Zeitung Heute : Erzgebirge: Sieben Lifts für acht Kilometer Abfahrt

Wilhelm Hüls

Die Lok der Fichtelbergbahn lässt kräftig Dampf ab und hüllt die kleine Oberwiesenthaler Bahnstation für Sekunden in Nebel. Davor warten drei Kutscher mit ihren Gespannen auf die Gäste, die von Cranzahl aus mit der romantischen Bimmelbahn angereist sind. Es dauert eine Weile, ehe sich die Winterurlauber unter Decken und in Schaffelle eingekuschelt haben. Auf ihrer Kutschpartie rings um die mit knapp 1000 Metern höchstgelegene Stadt in Deutschland erwartet sie zur Zeit eine nur leicht verschneite Landschaft. Seit Tagen liegt das Erzgebirge zwar unter einer Kälteglocke, aber keine Flocke fällt vom Himmel.

Wie dicker Puderzucker klebt Rauhreif auf den Fichten- und Tannenzweigen. Das lässt allabendlich die Lichterketten noch mehr glitzern und funkeln, die an den Fassaden der großen Hotels leuchten. Touristen spazieren gemütlich durch die schmalen Straßen. Mit glänzenden Augen bleiben sie vor den Auslagen jener Läden stehen, die erzgebirgische Volkskunst anbieten.

Bei Einheimischen und Gästen gleichermaßen beliebt ist das Gasthaus Riedel unten im Tal in der Annaberger Straße. Zur großen Freude der Urlauber veranstalten die Wirtsleute, Peter und Uta Riedel, alle zwei Wochen donnerstags einen "Hutznabend". Das ist erzgebirgische Folklore pur und das gemütliche Beisammensein mit Akkordeonklängen, viel Gesang und Unterhaltung, beginnt jeweils um 20 Uhr und dauert je nach Stimmungslage der Gäste zwei Stunden. Im Mittelpunkt des Programms stehen die Werke des Heimatdichters Anton Günther (1876-1937), dessen sowohl fröhliche als auch besinnliche Lieder weit übers Erzgebirge hinaus bekannt sind. Am populärsten dürfte das Lied "Ist Foierobend" sein. Folklore und Kunsthandwerk locken inzwischen selbst Touristen aus Übersee an den Fuß des Fichtelbergs. In diesem Winter fanden auch zwei japanische Reisegruppen den Weg nach Oberwiesenthal. Die Touristen aus Fernost wollten einen Hutznabend erleben. Für die Wirtin, Uta Riedel, bedeutete das vorab, einmal ausreichend Fischgerichte auf die Speisekarte zu bringen und zum anderen, die Texte und Lieder des Programms für den Dolmetscher ins Hochdeutsche zu übersetzen.

Der Hutznabend hat seinen Ursprung im 18. Jahrhundert, also in jener Zeit, als sich im Winter die Leute aus der Nachbarschaft noch reihum trafen, um gemeinsam zu schnitzen oder zu klöppeln, dabei zu singen und Sagen zu erzählen. Nach dem Niedergang des Bergbaus waren in den ländlichen Regionen viele Familien arm. Davon künden heute noch einige äußerst einfache Speisen, wie zum Beispiel "Raacher Maad": Eine gekochte Kartoffel wird gerieben mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt und danach in der Pfanne gebraten. (Im Gasthaus Riedel kostet das Gericht drei Mark). Die Speisekarten sind in den meisten Gasthäusern Oberwiesenthals teilweise in erzgebirgischer Mundart verfasst: "Vu dr Sau" steht für Gerichte vom Schwein und "vum Oschs" bedeutet Rindfleisch. Mit "de Vugeln" ist Geflügel gemeint, unter der Rubrik ist auch der traditionelle Gänsebraten mit grünen Klößen zu finden.

Bis Anfang März kommen die meisten Urlauber zum Skifahren an und auf den Fichtelberg. Zur Zeit liegt zwar Schnee, aber es gibt keinerlei Garantie dafür, dass sich die weiße Pracht durchgehend hält. Deshalb hat sich der Ort eine zweite Beschneiungsanlage geleistet. Ein Vierer-Sesselift (mit durchsichtiger Windschutzscheibe), und die Schwebebahn bringen die Skifahrer auf den 1214 Meter hohen Gipfel hinauf. In Spitzenzeiten könnten pro Stunde 2500 Leute befördert werden. Doch Massenandrang und Wartezeiten gibt es hier nicht. Jeder hat genügend Platz um seine Skikünste zu präsentieren.

Insgesamt bietet der Wintersportort sieben Lifts und acht Kilometer reine Abfahrtstrecke. Für Langläufer sind 25 Kilometer gespurt, inklusive einer fünf Kilometer langen Skatingstrecke, die bis auf 1100 Höhenmeter hinaufklettert. Weniger anstrengend sind die Skiwanderwege, die rings um das Wintersportzentrum auf einer Länge von insgesamt 40 Kilometern präpariert sind.

Eine Route führt am Sparingberg vorbei. Dort erhebt sich unübersehbar ein Neubaugebiet, wie es für viele Städte im Osten typisch ist. Mitte der neunziger Jahre standen bereits 60 Wohnungen leer. Die weitere Nutzung war unklar. Dann machte der ehemalige Bundesbauminister Klaus Töpfer den Vorschlag, die Häuser anderweitig zu nutzen. Ein kapitalkräftiger Investor aus Dresden kaufte das Objekt und baute 120 Wohnungen zu Ferienunterkünften um. Deren komfortable Ausstattung lässt den Besucher sofort vergessen, dass er sich in einem Plattenbau befindet. Zwei Wohnungstypen, entweder für vier oder für sechs Personen, werden angeboten. In der Nachbarschaft ist im vergangenen Monat ein Panoramarestaurant entstanden, und jetzt hat Oberwiesenthal endlich auch einen Italiener. Der Sparingberg bietet einen freien Blick auf die Skischanzen am Fichtelberg. Dort finden freitags und sonnabends am Haupthang effektvolle Fackelabfahrten statt. Das Flutlicht wird ausgeschaltet und bei Popmusik wedeln 130 Fackelfahrer den Berg hinab. Zwei Skilehrer gleiten vorweg und bestimmen somit das Tempo, um die wagemutigen Gäste sicher unten ankommen zu lassen..

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben