Zeitung Heute : Erzählt!

CHRISTINA TILMANN

Blühende Wiesen im Sommer 1998 in Ungarn, schwarz-weiße Fotos aus den dreißiger Jahren, eine ruhige Erzählstimme dazu: "Wir waren zwar Juden, das war unsere Religion.Aber wir fühlten uns als Ungarn." "The Last Days", James Molls Dokumentarfilm über das Schicksal ungarischer Juden im letzten Jahr des zweiten Weltkriegs, setzt ganz auf die persönliche Erinnerung der Zeitzeugen, die er porträtiert.Produziert von Steven Spielbergs Shoah-Foundation, nutzt der Film die Zeitzeugen-Interviews als Erzählstrang, den er mit Dokumentarfotos, Filmausschnitten und Landschaftsaufnahmen illustriert.

Der erste Kinofilm, den Steven Spielbergs "Shoah Foundation" in Koproduktion mit dem Regisseur von "Schindlers Liste" herausbringt, bestätigt das Konzept der Stiftung."Dieser Film wäre vor zehn Jahren nicht möglich gewesen, weil uns die Bereitschaft fehlte, zuzuhören.Und er wäre auch in zehn Jahren nicht mehr zustandegekommen, weil keiner mehr übrig ist, um zu erzählen", erklärte der Regisseur, der die Sondervorstellung seines Films im Rahmen der Berlinale einleitete, danach aber sofort aus Berlin abreiste.Regisseur James Moll und die beiden Produzenten June Beallor und Ken Lipper bestritten die Pressekonferenz ohne ihn.

Wo Claude Lanzmann als spiritus rector von "Shoah" noch deutlich in Erscheinung (und ins Bild) trat, halten sich Regisseur James Moll und die Mitarbeiter der Shoah-Foundation, die die Interviews geführt haben, bescheiden zurück.Nur die Stimmen der fünf Zeitzeugen tragen den Film, dem dadurch jeder fremde Erzählgestus fehlt: Hintereinander- und überschnitten, ergänzen die Stimmen sich streckenweise zur einzigen großen Erzählung, wenn es um die allen gemeinsamen Erlebnisse wie Deportation, Selektion oder Befreiung geht, gewinnen dann aber passagenweise wieder Raum für die einzelnen Begebenheiten, die ihr Erleben aus der Masse hervorheben.

Daß sie es wert sind, erzählt und immer wieder erzählt zu werden, bestätigt "The Last Days" auf eindrucksvollste.Die fünf ungarischen Juden, so unterschiedliche Charaktere wie ein Kongreßabgeordneter, ein Geschäftsmann, eine Künstlerin, eine Lehrerin und eine Großmutter, die 55 Jahre nach ihrer Deportation mit ihren Familien noch einmal zurückkehren in das Heimatdorf in den Karparten, nach Budapest, an die Schreckensorte von Auschwitz, Buchenwald oder Dachau, tragen den Film mit ihrer Beherrschung, Würde und inneren Klarheit bis in die letzte Minute.

Sie tragen ihn auch über die - wenigen - Momente, in denen er zu sehr Film sein möchte.Rasant sind die anfänglichen Schnitte, die allzuschnell überleiten von heute nach gestern, vom Interview zum Dokument.Von Bildern unbekannter Juden aus Dokumentarfilmen und Wochenschauen wechselt die Kamera unmittelbar zu den erzählenden Zeitzeugen.Das Bemühen, den Film aus dem Fernsehformat heraus- und auf Kinolänge zu heben, macht den Erzählfluß gelegentlich zu glatt und verleiht, gemeinsam mit der unterschwellig pathetischen Musik von Hans Zimmer, dem Film ein unnötigen Hauch von Fiktion.

Am Ende ist jedoch alle Glätte dahin: Die Fragen, die das Schlußbild offenläßt, treffen auch das Konzept, nach dem das Erzählen für die Zeitzeugen selbst therapeutisch wirken soll.Sicher, Renée Firestone findet in Bergen-Belsen Unterlagen über ihre Schwester Edith und kann ihr ein symbolisches Begräbnis schenken.Die Suche nach der Todesursache, die sie in Kontakt mit dem KZ-Arzt Hans Münch bringt, reißt aber gleichzeitig Wunden auf, wenn der (nach dem Krieg freigesprochene) Arzt ihr erklärt, ein Tod nach sechs Monaten Ausschwitz sei "eine normale Zeit" gewesen."Sie müssen das doch wissen.Sie sind doch auch dort gewesen."

Und trotzdem findet gerade Renée Firestone, die zur Premiere von "The Last Days" nach Berlin kam, das richtige Wort, als der Vorhang gefallen ist: Sie freue sich, daß das deutsche Publikum so viel Interesse für den Film aufbringe - und doch könne sie nicht vergessen, daß die Deutschen für ihn verantwortlich seien, erklärt sie, nachdem das Publikum sie mit Standing Ovations geehrt hatte.Wenn sie aber eines aus dem Holocaust begriffen habe, dann, daß sie niemanden kollektiv verurteilen wolle.Auch nicht die Deutschen.

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