Zeitung Heute : Es darf wieder gehandelt werden

KURT SAGATZ

Die Landtagswahl von Sachsen-Anhalt mit den extremen Zugewinnen der rechtsextremen DVU war sicherlich nur bedingt ein Testlauf für die Bundestagswahl.Zumindest aus Sicht der Macher des Internet-Angebots von www.wahlstreet.de .Angelehnt an den normalen Börsenhandel mit Aktien konnten dort zur Magdeburg-Wahl von eingetragenen Händlern Parteien-Aktien ver- und gekauft werden, wobei sich Erfolg oder Mißerfolg am Ende daran maß, wessen Einschätzungen am besten mit den tatsächlichen Wahlergebnissen übereinstimmten.

Bei der sachsen-anhaltinischen Wahl gelangte dabei eine Strategie auf das Siegerpodest, die von vornherein das gute Abschneiden der extremen politischen Richtungen vorausgeahnt hat."Volksparteien verkaufen - Sonstige kaufen", damit hat Mrs.Soros (Der Name wurde anonymisiert) ihren Anfangseinsatz auf 287 Prozent erhöht.Da bei wahlstreet.de der maximale Einsatz 10 Mark beträgt, um nicht in den Verdacht der Zockerei zu kommen, bedeutete das für die ambitionierte Parteienhändlerin am Ende ein Plus von 18,70 Mark.Große Gewinne sind auch bei der Bundestagswahl nicht zu erwarten, doch darum geht es den Machern von Wahlstreet auch gar nicht, wie Internet-Experte Boris Gröndahl betont, der den redaktionellen Teil von Wahlstreet im Auftrag des Tagesspiegels und der "Zeit" betreut.Immerhin sorgt diese Einstellung dafür, daß auch die Verluste nicht ausufern, selbst der schlechteste Händler zur Sachsen-Anhalt-Wahl, der die Bündnis-Grünen favorisierte, verlor gerade einmal 5 Mark.

Für die Initiatoren von wahlstreet.de noch interessanter als die Erfolgsstatistik der Händler ist die hinter dem Angebot stehende Idee, die davon ausgeht, daß der wirtschaftliche Sachverstand von börsentypisch agierenden Händlern zumindest nicht schlechter ist als die Prognosen der professionellen Auguren.Auch die richtige Börse reagiert schließlich oftmals stärker auf Stimmungen als auf die fundamentalen Werte der wirtschaftlichen Entwicklung eines Unternehmens.Jüngstes Beispiel: Der Dollar.Sein Kurs wird derzeit offenbar mehr durch die Praktikanten-Affäre des US-Präsidenten bestimmt als durch die Außenhandelsbilanz der Supermacht.Die zunehmende Personalisierung des Bundestagswahlkampf könnte zu ähnlichen Entwicklungen im Bundestagswahlkampf führen, ein Aspekt, der das Handeln auf www.wahlstreet.de eher hoch spannender macht.

Um den Händlern das direkte Reagieren zu erleichtern, wurde das Wahlstreet-Angebot um einen ausführlichen Newsteil ergänzt.Wichtige Meldungen und Interview-Ausschnitte stehen per Hyperlink zur Verfügung.Auch die Ergebnisse der Meinungsforscher sind direkt über die Wahlstreet-Homepage abrufbar.Weiterführende Informationen bietet zudem der Kooperationspartner www.wahlkampf98.de , der eine der interessantesten Wahlkampfplattformen im Internet unterhält.Auf www.wahlstreet.de heißt es jetzt jedenfalls wieder: Es darf gehandelt werden.Immerhin 1300 Netzbürger haben bereits ihr Interesse als Händler angemeldet.

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