Zeitung Heute : „Es bringt nichts, wenn ich den lieben Onkel spiele“

Bernd Koberling, Professor für Malerei, steht zu seinem Ruf als strenger Lehrer. Seine Methode: Liebe und Autorität

-

Bernd Koberling ist Professor an der Fakultät Bildende Kunst und gilt als jemand, der sehr hohe Ansprüche an seine Schüler stellt. Koberlings eigene Arbeiten sind geprägt von der Berliner und der rheinischen Kunstszene der Sechziger und Siebzigerjahre. Der Ursprung seines Werks liegt im Abstrakten Expressionismus und dem Informel. In den letzten Jahrzehnten entwickelte Koberling eine sinnliche und autonome Bildsprache. Die Inspiration für seine Aquarelle und großformatigen Gemälde bezieht der Künstler und Lehrer aus der Natur seiner Wahlheimat Island, wo er einen Teil des Jahres verbringt. Wir trafen den passionierten Angler, gelernten Koch und gefürchteten Ästheten in seinem Kreuzberger Atelier.

Herr Koberling, kann man Kunst überhaupt lehren?

Eigentlich kann man Kunst weder lehren noch studieren. Ich kann den Leuten nur das beibringen, was sie eigentlich schon wissen. Da muss ein unbewusster Resonanzboden vorhanden sein, sonst ist es sinnlos.

Welche Lehrer waren für Sie prägend?

An der Hochschule konnte man mir wenig beibringen. Mein eigentliches Studium habe ich bei Manfred Laber absolviert, der an der Kunsthochschule studierte. Ich machte damals eine Kochlehre und malte nur vormittags. Laber interessierte sich für meine Arbeiten und ich löcherte ihn mit Fragen. Zwei Jahre lang „korrigierte“ er meine Bilder und verschaffte mir Einblick in die aktuelle Kunst. So habe ich viel gelernt.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Studenten für Ihre Klasse aus?

Es geht mir vor allem um die Person. Ich kenne den langen Weg, der vor den jungen Leuten liegt, aus eigener Erfahrung. Ich versuche zu erkennen, ob dieser Mensch das Durchhaltevermögen und die Fantasie hat, diesen Weg zu meistern. Eine gewisse Intensität muss da sein, eine interessante Persönlichkeit. Ob die gezeigten Arbeiten mir gefallen, spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Als wichtigstes Lehrinstrument gilt in der bildenden Kunst die Klassenbesprechung. Wie gehen Sie dabei vor?

Die Besprechung ist ein kollektiver Prozess. Alle sind dabei, wenn ich die Runde durch die zwei Ateliers mache. Aber worüber geredet wird, ist völlig verschieden. Manchmal geht es konkret um ein Bild, manchmal reden wir über die Kunstgeschichte, die Natur, Gott und die Welt. Ich provoziere auch gerne mal mit einem Kommentar. Manchmal lasse ich jemanden einfach weitermalen, ohne mich zu äußern.

Wie wichtig ist Ihnen Pädagogik?

Das ist eine entsetzlich schwierige Sache. Man darf als Lehrer nicht immer gleich jeden Fehler kritisieren, sonst erstickt man die Schüler. Ich verfolge einen pädagogischen Plan, aber ganz leise. Wenn die Studenten sich nicht bilden wollen, sage ich ihnen: „Vergesst nicht, Kunst ist eine intellektuelle Tätigkeit.“ Etwas später im Studium sage ich ihnen: „Kunst ist keine intellektuelle Tätigkeit, sondern eine intuitive.“ Dann sind die empört. Aber zuerst war das Wissen nötig, jetzt muss das Gefühl dafür wachsen.

Sie stehen in dem Ruf, sehr leistungsorientiert zu sein. Üben Sie Druck auf Ihre Schüler aus?

Sehen Sie, das ist wie beim Angeln: Wenn ich einen großen Fisch an der Leine habe, muss ich Druck geben. Dann muss ich ihm wieder Leine geben, ihn fahren lassen, bis er an Land kommt. Meine Methode besteht aus zwei Elementen: Liebe und Autorität. Ich versuche, meine Studenten auf das Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. Es ist hart, sein Brot als Künstler zu verdienen. Es bringt niemandem etwas, wenn ich jetzt den lieben Onkel spiele und nachher werden sie alle Taxifahrer.

Was haben Absolventen Ihrer Klasse am Ende des Studiums gelernt?

Wie man eine Bildstruktur baut, ein Bild so vernetzt, dass es intensiv und konsequent ist. Ein Bild muss ein dichter Organismus sein, es darf keine Löcher haben. Die Farbtemperatur muss stimmen, die Grundierung, die Farbzusammensetzung, die ganze Oberfläche. Da bin ich so lange unerbittlich, bis sie den Bildraum beherrschen.

Sie verbringen Ihre Sommer in Skandinavien. Welche Inspiration gibt Ihnen die Landschaft?

Als ich das erste Mal mit dem Zug Richtung Lappland fuhr, hatte ich durch die Dimension des Raums die größte Rauscherfahrung meines Lebens: Wälder, Himmel, Horizont. Die größte Störung des Blicks war alle zwei Stunden mal ein Holzhäuschen. Seitdem brauche ich das als Ausgleich zum Großstadtleben, aber auch als Reservoir von Eindrücken, aus denen ich schöpfen kann.

Sie werden im November 65 Jahre alt. Denken Sie schon an den Ruhestand?

Eigentlich wollte ich mit 62 aufhören, aber jetzt bleibe ich doch noch zwei Jahre, damit ich meine Klassen planvoll und in Ruhe zu Ende bringen kann. Schließlich will ich keine Waisenkinder hinterlassen.

Das Interview führte Nina Apin.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben