Zeitung Heute : Es geht um Detlefs Lieblingsjacke Das Modespecial des „Strassenfeger“

In Leder. Detlef als ModelFoto: H. Weber
In Leder. Detlef als ModelFoto: H. Weber

Anett Steinbrecher hat für das Berliner Obdachlosenmagazin Strassenfeger eine Modeausgabe produziert. Hier erzählt sie, mit welchen Geschichten und Vorurteilen sie dabei konfrontiert wurde.

„Als ich zum ersten Mal in der er Redaktionssitzung saß, wurde ich von den Autoren zunächst mit Vorurteilen beworfen: „Wer ist dieses junge Ding? Und was haben Obdachlose mit Mode zu tun?“ Normalerweise geht es im Heft um Politik, um Religion, um Frauen. Mode war in deren Köpfen ein teures Luxusgut, das man sich nur leisten kann, wenn man genug Geld hat. Sie davon zu überzeugen, dass ich nicht über Gucci und Prada schreiben möchte, sondern über etwas „Wahres“, war ein echter Kampf. Ich hatte zum Glück immer die Redaktionsleitung hinter mir, die meine Idee gut fand. Die meisten Leute drücken den Obdachlosen nur ein bisschen Geld in die Hand, das Magazin kaufen sie nicht. Ich wollte wenigstens mein eigenes Umfeld dazu motivieren, eine Ausgabe auch mal zu lesen. Die Modestrecke war der aufwendigste Teil der Arbeit: Ich bin von Kleiderkammer zu Kleiderkammer gelaufen, bis ich schließlich die „Kleiderstube Pankow“ gefunden habe. Sie hat tolle Räume. Ich habe mich zwei Tage lang dort eingesperrt und aus einem Meer von abgelegter Kleidung die Teile für die Fotostrecke herausgesucht. Meine Lieblingsgeschichte ist die von Detlef. Auch er hat mich am Anfang komisch angeguckt – aber mit einem Lächeln. Dann erzählte er mir, dass er Lederjacken sammelt. In einer hat er zum Beispiel seine Freundin kennengelernt, in einer anderen fast einen Karaoke-Wettbewerb gewonnen. Wenn jemand meine Idee kritisieren darf, dann ein Betroffener wie Detlef, der seit drei Jahren trockener Alkoholiker ist und im Wohnheim lebt. Aber genau er gab mir einen Einblick in sein Leben. Die Texte über die Lederjacken haben auf den Punkt gebracht, was ich umsetzen wollte: Mode aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Denn ob Detlef oder die anderen, die ich für die Straßenporträts fotografiert habe – jeder macht sich Gedanken über Mode. Viola zum Beispiel sammelt so krankhaft Kleidung, dass sie als Messie gilt und ihr Zimmer im betreuten Wohnheim regelmäßig gesäubert werden muss. Klaus trägt jeden Tag das gleiche blau-grün gemusterte Hemd, weil es ihn an eine Zeit erinnert, in der es ihm besser ging. Und Steffen ist mir aufgefallen, da er ganz in Beige gekleidet war. Er ist vor zwei Jahren „ausgestiegen“, lebt seitdem illegal im Wald und macht sich durch seine Kleidung dementsprechend unsichtbar. Es ist ein großartiges Foto geworden, aber um Steffen zu schützen, wollte ich es nicht veröffentlichen. Durch das Projekt relativiert sich alles: Was man hat, was man macht, wer man ist.Aufgezeichnet von Lisa Strunz.

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