Zeitung Heute : Erstklässler - wird das Internet jetzt Schulfach?

Joachim Huber

Das ist der Unterschied. Bei jeder größeren Automobilausstellung setzt sich Gerhard Schröder sofort in einen Wagen, dreht das Steuer, strahlt. Ein Bundeskanzler mit Benzin im Blut. Am Freitag, als die Deutsche Telekom die "Internetisierung" der Schulen auf ihre Kosten (und zu ihrem Nutzen) ankündigte, saß Schröder neben einem PC und ließ sich von einem Knirps jene Welt zeigen, die online ist. Schröder lobte und pries. Bei der nächsten, spätestens bei der übernächsten CeBIT, sollte der Kanzler an einem Terminal sitzen. Kraft seiner Person muss er vorführen, dass Internet und Auto zwei ebenbürtige wie gleichwertige Technologien sind.

Bisher kam der Schüler in der Regel außerhalb seiner Schule zum Internet. Jetzt soll das Internet Schulfach werden. Das kommt fast schon einer Revolution gleich, auf jeden Fall steht ein immenser Bewusstseinswandel dahinter. Internet ist nicht nur jedermanns Privatsache, sondern wird öffentliches Gut. Ein Schul-, hoffentlich ein Pflichtfach, unbedingt im Rahmen der Lehrmittelfreiheit. Jeder Schüler verdient die Chance, Teil der globalen Online-Gemeinschaft zu sein, wenn die Chancengleichheit weiter das Fundament aller Bemühungen um Ausbildung, Fort- und Weiterbildung darstellt.

Eine der leichteren Übungen im Prozess der schulischen Vernetzung besteht darin, eine Schule mit PCs vollzustellen und die Klassenräume zu verkabeln. Bedeutend schwieriger ist der "internetisierte" Lehrplan. Eine wahre Herausforderung heißt, dass der Lehrkörper mit Geräten, mit Programmen, mit der Technik des Internets vertraut ist. Damit er lehren kann, was der Schüler lernen soll.

Nehmen wir mal das real existierende Beispiel einer Tempelhofer Grundschule. Für die ersten Klassen gibt es eine Internet-AG. Jede Klasse darf drei Schüler an einem Nachmittag in der Woche für eine Stunde über ein halbes Jahr schicken. Im zweiten Halbjahr werden die drei Schüler gegen drei neue Schüler, die auf der Warteliste stehen, ausgetauscht. Die Nachfrage ist groß, das Angebot nicht. Drucker werden über die Initatiave des Lehrers besorgt. Riesig ist die Angst, dass Kosten verursacht werden, für die die Schulverwaltung keinen Etattitel hat.

Trotzdem darf den Anstrengungen in Tempelhof nicht mit Hohn und Kopfschütteln begegnet werden. Sie markiert zuerst den aktuellen Stand. Wenig ist passiert, etwas ist geschehen - und notwendigerweise der Kern gebildet, aus dem heraus eine Schule des Internets wachsen kann.

In seinem Grundgesetz ist Internet pure Information. Es liefert die Kompetenz zum Umgang mit Information nicht automatisch mit. Das Bedienen eines Taschenrechners sagt nichts aus über das mathematische Grundverständnis seines Nutzers. Deswegen lernt der Schüler erst rechnen, ehe er die Tasten eines Taschenrechners drücken darf. Nichts anderes muss die Schule des Internets leisten.

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