Zeitung Heute : Es beginnt mit dem genetischen Unfall

HARTMUT WEWETZER

Im Mai hob die "New York Times" den Kinderchirurgen Judah Folkman aus Boston auf den Schild.Folkman will die Krebsgeschwulst aushungern, indem er ihre Lebensadern, die Blutgefäße, dank neuartiger Medikamente "verdorren" läßt.Der Hochstimmung folgten Dementis und das sarkastische Bonmot von Richard Klausner, dem Chef des Nationalen Krebsforschungsinstituts der USA: "Die Geschichte der Krebsforschung ist die Geschichte der Heilung von Krebs bei Mäusen." Aber was Nagetiere kuriert, muß noch lange nicht Menschen heilen.Der nächste Knüller war dann ein Brustkrebsmittel namens Herceptin.Der Wirkstoff ist durchaus vielversprechend - aber er hilft nur wenigen Frauen; von Heilung ganz zu schweigen.

"Trotz aller euphorischen Meldungen, unser Krieg gegen den Krebs ist noch lange nicht gewonnen." Mit dieser Feststellung hat der Münchner Chirurg Jörg-Rüdiger Siewert beim Deutschen Krebskongreß in Berlin so manchen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.Noch immer werden vermutlich 99 Prozent der Krebskranken mit den herkömmlichen Therapien behandelt.Also mit dem Skalpell des Chirurgen, der Chemotherapie des Internisten und der Strahlentherapie des Röntgenarztes, nicht aber mit Antikörpern, Blutgefäß-Blockern oder Gentherapie.Doch hat Siewert in Berlin auch darauf hingewiesen, daß "erstmals an der richtigen Front gekämpft wird".Denn die aufsehenerregenden Mittel aus den Labors innovativer Biotechnik-Unternehmen gründen auf einem neuartigen Verständnis der Tumorentstehung und einem in den letzten Jahren sprunghaft gewachsenen Wissen über Krebs.

Danach ist eine bösartige Geschwulst nicht das Ergebnis einer "Krebspersönlichkeit", ebensowenig läßt sie sich durch eine "Anti-Krebs-Diät" oder irgendeine scharlataneske Wunderkur zum Verschwinden überreden.Inzwischen steht fest, daß am Beginn schrankenlosen und zerstörerischen "krebsartigen" Zellwachstums ein genetischer "Unfall" in einer einzigen Körperzelle steht.Die genetische Steuerung der Zelle versagt, sie teilt sich unaufhörlich und ohne Rücksicht auf ihre Umgebung.Der amerikanische Krebsforscher Bert Vogelstein vergleicht die Havarie in den Genen der Krebszelle mit einem Auto, dessen Bremsen defekt sind und das mit Vollgas in den Abgrund rast.Das "Grundgesetz" der Krebsentstehung ist also mittlerweile bekannt.Und auch wenn es noch an Detailwissen mangelt, so ist doch damit das Fundament für eine ursächlich wirksame Behandlung gelegt.Bis diese gefunden ist, gilt es, die Zwischenzeit sinnvoll zu überbrücken.Das beginnt, nachdem die Diagnose "Krebs" gestellt wurde.Denn nicht nur die Krankheit selbst, sondern auch die Kompetenz der Klinik und das Geschick der Ärzte entscheiden darüber, ob der Patient überlebt.

Der Krebschirurg Siewert hat sich deshalb dafür ausgesprochen, Kranke in einem noch heilbaren Stadium an spezialisierte Therapiezentren zu überweisen.Bei der Tumorbehandlung sollte nicht der Zufall, sondern eine rechtzeitige und planvolle Behandlung Vorrang haben.Man kann sich leicht vorstellen, wievielen Menschen besser geholfen wäre, läge ihre Behandlung von vornherein in den Händen erfahrener Therapeuten.Und schließlich wächst allmählich das Bewußtsein dafür, daß der Patient auch und besonders dann Hilfe braucht, wenn Heilung nicht mehr möglich ist.Schmerzen lindern, das Befinden bessern, seelischen Beistand leisten: auch darin erweist sich gute Krebsmedizin.Obwohl sich damit keine Schlagzeilen machen lassen.

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