Zeitung Heute : Es geht um die Wurst

Schlachteplatte wird serviert, der Wahlkreisabgeordnete ist da, und sie sind zornig – Niedersachsens SPD-Anhänger finden, dass die Regierung immer noch zu wohltätig ist

Constanze von Bullion[Wendeburg]

Von Constanze von Bullion,

Wendeburg

Womöglich liegt es ja nur an der Blaskapelle, dass hier gebrüllt wird, als stünde der Weltuntergang kurz bevor. Vielleicht ist es aber auch der Zorn, der Wolfgang Göhlich das Blut ins Gesicht treibt und seine Stimme dröhnen lässt, als sei irgendwo da drinnen ein schweres Düsentriebwerk angelaufen. „Es kann doch nicht sein“, schreit er quer übern Tisch, „dass bei uns noch den Toten Massagen verschrieben werden und jeder Betrüger Staatsgeld abkassiert.“ Ja sicher, antwortet der Herr mit dem weißen Kragen, „auch im Gesundheitswesen muss durchgegriffen werden“. Wolfgang Göhlich aber, ein gestandener Genosse in vorgerücktem Alter, mag die Versprechen der feinen Herren aus Berlin nicht mehr hören. „Ich bin zutiefst enttäuscht“, brüllt er noch lauter und stößt fast sein Bierglas um. „Wir sind einfach verarscht worden.“

Den letzten Satz kriegt Hubertus Heil nicht mehr mit, weil die Kapelle schon wieder losdonnert und er weiter muss zum nächsten Tisch. Heil ist ein freundlicher junger Mann von 30 Jahren, der sonst für die SPD im Bundestag sitzt, zum undogmatischen Nachwuchs gezählt wird und jetzt alle Hände voll zu tun hat, in seiner Heimat die Gemüter zu besänftigen. Im niedersächsischen Wendeburg läuft der Wahlkampf. 160 SPD-Mitglieder und Sympathisanten sitzen beim „Schlachteessen“ im Gasthof zur Linde, es gibt frische Rotwurst und Sülze zum Frühstück, dazu ein Fass Bier vom Ortsverein. Doch die Stimmung erinnert irgendwie ans Jüngste Gericht.

Wenn es stimmt, was Meinungsforscher vorhersagen, könnte die SPD in Niedersachsen am 2. Februar auf 36 Prozent abstürzen. Das letzte Bundesland mit absoluter SPDMehrheit droht der Kanzlerpartei abhanden zu kommen, und wenn nicht noch ein Wunder geschieht, blüht SPD-Ministerpräsident Sigmar Gabriel eine spektakuläre Niederlage. Ausgerechnet ihm, der schon als Kronprinz des Kanzlers gehandelt wurde. Ausgerechnet hier, im Schröderland, wo man nun überall hört, das Schlingern der Berliner Regierung sei schuld am Schlamassel der SPD.

Aus der Hauptstadt zum Wahlkampf an die niedersächsische Basis zu reisen, das ist also keine dankbare Aufgabe in diesen Tagen, aber das lässt sich der Abgeordnete Heil natürlich nicht anmerken. Punkt acht am Sonntagmorgen tritt er im makellosen Einreiher aus einem Kreuzberger Mietshaus, schaufelt schwungvoll ein paar zerfledderte Zeitungen auf den Rücksitz seines Polo und schert sich nicht darum, dass die Aussichten durch die Frontscheibe reichlich trübe sind.

Ja sicher, sagt er, einfach wird es nicht, die Basis mitzuziehen. Aus dem Wahlkreis melden sie „enorme Mobilisierungsprobleme“. Kaum einer hat Lust, schon wieder zu wählen, und statt über die Verdienste von Sigmar Gabriel redet jeder über die hilflosen Versuche in Berlin, beim Umbau des Sozialstaats eine klare Linie zu finden. „Die Leute sind sauer über das diffuse Bild, das wir abgeben“, sagt Hubertus Heil. „Wir geben ihnen nicht das Gefühl, dass wir anpacken.“

Mit Marschmusik zum Kampf

Er redet nicht gern um die Dinge herum, dieser robuste Niedersachse, dem in seiner Partei vor allem die Konzepte fehlen. Früher hatte jeder große SPD-Führer einen Strategen, „der für ihn denkt“, sagt Heil. August Bebel hatte seinen Kautsky und Willy Brandt seinen Bahr. „Wen hat eigentlich Schröder?“ Die Menschen dürften eine Regierung doch nicht „als Selbsterfahrungsgruppe“ wahrnehmen. Und jetzt? Will er keine Schönwetterbotschaften überbringen, sondern Mut machen zum Aufbruch und erklären, „dass ein handlungsfähiger Staat sich nicht auffressen lassen darf“.

Wendeburg bei Peine. Schwere Backsteinhöfe, schlichte Einfamilienhäuser, viel plattes Land. Die Menschen hier hängen am lieben Gott und an ihrem Boden, sagen die Leute, und wer keinen Acker zu bestellen hat, arbeitet bei Volkswagen und wählt SPD. Jeder Zehnte aber sitzt rum, Niedersachsen hat die meisten Arbeitslosen der Westländer. Was auch an der langen Grenze zum Osten liegen soll. Na ja, sagt Heil, viele Bauaufträge gehen an die billigere Konkurrenz aus Sachsen-Anhalt. Tariftreue bei öffentlichen Aufträgen, gleiche Löhne, das müsse schon sein. Er hat im Herbst hier 53 Prozent geholt. Bei Kommunalwahlen dagegen bricht die SPD stets ein, auf 38 Prozent kam sie bei der letzten.

Es muss also noch gekämpft werden um Wendeburg, weshalb der Musikzug in der „Linde“ schon mal einen Marsch bläst und die erste Lage HärkeBier einschwebt. Viel graues Haar ist im Saal zu sehen, auch vorn am Mikro, wo die Landtagsabgeordnete Rosemarie Tinius um Luft und Worte ringt. Chancengleichheit in der Schule, Regionalbahn für Wendeburg, der Witz über Wulff geht leider in die Hose, mitfühlender Beifall, dann kommt Hubertus Heil. Niedersachsen ist nicht das Atomklo Europas, sagt er, und bei der Gesundheitsreform stehen schmerzliche Debatten bevor. Stille. „Wir jammern auf verdammt hohem Niveau!“ Da endlich kommt sein erster Applaus.

Wie viel sich ändert in diesem Land, das nicht mehr ist wie es mal war, das kann man dann im Saal erleben. Kaum sind die Redner weg vom Podest, brechen an den Tischen die Debatten aus. Beschwerden hört man jetzt – nicht darüber, dass den Menschen Wohltaten gestrichen werden, sondern dass man ihnen zu viele lässt. Ein Trupp vom ehemaligen VW-Werkschutz sitzt da etwa, alles Männer über 60, alle sozialdemokratisches Urgestein, und drauf und dran, vom Glauben abzufallen.

„Die Partei vorweg, das war bei mir im Blut“, sagt Walter Bätge. 25 Jahre hat er bei VW geackert, 25 Jahre Kommunalpolitik gemacht, aber 2001 ist er aus der SPD ausgetreten, weil er nicht tatenlos zuschauen konnte, wie Sozialdemokraten in Mecklenburg mit Kommunisten paktieren. Wofür er eigentlich gekämpft hat, fragt Bätge sich jetzt manchmal. „Wir haben uns immer für die sozial Schwachen stark gemacht, und jetzt sieht man in jedem Dorf diese faulen Säcke, die morgens schon saufen und im Fernsehen erklären, sie gehen für 13 Mark nicht arbeiten.“ Und zu allem Überfluss, sagt er, „wählen diese Typen dann die Schwarzen“.

Arbeitslosenhilfe streichen, spürbar, findet Walter Bätge. Schluss mit der Bummelei, seine Frau habe sich schließlich auch nie eine Kur erlaubt. Und bei den Tarifverhandlungen sollte man „wirklich mal bremsen“. Jetzt wird Hans-Günter Balke unruhig, auch einer vom Werkschutz und von imposanter Statur. „Ich bin von klein auf groß geworden im Betrieb, da hat man sich über jeden Tarifabschluss gefreut.“ Kämpfe mit dem Arbeitgeber müssen sein, findet er. Auch Tariftreue sei eine schöne Sache, nur eben völlig unrealistisch. An den Stammtischen wird hart diskutiert, erzählt er, „jeder sagt, es muss anders werden.“

Wankelmut und warme Worte

Nur die Herren in Berlin, die scheinen gar nichts ändern zu wollen, schimpft jetzt Wolfgang Göhlich, 66, der die ganze Schönfärberei nicht mehr ertragen kann. „Da haben die uns irgendein Wirtschaftswachstum vorgegaukelt, wo soll es denn herkommen, wenn jeder schon ein Haus hat und zwei Autos“, sagt er. Walter Bätge zum Beispiel hat drei Fernseher. Wenn einer kaputt geht, braucht er keinen neuen, so einfach ist das. Oder dieses Hin und Her bei der Eigenheimzulage. „Warum soll der Staat dafür sorgen, dass ich ein Haus habe, das muss ich mir selber erarbeiten“, ruft einer, „irgendwann ist doch das Ende der Fahnenstange erreicht.“

Hier sitzen also die Väter des bundesdeutschen Wohlstands und begreifen nicht, welche verwöhnte Brut sie herangezogen haben. Den Reichtum des Landes haben sie erwirtschaftet, haben um staatliche Fürsorge gekämpft und sie bekommen. Um plötzlich mit dem Gefühl aufzuwachen, an all der Bequemlichkeit zu ersticken. Nun ist es allerdings nicht so, dass jeder hier selbstlos verzichten würde, damit der Staat wieder zu Kräften kommt. Den Vorschlag einer Vermögenssteuer etwa, mit dem sich der niedersächsische Ministerpräsident beim Kanzler unbeliebt machte, den findet Bätge unmöglich. „Das war der Genickschuss“, sagt er, „jeder hier hat ein Häuschen, das geht doch nicht, da ist doch Schluss.“ Und Göhlich sieht rot, wenn es an seine Rente geht.

Hinten im Saal kämpft der Abgeordnete Hubertus Heil inzwischen tapfer um die Stimmen von vier Wankelmütigen. Siegfried Stenzel sitzt hier, ein Kraftfahrer, der Sigmar Gabriel nicht wählen will, „wenn der Schröder so weitermacht“. Rolf-Dieter Harms rückt heran, er ist Systemanalytiker bei VW, weshalb ihm die Debatte um die Dienstwagensteuer mächtig auf die Nerven geht. „Diese Unprofessionalität“, platzt es aus ihm heraus. „Kann das nicht mal einer durchrechnen, bevor ihr es rauspustet?“ Heil nickt. „Ich teile, was Sie sagen. Unser Fehler war, dass wir so ein Ding gleich in die Öffentlichkeit laufen lassen.“

Doch mit warmen Worten ist hier nicht mehr viel zu holen. „Die Parteileute denken doch, die Bevölkerung ist bescheuert“, sagt Ekkehard Daus, der als Elektromonteur bei Bombardier arbeitet und gar nicht mehr wählen gehen mag. Was ihn konkret stört, will der Gast aus Berlin wissen. Dass die Politiker lügen und dem Volk nach dem Mund reden, sagt Daus. Rente, Gesundheit, „man muss den Leuten doch mal sagen, dass das nicht mehr bezahlbar ist.“ Heil wird langsam warm. „Wir haben doch gesagt, dass die junge Generation nicht mehr so viel rauskriegt!“ Die Rente ist sicher, habt ihr gesagt, ruft ein Kfz-Meister. Das war der Kohl, verteidigt sich Heil. „Wir werden das Rentenniveau absenken!“

Als die Schlachteplatten leer gegessen sind, das Fass zur Neige geht und die Klagen über den Wohlfahrtsstaat verebben, gelobt der Abgeordnete Besserung, verspricht „Zumutungen für alle Generationen“ und verlässt mit der Bitte den Saal, doch wenigstens wählen zu gehen. Als er draußen vor dem Gasthof in seinen Polo steigt, wirkt Hubertus Heil nicht mehr ganz so frisch wie beim Start. „Zeit, ein bisschen gelassener zu werden“, sagt er und dreht den Zündschlüssel um. Der Wahlkreis wird gewonnen, so viel ist sicher. Fragt sich nur, von welcher Partei.

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