Zeitung Heute : Erzfeind Prinz Charles

Peter Linden

Das Verbrechen geschah am 14. November 2000, an einem kalten, windigen Herbstmorgen in Cornwall. Gegen zehn Uhr rollt ein silberfarbener Volvo, amtliches Kennzeichen G 679 BAF, vor den Haupteingang von Pendennis Castle, gefolgt von einem Mitsubishi Pajero. Zwei Männer steigen aus dem Volvo und hieven eine mannshohe Gasflasche aus dem Kofferraum. Ob sie noch eine Zigarette geraucht haben, bevor sie den Schneidbrenner anschlossen, wissen Rodney Nute, damals 57 Jahre alt, und Hugh Rowe, 46, heute nicht mehr. Auf jeden Fall lassen sie sich viel Zeit, ehe sie anfangen, die zweieinhalb Meter hohe Informationstafel vor der Rundburg aus dem 16. Jahrhundert zu entfernen. Der Mann aus dem Mitsubishi, Nigel Hicks, 43, filmt den Vorgang. Eine zweite Videokamera sieht zu: Sie ist hoch über dem Torbogen befestigt, durch den Touristen treten, um Eintrittskarten zu lösen.

Wenn sie Pech haben, und manches deutet darauf hin, werden die drei Männer jetzt, am kommenden Montag, ins Gefängnis gehen. Obwohl sie nur ein paar Schilder gestohlen haben, drohen ihnen bis zu zehn Jahren Haft. Zwar glaubt niemand, dass der Richter in dem Arbeiterstädtchen Truro so weit geht, doch die Anzeichen verdichten sich, dass man sogar im fernen London angefangen hat, das Verbrechen vom 14. November 2000 ernst zu nehmen. Weshalb sonst hätte man die Anklage, die ursprünglich auf Diebstahl lautete, kurzerhand in "Conspiracy" , Verschwörung, umgewandelt.

Lange Zeit erschien es Rodney, Hugh und Nigel, als wolle man einfach nichts von ihnen wissen. Zehn Mal schon waren sie ausgerückt, um Schilder der Burgen- und Schlösserverwaltung von "English Heritage" zu entfernen, weil sie, die Nachfahren kornischer Kelten, es nicht akzeptieren, dass Engländer die Kulturgüter Cornwalls als ihr Erbe bezeichnen. Zehn Mal hatten sie ihre Aktionen auf der Internet-Seite ihres "Stannary Parliament" angekündigt. Das ist die Organisation, die sich in alter Tradition als rechtmäßige Vertretung der ehemaligen Zinn-Bergleute sieht, immerhin eines Fünftels der 500 000 Einwohner von Cornwall. Und zehn Mal hatten sie, sofort nachdem die Schilder entfernt waren, "English Heritage" sowie 30 Tageszeitungen per Fax informiert. Manche Schilder wurden später erneuert, zuweilen ohne den Zusatz "English Heritage". Doch Rodney, Hugh und Nigel ließ man in Ruhe. Obwohl sie sich doch nichts mehr wünschten als eine Verhaftung, um ihrer, der keltischen Sache endlich ein großes Forum zu geben.

Weshalb plötzlich alles anders war nach dem 14. November 2000, können die Abgeordneten des "Stannary Parliament" (von lateinisch "stan", Zinn) nur ahnen. Vielleicht hatten sie es der Polizei einfach zu weit getrieben. Wahrscheinlicher ist, dass die wachsende Sympathie, welche sie in Cornwall erfahren, politisch nicht mehr ungefährlich erscheint. Das "Stannary Parliament", bis 1752 rechtsgebende und rechtsprechende Institution, ist nach Ansicht unabhängiger Historiker nie abgeschafft worden. Im Gegenteil, die so genannte "Charter of Pardon" von 1508 belegt, dass die englische Monarchie Cornwall als unabhängiges Herzogtum mit weit gehenden Autonomierechten anerkennt, was Prinz Charles, der "Duke of Cornwall", mit wachsender Nervosität registrieren dürfte.

Auch die Aktion vor Pendennis Castle beginnt damit, dass man Rodney, Hugh und Nigel ignoriert. Vielleicht glauben die Kassierer von "English Heritage" zunächst, da sei ein Bautrupp angerückt. Rodney, ein kleiner, stämmiger Typ mit weißem Bärtchen, trägt eine selbstgestrickte Wollmütze. Hugh, etwas größer und ebenso kräftig, versteckt seinen grimmigen Blick gekonnt unter einer lila Haube. Und Nigel tarnt die wenig proletarische Erscheinung eines ehemaligen Zahnarztes mit seinem grünen Parka. Ruhig nimmt Rodney die Arbeit auf, ohne Nervosität steht Hugh daneben und reicht Werkzeug. Nigel filmt. Auf einmal tritt ein Herr aus der Burg, baut sich vor Rodney auf, der, mit dem Schneidbrenner arbeitend, nur die Stiefel zu sehen bekommt. "Was zum Teufel machen Sie da?", fragen die Stiefel, und Hugh antwortet: "Wir verhindern geistigen Diebstahl." Hugh kramt zwei Dokumente hervor, die ihn und Rodney als "bailiffs" ausweisen, eine Art Gerichtsvollzieher des "Stannary Parliament". Darauf verschwinden die Stiefel, wahrscheinlich rufen sie die Polizei.

Als das Schild losgeschweißt ist, rauchen Rodney und Hugh gemütlich selbst gedrehte Zigaretten und schnüren es schließlich auf dem Dachträger des Volvo fest. Dann fahren sie los, es ist etwa elf Uhr dreißig. Sie fahren langsam, eine Route, die zu den schönsten in ganz Cornwall gehört. Links das Meer, rechts efeuumschlungene Buchen und Eichen, links die Strände, rechts die viktorianischen Hotels der Promenade. Eines davon, das finden sie jetzt besonders lustig, heißt "Royal Duchy Hotel", Hotel "Königliches Herzogtum". Irgendwo auf der Promenade kommen ihnen tatsächlich zwei Polizeifahrzeuge entgegen, langsam, ohne Blaulicht, und Rodney und Hugh wollen schon anhalten, um sich zu stellen. Doch die Polizei fährt vorbei, zur Burg hinauf, doch dann wendet der Wagen, und endlich klappt es mit der eigenen Verhaftung, die sie so sehr ersehnt haben: Die Polizei kommt zurück und aktiviert sogar, den silberfarbenen Volvo in Sichtweite, das Blaulicht.

Die Verhaftung von Rodney und Hugh geht sehr freundlich vonstatten. Währenddessen gelingt es Nigel allerdings, schnell mit seinem Mitsubishi nach Hause zu fahren und den Videofilm zu verstecken. Rodney und Hugh werden in einem weißen Polizeikombi abtransportiert. Später wird auch Nigel verhaftet, weil der Herr mit den Stiefeln drei Täter angezeigt hat. Während die Männer einzeln, ohne Schuhe und Jacken in kalten Zellen warten, werden daheim ihre Wohnungen durchsucht. Nigels Kamera verschwindet in Polizeigewahrsam, der Film bleibt unentdeckt. Gegen Mitternacht und unter der Auflage, nach vier Wochen wieder zu erscheinen, werden die kornischen Parlamentarier schließlich freigelassen.

14 Monate sind vergangen, eine Zeit, in der sich die Atmosphäre spürbar aufheizte. Da sind auf einmal Polizisten, englische Polizisten, die Nigel anfauchen: "Du bist Engländer, ob du es willst oder nicht!" Und da sind die "Stannators", wie sich Nigel und seine 23 Parlamentskollegen nennen, die offen von "Rassismus" sprechen. Nachdem sie 1974 erstmals wieder Wahlen veranstaltet hatten unter einigen Hundert Nachfahren der keltischen Minenarbeiter, versuchten sie es zunächst mit symbolischen Akten: Zum Besuch von Prinz Charles verteilten sie an Tausende Schulkinder kornische Flaggen, weißes Kreuz auf schwarzem Grund, und erlebten amüsiert, wie die Pressefotografen sich mühten, den korrekten Jubel ohne die unerwünschten Flaggen abzubilden. Bei einem anderen Besuch des Herzogs von Cornwall reichte ein Stannator dem Chauffeur ein Schild mit der Aufschrift "tol gwen ov vy". Kurz konnte man es im Fahrzeug sehen, dann verschwand es. Man hatte den Text übersetzen lassen: "Ich bin ein Arschloch."

Schon länger korrespondiert das "Stannary Parliament" regelmäßig mit der EU, um auf diesem Wege die Anerkennung als Region und als ethnische Minderheit zu erzwingen. Alles, was Zustimmung bedeuten könnte, sammeln sie. Zum Beispiel hat Monika Wulf-Mathies in ihrer Funktion als Mitglied der Europäischen Kommission 1995 geschrieben: "Ich unterstütze die Notwendigkeit, die Sprachen und die Identität von Minderheiten in der Union zu stärken ... Wir hoffen, dass das Stannary Parliament in der Lage sein wird, dabei eine wichtige Rolle zu spielen." Doch inzwischen suchen die Stannators nicht nur passiv Zustimmung, sie greifen selber an. Am 15. Mai 2000 schickten sie dem Grafen Peel, dem Vertreter des Herzogs von Cornwall, eine Rechnung über 20 067 900 000 Pfund, mehr als 30 Milliarden Euro, für zwischen 1337 und 1837 zu Unrecht erhobene Steuern auf Zinn aus Cornwall. Der Herzog wisse genau, sagt Nigel, dass die Rechnung seriös sei.

Umso größer dürfte das Interesse des Herzogs gewesen sein, die gestohlenen Schilder und das ganze "Stannary Parliament" einfach zu ignorieren. Das haben die Engländer schließlich mit allen keltischen Besitzungen getan, solange der Widerstand klein und ihre Macht groß war: ob in Schottland, Wales, Irland oder eben Cornwall. Doch während Irland die Unabhängigkeit, Schottland ein eigenes Parlament und Wales eine gewisse Autonomie erhielten, ging Cornwall leer aus. Und niemand rebellierte dagegen, die Assimilation der keltischen Bewohner an die englischen Machthaber schien vollzogen. Bis Rodney, Hugh und Nigel anfingen, Schilder zu stehlen.

Nun, vor Gericht in Truro, werden sie aussagen, dass sie all ihre Verbrechen in völliger Übereinstimmung mit kornischem Recht begingen. Sie werden aussagen, dass entgegen der Europäischen Konvention zum Schutz von Minderheiten immer mehr Engländer nach Cornwall ziehen und die Bevölkerungsbalance verfälschen. Dass andererseits wieder mehr als 2000 Menschen Kornisch sprechen. "Diese Leute", sagt Nigel, "warten mit Ungeduld auf das Urteil." In Wales, erzählt er, hätten vor 20 Jahren Ferienhäuser gebrannt, so frustriert waren die Waliser. Dann sagt er, als Drohung vielleicht, vielleicht aus Angst: "Ich weiß nicht, was passiert, wenn sie uns einsperren."

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