Zeitung Heute : „Es fehlt an Lkw und Treibstoff“

DRK-Präsident Seiters über die Schwierigkeiten der Helfer und eine beeindruckende Spendenbereitschaft

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Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass fünf Millionen Menschen von jeder Grundversorgung abgeschnitten sind. Was macht die Hilfe so schwierig, Herr Seiters?

In Sri Lanka zum Beispiel haben sich 500 000 Menschen in Camps eingefunden, aber eine Million leben in zerstörten Häusern oder sind obdachlos. Viele davon sind nicht erreichbar, weil es Schwierigkeiten gibt, auf normalem Weg in besonders abgelegene Gebiete zu gelangen.

Der normale Weg ist der Landweg?

Ja, per Lastkraftwagen. Da gibt es Probleme bei den Transportkapazitäten. Es fehlt an Lkw und Treibstoff. Das Problem ist bekannt und erkannt, man versucht auf alle erdenkliche Weise, so schnell wie möglich die Kapazitäten zu erhöhen. Von den Vereinten Nationen wurden 26 Lkw und Treibstoff nach Banda Aceh entsandt. Das Rote Kreuz schickt zwei Landcruiser.

Welche Gebiete sind neben der Provinz Aceh auf Sumatra besonders betroffen?.

Der andere besonders problematische Bereich sind die Malediven, die ja aus 200 Einzelinseln bestehen.

Sind den Rettern und Helfern im Hinblick auf diese unzugänglichen Gebiete die Hände gebunden?

Nein. Man kann Hilfsgüter ja auch per Flugzeug und Hubschrauber dorthin bringen. Das Internationale Rote Kreuz zum Beispiel steht in Verhandlungen mit dem World-Food-Programm der Vereinten Nationen, um auch in diesen Gebieten Lebensmittel zu verteilen. Das Rote Kreuz chartert gegenwärtig 20 Hubschrauber zu diesem Zweck.

Wissen die Notleidenden denn, was sie mit den abgeworfenen Lebensmitteln und Medikamenten anfangen sollen?

Die Amerikaner werfen die Hilfsgüter aus Flugzeugen ab. Inwieweit sie mit den Menschen vor Ort kommunizieren, kann ich nicht beurteilen. Unsere Hubschrauber versuchen zu landen, und unser Personal sollte für Erklärungen bereitstehen.

Wie sieht die Hilfe des Roten Kreuzes sonst aus?

Wir schicken Trinkwasserversorgungsanlagen und Basisgesundheitszentren. Eine Trinkwasserversorgungsanlage versorgt 15000 Menschen mit Trinkwasser. Ein Basisgesundheitszentrum versorgt 20000 Menschen medizinisch.

In Indien sollen sich Kleidung und Essen stapeln, aber nicht transportiert werden.

Das kann ich nicht bestätigen. Man muss allerdings sagen, Indien ist ein Sonderfall. Indien hat von Anfang an gesagt: Wir schaffen das alleine. Indien als große aufstrebende Nation legt großen Wert darauf, die Probleme mit eigenen Kräften bewältigen zu können. Jetzt allerdings kommen Hilfegesuche, weil offensichtlich das Ausmaß der Katastrophe so groß ist, dass doch die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft gebraucht wird.

Was sagen Sie jenen, die kritiseren, die Hilfe werde auf die Touristenzentren konzentriert und „Opfer zweiter Klasse“ in abgelegeneren Gebieten vernachlässigt?

Das glaube ich nicht. Wir werden jedenfalls in unserer Tätigkeit nirgends behindert und können dort helfen, wo wir das für richtig halten. Unsere Trinkwasseranlage in Sri Lanka zum Beispiel ist nicht etwa in Colombo aufgestellt worden, sondern im Nordosten des Landes. Im Augenblick sollten wir wirklich das Positive herausstreichen: Es werden ganz unglaubliche Anstrengungen unternommen in einer wirklich ungewöhnlichen Situation. Es geht um Ersthilfe, um Wiederaufbau, um ein Warnsystem, das Länder wie Sri Lanka und Bangladesch gar nicht bezahlen können – und wenn die internationale Staatengemeinschaft so solidarisch ist, wie es die Menschen in ihrer beeindruckenden Spendenbereitschaft sind, dann kommen wir ein gutes Stück voran in dieser Region. Dass auch Fehler passieren, ist klar. Aber das muss hinterher aufgearbeitet werden.

An welche Fehler denken Sie?

Die Koordination aller Hilfsaktionen ist gut, sie könnte aber noch besser sein, noch stringenter. Es gibt im Grunde nur drei Organisationen, die das leisten können: entweder das Empfängerland, wenn dieses stark genug ist und die Strukturen stimmen; oder die Vereinten Nationen, das UN-Büro zur Koordination humanitärer Fragen, Ocha; oder, im Auftrag der UN, eine international vernetzte Organisation wie das Rote Kreuz. Das müsste mal grundsätzlich entschieden werden.

Rudolf Seiters ist Präsident des Deutschen Roten Kreuzes.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

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