Gebühr zahlen. Vorsorgeuntersuchungen und Früherkennung – zum Beispiel Brustkrebs – sind von der Zuzahlung befreit, ebenso Schutzimpfungen. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre sind grundsätzlich ausgenommen: Sie zahlen überhaupt keine Praxisgebühr.

Verhalten sich die Ärzte auch korrekt?

Grundsätzlich läuft die Erhebung der Praxisgebühr reibungslos. Doch auch manche Ärzte sind angesichts der vielen Spezialfälle, die sich ergeben können, etwas verwirrt. So ist in den ersten Januartagen von mehreren Fällen berichtet worden, in denen zu oft oder aber gar nicht die Praxisgebühr abkassiert wurde. Wer etwa am Samstag als Notfall in der Ambulanz bereits seine Praxisgebühr entrichtet hat, muss bei der Nachuntersuchung am Sonntag laut Sozialministerium nicht erneut zahlen. Einige Kliniken kassieren bisher noch gar keine Praxisgebühr, weil ihre Verwaltungen überfordert sind.

Welcher Arzt kann mir eine Überweisung ausstellen?

Grundsätzlich kann jeder Facharzt zu jedem anderen Arzt überweisen, der Hausarzt natürlich sowieso. Wenn Sie also zu Jahresbeginn Ihren Hautarzt besuchen, lassen Sie sich von dem ruhig direkt zum Orthopäden überweisen. Oder bitten Sie Ihren Hausarzt um eine Überweisung. Nur Psychotherapeuten können nicht beliebig überweisen. Eine Überweisung gilt nur für das Quartal.

Muss ich auch beim Zahnarzt die Praxisgebühr zahlen?

Grundsätzlich schon. Zwei Kontrolluntersuchungen im Jahr sind allerdings von der Zuzahlung befreit. Das gilt auch, wenn der Zahnarzt dabei röntgt oder Zahnstein entfernt. Die zehn Euro werden erst dann fällig, wenn weitere Leistungen hinzukommen, der Arzt also zum Beispiel ein Loch entdeckt und dieses füllt. Zieht sich eine Behandlung über mehrere Termine hin, muss der Kassenpatient aber nicht jedes Mal wieder zehn Euro zahlen.

Was mache ich, wenn mein Arzt zu Unrecht zehn Euro verlangt?

Weisen Sie ihn darauf hin, dass Sie schon Ihre Praxisgebühr gezahlt haben. Wenden Sie sich an Ihre Krankenkasse oder die Kassenärztliche Vereinigung.

Müssen Beamte und Abgeordnete auch die Praxisgebühr zahlen?

Ja. Die Neuerungen der Gesundheitsreform werden auch auf Beamte und Politiker übertragen, obwohl diese in der Regel Privatpatienten sind. Bundestagsabgeordnete können zu Beginn jeder Legislaturperiode wählen, ob sie sich gesetzlich oder privat versichern wollen. Rund 60 Prozent sind privat abgesichert und bekommen über die Beihilfe die Hälfte der Behandlungskosten erstattet. Das Innenministerium sieht für Bundesbeamte und beihilfeberechtigte Abgeordnete eine jährliche Pauschalgebühr von 20 Euro vor, die mit den Zahlungen der Beihilfestelle verrechnet wird. Die Pauschale soll angepasst werden, wenn verlässlich absehbar ist, wie hoch die Belastung mit der Praxisgebühr für gesetzlich Versicherte ausfällt. Weil ein Teil der SPD-Abgeordneten in dieser Regelung eine Bevorteilung sieht, wird sie möglicherweise noch geändert.

Werden Beamte und Politiker bevorzugt?

Nein. Ein direkter Vergleich zwischen den gesetzlich Versicherten und Beamten sowie Abgeordneten ist ohnehin schwierig. So müssen die Beihilfeberechtigten ihre Pauschale abführen, können aber nicht über Bonusprogramme ihre Praxisgebühren reduzieren wie Kassenpatienten. Außerdem gibt es für die Beamten auf Landesebene weitere Regelungen, die einen direkten Vergleich schwierig machen. So müssen Berliner Landesbeamte seit dem 1. Januar 2003 eine Kostendämpfungspauschale abführen, die je nach Besoldungsgruppe zwischen 50 und 770 Euro im Jahr liegt. Der Eigenanteil für Arzneien ist ebenfalls speziell geregelt.

Woher weiß ich, ob ich meine Belastungsgrenze erreicht habe?

Sie müssen selbst mitrechnen. Sammeln Sie Ihre Quittungen und reichen Sie diese bei der Krankenkasse ein, wenn Sie Ihre individuelle Belastungsgrenze erreicht haben. Die stellt dann eine Befreiung von weiteren Zuzahlungen aus. Maximal zwei Prozent der Bruttoeinkünfte muss ein Versicherter im Jahr an Zuzahlungen leisten, chronisch Kranke ein Prozent. Zum Bruttoeinkommen zählen auch Miet- und Kapitaleinkünfte, Unterhaltszahlungen und Bafög. Unter Zuzahlungen fallen die Praxisgebühr, die Zuzahlung im Krankenhaus sowie die Rezeptgebühr in der Apotheke. In die Belastung nicht eingerechnet werden der Hustensaft, den der Patient ohne Rezept in der Apotheke kauft, oder die neue Brille.

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