Zeitung Heute : Erste Hommage

Gerd Haffmans

In meinem nun auch schon länger stattfindenden Leben habe ich einige Menschen näher kennen gelernt. Zu den eindrücklichsten zähle ich Friedrich Dürrenmatt, Wolfgang Hildesheimer, Loriot, Alfred Andersch, Tomi Ungerer, Edward Gorey, Paul Flora, Peter Rühmkorf, Stephen Fry, David Lodge, Hans Wollschläger – von denen ich ein andermal berichten möchte – und Harry Rowohlt.

Er ist als seltener Autor, steter Übersetzer von virtuoser Genauigkeit und Marathon-Vorleser gleich bedeutend. Aber am allergrößten ist er als Erzähler in geselliger Runde. Da selbst zu reden, wäre eine Frechheit gegenüber Harrys Zuhörern.

Das muss ich etwas erläutern.

1. Harry, der Schriftsteller, gehört zur raren Klasse der Oligographen. Ein Oligograph ist das kontradiktorische Gegenstück zum Vielschreiber. Harrys Gesamtwerk ist praktisch in einem Prosa-Band von attischer Anmut versammelt: Pooh’s Corner complett.

2. Harry der Übersetzer. Ein Beispiel sagt natürlich mehr als tausend Worte: „It seemed a shame that people no longer spoke this way, and I undertook a campaign to reintroduce Elizabethan English to the citizens of North Carolina. ,Perchance, fair lady, thou dust think me unduly vexed by the sorrowful state of thine quarters,’ I said to my mother“, steht in David Sedaris’ „The Drama Bug“, was bei Harry Rowohlt „Das Theatervirus“ heißt und so geht : „Mir schien es eine Schande, dass die Menschen nicht mehr so sprachen, und ich begann einen Feldzug zur Wiedereinführung des elisabethanischen Englisch bei den Bürgern Nordkarolinens. ,Wenn’s, edle Dame, wunder Euch auch nimmt, dass ich, so mag’s Euch dünken, ohne Not beklag’ den Zustand des Gemach’s allhier’, sagte ich zu meiner Mutter.“ Nordkarolinen – ah, das wäre sonst keinem eingefallen. Und da die alte englische Duform nicht weiter heruntergeduzt werden kann, macht er das genaue Gegenteil und trifft mit dem alten Ihr exakt den deutschen Shakespeare-Sound.

3. Harry der Vorleser. Normalerweise halte ich es mit Gottfried Benn, der jede Kunstäußerung, die länger als eine Stunde dauert, als Zumutung empfindet und richte mich als Zuhörer wie Vorleser danach. Lieber die Leute sagen: „Was, schon vorbei?“ als „Dauert das noch lange?“

Eine Ausnahme gibt’s nur bei einem Ausnahmevorleser, und der heißt Harry Rowohlt. Seine Lesungen sind ausufernd, überbordend, von Abschweifungen und Unterbrechungen durchwürzt, ein Solokonzert mit tausend Stimmen bis tief in die Nacht. Und diese Stimme, mit ihrem Umfang von fünf Oktaven, vom Donnergott bis zum Zauberflüsterer, die ist einfach Sache der Gnade; da kann unsereins nur niederknien und anbeten. Mach ich ja.

Doch das Allergrößte ist, ihm unter Freunden zu lauschen; wobei man schon zwischendurch ziemlich intelligente Grunzlaute des Verstehens abgeben muss, damit er weiter erzählt.

So, stell ich mir vor, war der Rede Zauberfluss eines Oscar Wilde, dessen Zunge sich von Dublin nach Hamburg herübergerettet hat.

Der Autor ist seit 1968 Harry Rowohlts Lektor, war neun Jahre sein Verleger und gibt „Pooh‘s Corner complett“ heraus.

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