Zeitung Heute : Es bleibt in der Familie

Sie fühlten sich stets beim Vater in der Pflicht – jetzt ist Strauß-Sohn Max verurteilt, und Tochter Monika ist in höchsten Nöten

Mirko Weber[München]

Und da ist noch dieser ältere Mann gewesen, letzte Woche im Augsburger Gericht. Er hatte den ganzen Steuerhinterziehungsprozess gegen Max Strauß verfolgt, letzte Reihe, Mitte. Er hörte das Urteil und verfolgte später, wie Gabriele Strauß, die Ehefrau von Max, empört rief, dass sie das alles kenne, von ihrem Vater und von früher: „Der war nämlich im KZ.“ Und dann ging der Mann ganz langsam auf den Ausgang in Augsburg zu und murmelte ein ums andere Mal: „Die traun sich was. Der Sohn vom Franz Josef Strauß.“

Wer den Sohn trifft, trifft immer noch den Vater. Und der Vater ist, trotz allem, was man mittlerweile weiß über ihn, auch fast 16 Jahre nach seinem Tod, in Bayern, aber nicht nur in Bayern, ein seltsamer Heiliger geblieben.  Keiner kommt an ihm vorbei. Noch nicht einmal die eigenen Kinder.

Zehn Jahre vor dem Tod des Alten notiert der Schriftsteller und  spätere Wahlhelfer von Franz Josef Strauß, Golo Mann, in seinem Tagebuch: „Strauss sprach, und da ich direkt neben ihm sass, konnte ich ihn genau beobachten, at his best, völlig improvisiert, voll gewaltigem Humor, herzhafter lustiger Frechheit, sprühend von guten Einfällen, ich konnte nicht anders als ihn bewundern und im allerhöchsten Grade sympathisch finden; dass er es sein kann, ist mir bekannt.“

Golo Mann resümiert hier, was die Kinder, namentlich Monika Hohlmeier, bis heute nicht müde werden zu erzählen, wenn die Rede auf den Vater kommt: Er war anders. Anders, als die Linke ihn hat sehen wollen. Anders, als selbst wohlwollende Medien ihn zeichneten. In der rückblickenden Betrachtung vermischen sich dabei oft das Private und das Politische, aber immer bleibt ein Bild stehen: Franz Josef Strauß war ein Gejagter. Aber er war vor allem ein Jäger. Was blieb seinen Kindern anderes übrig, als seine Spur aufzunehmen? 

Im Falle von Max Josef Strauß hat der Verlauf der Augsburger Gerichtsverhandlung erschreckende Details darüber zutage gefördert, wie ein Mann daran zugrunde gehen kann, wenn er die so genannte Familienehre retten will. Die nach Ansicht des Gerichts erwiesenen Provisionszahlungen von Karlheinz Schreiber an Max Strauß im Rahmen der Airbus-Geschäfte sind teilweise wohl auch erfolgt, weil Schreiber sich der Familie Strauß aus einem anderen Grund immer noch verpflichtet fühlte. Max Strauß soll von seinem Vater bei Karlheinz Schreiber sozusagen in die Lehre gegeben worden sein. Eines der ersten großen Geschäfte, das Max Strauß zusammen mit Schreiber noch zu Lebzeiten von FJS abwickeln sollte, war ein privater Grundstückskauf in Kanada. Die Sache ging schief, und die Familie Strauß sah sich gleich um mehrere Millionen Mark erleichtert.

Auch zu diesem Punkt hat Max Strauß in Augsburg geschwiegen, doch liegt es rückblickend auf der Hand, dass es dem Sohn nach dieser missglückten Aktion hauptsächlich wichtig war,  seinen Ruf wiederherzustellen. „Alles Weitere mündlich über Max“, lautet eine berühmt gewordene Kalendereintragung von Karlheinz Schreiber. Max war das Medium, verstand aber nicht mehr rechtzeitig die entscheidende Message. Da er vom Vater nicht mehr gedeckt werden konnte und auch nicht ansatzweise über dessen Fingerfertigkeiten auf der Machtklaviatur verfügte, rannte Max Josef Strauß mit einem sehenden und einem zugekniffenen Auge in sein Unheil.

Ganz anders, weil im Ergebnis auch nicht ansatzweise so desaströs, aber politisch gesehen schlimm genug, liegen die Dinge im Fall von Monika Hohlmeier. „Die Moni“, so hat das der Vater früher einmal durchblicken lassen, habe vielleicht nicht die Durchsetzungskraft der Brüder Max und Franz Georg, sei aber die Anpassungsfähigere. Diese Qualität war in der Tat vonnöten, als die Mutter 1984 bei einem Autounfall ums Leben kam. Damals entwickelte die Familie Strauß jenes Gemeinschaftsgefühl, das Monika Hohlmeier im Zusammenhang mit der Anklage gegen ihren Bruder einmal als Eisbären-Mentalität bezeichnet hat. Wer es mit einem der Straußens aufnimmt, bekommt es gleich mit allen anderen zu tun. Darüber hinaus gilt: Außerhalb der Familie wird über Familiäres nicht geredet, schon gar nicht über Fehler oder Verfehlungen der Angehörigen. Im Zusammenhang mit der so genannten Testamentsaffäre, während der sechs Jahre nach dem Tod von Franz Josef Strauß in der Öffentlichkeit wieder einmal  dunkleres Licht auf den Verblichenen fiel, konnte es sich Max Strauß mit aller ihm zur Verfügung stehenden Herablassung noch leisten, alle zu warnen, die den Straußens Böses wollten. Sie könnten sich, sagte er, „eine blutige Nase“ holen.

Umgekehrt war es dann bis vor kurzem nur noch Monika Hohlmeier, die innerhalb des Strauß-Clans gefeit dagegen schien, sich Verletzungen einzuhandeln. Ihr Aufstieg in der Partei verlief rapide, ihr Privatleben galt als mustergültig, und allenthalben wurde ihr in Sachen Karriere noch mehr zugetraut, als sie binnen kurzem in der CSU erreicht hatte. Der Stoiber’sche Auftrag, die Münchner Bezirksebene der Partei in Ordnung zu bringen, schien so etwas wie der Ritterschlag zu sein. Hätte Monika Hohlmeier diese Aufgabe geschafft, wäre sie womöglich eine Nachfolgerin für Edmund Stoiber gewesen, und Monika Hohlmeier, die in treuer Pflichterfüllung bisher noch keiner Herausforderung im Leben aus dem Weg gegangen ist, wollte auch diese schultern. Jetzt aber ist sie in München gescheitert, und unterstellt, es stimmt, dass sie zur letzten Krisensitzung der Münchner CSU-Führung mit Dossiers hantiert hat, durch deren Inhalt   Mitglieder dieses Zirkels bloßgestellt werden sollten, so wird es auch der alte Druck gewesen sein, den Monika Hohlmeier vor dieser Erpressungsaktion gespürt haben mag: Bedenke, dass du eine Tochter bist!

Der vielleicht folgenschwerste Satz Monika Hohlmeiers, der in der Münchner CSU gefallen sein soll, heißt: „So, gegen jeden von euch gibt es was.“ Mit diesen Worten legte die Strauß-Tochter einen grünen Aktenordner auf den Tisch. Diese Drohung ist gerade deshalb so bedenklich, weil es stets Monika Hohlmeier war, die von der Theorie nicht lassen konnte, dass die Familie Strauß auf ewig einer ungeheuren Hetzkampagne ausgesetzt gewesen sei. Wenn die verfilzte und zur flächendeckenden Korruption neigende Münchner CSU ihrer Chefin nun mangelnde Führungskraft und Kungelei vorwirft, wird ein Drama allmählich zur Farce, viel tiefer kann man in einem Sumpf nicht sinken, der auszutrocknen gewesen wäre. Auf der anderen Seite schließt sich in den Affären um den CSU-Landtagsabgeordneten Joachim Haedke und seine Handlanger, die im Gegensatz zu ihm rechtskräftig wegen manipulierter Mitgliederwerbung zu Geldstrafen verurteilt worden sind, auch wieder ein Kreis. An dessen Anfang steht das länger zurückliegende Engagement von Max Strauß in der Münchner CSU, das sehr unglücklich endete, um das Mindeste zu sagen. Mag sein, Monika Hohlmeier hatte etwas gutzumachen an ihrem Bruder. Mag sein, sie wollte es, wie immer, selber zu gut machen. Mag sein, sie tat dies alles wegen ihres Namens, dem alten, nicht dem neuen.

Edmund Stoiber, dessen Verhältnis zu den Straußens allgemein und zu Monika Hohlmeier im Besonderen momentan ungeklärt scheint, verhält sich zwiespältig, wie es in seiner Natur liegt. Er möchte keine Fehler machen. Als er in Augsburg aussagte, schaute er nicht einmal in Richtung Max Strauß. Franz Josef Strauß habe seine Kinder geliebt, sagte der Ministerpräsident. „Auch Max Strauß, selbstverständlich.“

Im Falle Hohlmeier sagte Stoiber, es handle sich um Vorwürfe, „die ich im Moment nicht beurteilen kann“. Den Rücktritt vom Münchner Amt „respektiere“ er. Respekt ist ein in Bayern grundsätzlich gern gebrauchtes Wort. Gegenüber der Familie Strauß aber ist der Respekt deutlich im Schwinden begriffen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar