Zeitung Heute : Es führt kein Weg zurück

MALTE LEHMING

Was für ein Aufwand! Es geht um eine Fläche, die etwa doppelt so groß ist wie das Saarland.Es geht um knapp zwei Millionen Menschen, die um jeden Flecken dieser Fläche streiten.Es geht um Prozente und Prestige.Und dennoch nahm sich Bill Clinton, der mächtigste Mann der Welt, gut 60 Stunden Zeit, um Benjamin Netanjahu und Jassir Arafat zu demonstrieren, daß sie ihm persönlich geschadet hätten, falls die Verhandlungen in Wye Plantation über einen weiteren israelischen Abzug aus der Westbank gescheitert wären.Der amerikanische Präsident hat viel riskiert.Er hat Wahlkampftermine abgesagt, Außenministerin Madeleine Albright mußte Tag und Nacht vor Ort ausharren, der krebskranke jordanische König mischte mit, ein Hamas-Anschlag in der israelischen Stadt Beerschewa heizte die Emotionen zusätzlich an, kurz vor der Einigung deutete vieles noch auf ein Debakel hin.Am Ende waren aus dem geplanten Wochenende neun hochdramatische Tage geworden.Ein grandioses Spektakel.Hat es sich gelohnt?

In Camp David, ebenfalls im US-Bundesstaat Maryland gelegen, hatten Jimmy Carter, Menachem Begin und Anwar el-Sadat 1978 einen wahrhaft historischen Durchbruch erzielt: Zum erstenmal hatte ein arabisches Land das Existenzrecht Israels akzeptiert.In Dayton, Ohio, hatte es 1995 - auch unter amerikanischer Patronage - ein ähnlich spektakuläres Ergebnis gegeben: Serben, Kroaten und Moslems einigten sich auf einen gemeinsamen Staat.Gehört das Abkommen von Wye Plantation mit diesen markanten Wendepunkten der Weltgeschichte in eine Reihe?

Allein von der Sache her betrachtet sicher nicht.Ein weiterer Rückzug der Israelis war bereits vor 18 Monaten beschlossen worden.Jene 13 Prozent, auf die man sich jetzt verständigt hat, hätten längst umgesetzt werden können.Natürlich ist es gut, daß Extremisten nun stärker bekämpft, anti-israelische Passagen aus der PLO-Charta gestrichen und Palästinenser aus israelischen Gefängnissen entlassen werden sollen.Das alles wiegt jedoch nicht den schalen Beigeschmack auf: Das jetzt erreichte Ergebnis kommt spät, und es kam widerwillig zustande.Vom Geiste jener umwälzenden Versöhnungsbereitschaft, die den Händedruck zwischen Jitzhak Rabin und Jassir Arafat 1993 in Washington begleitete, ist nichts mehr zu spüren.

Aber wie auch? Die Welt von damals ist nicht die von heute.Rabin wurde 1995 ermordet, Israel hat mit Netanjahu einen Ministerpräsidenten gewählt, der die Friedensabkommen ursprünglich bekämpfte.Er vertritt die konservativen und nationalistischen Elemente.Und er regiert mit Hilfe einer höchst fragilen Koalition, die das Prinzip "Land gegen Frieden" mehrheitlich bis vor kurzem abgelehnt hat.Vor diesem Hintergrund ist das Abkommen von Wye Plantation wohl nicht historisch, aber es ist beachtlich.Sowohl Netanjahu, als auch sein neuer Außenminister, der ultrarechte Ariel Scharon, signalisieren damit, daß eine Teilung des Landes inzwischen unvermeidlich geworden ist.Früher oder später wird ein palästinensischer Staat entstehen.Selbst Israels Rechte scheint einzusehen, daß dieser Prozeß nicht umgekehrt werden kann.Seit Wye Plantation sitzen fast alle israelischen Politiker in demselben Boot.Und dessen Kompaß weist in die richtige Richtung.

Der Ausgang des Tauziehens von Wye hat - trotz allem - erneut gezeigt, wie überraschend stark die Dynamik des Friedensprozesses im Nahen Osten ist.Visionäre, das mag man beklagen, gestalten ihn nicht mehr.Aber sich ihm zu entziehen, ihn gar aktiv zu bekämpfen, das kann sich kaum noch jemand leisten.Wer die Umstände in Betracht zieht, muß dies als Fortschritt würdigen.

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