Zeitung Heute : „Es braucht politische Führer“

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In Israel hat Vizepremier Ehud Olmert übergangsweise die Regierungsgeschäfte übernommen. Welche Lücke reißt Ariel Scharon, Herr Perthes?

Natürlich ist zunächst einmal jeder Politiker ersetzbar. Trotzdem wird es in der derzeitigen politischen Situation in Israel sehr schwer sein, jemanden zu finden, der die Rolle Scharons ausfüllen kann. Nicht zuletzt, weil das zentrale Projekt Scharons eng mit seiner Person verbunden ist, nämlich die Grenzen Israels in Übereinkunft mit den Palästinensern endgültig festzulegen. Auch die parteipolitische Neugliederung Israels ist betroffen: Scharons neue Kadima-Partei stützt sich im Wesentlichen auf die Popularität und Glaubwürdigkeit ihres Gründers.

Trotz des Widerstands in der Likud-Partei unterstützten letztendlich weite Teile der israelischen Bevölkerung den Abzug aus Gaza. Hat Scharon sein Land vielleicht doch schon nachhaltiger verändert, als viele denken?

Es gibt nicht nur eine Mehrheit für den Abzug aus Gaza, sondern auch für einen Rückzug aus der Westbank. Es braucht aber auch politische Führer, die so etwas gegenüber der nationalistischen Rechten durchsetzen können. Hier ist Scharon jemand, der über das linke Spektrum hinaus Unterstützung mobilisieren kann.

Wie kann es mit dem Friedensprozess im Nahen Osten jetzt weitergehen?

Zurzeit gibt es ja gar keinen wirklichen Friedensprozess. Es gibt nur eine Abfolge von unilateralen Schritten und Gesprächen über die Wiederaufnahme des Prozesses. Sollte Scharon zu diesem Zeitpunkt ausscheiden, wird es auf jeden Fall eine Pause geben.

Wie weit hängt das Schicksal der Palästinenserführung um Machmud Abbas mit dem Scharons zusammen?

Solange es den Besetzungszustand gibt, wird das Schicksal der beiden Seiten miteinander verknüpft sein. Für die Palästinenser gäbe es sicherlich Gesprächspartner auf der israelischen Seite, mit denen sie eher zu einer Übereinkunft kommen könnten als mit Scharon. Aber das heißt ja noch nicht, dass diese Politiker eine solche Übereinkunft auch in Israel durchsetzen können – Scharon konnte zumindest durchsetzen, was er sich vornahm.

Welche Rolle kann Ehud Olmert spielen, der Scharon im Moment vertritt?

Er ist kein charismatischer Führer wie Scharon. Er hat zwar mit ihm eng zusammengearbeitet und ist, was den Abzug aus Gaza betrifft und die Akzezeptanz eines palästinensischen Staates angeht, dessen Vordenker. Aber er kann sicherlich nicht im gleichen Maße Wahlen gewinnen.

Wie werden die USA und die Europäer jetzt reagieren?

Sie werden weiterhin die Israelis dazu auffordern, bestimmte Zusagen, die sie den Palästinensern gemacht haben, auch durchzusetzen, vor allem im Blick auf die Wahlen dort. Trotz aller Unsicherheiten dort wird eine demokratisch gewählte Führung ein verlässlicher Partner sein. Das Parlament ist zwar demokratisch gewählt worden – aber vor zehn Jahren.

Volker Perthes ist Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Das Gespräch führte Fabian Leber.

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