Zeitung Heute : Es geht um mehr als um den Rubel

URSULA WEIDENFELD

Nach Asien scheint Rußland nun zum nächsten Krisenherd in der Weltwirtschaft zu werden.Währungsabwertung, neue Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds, politische Krise: All das ist von den asiatischen Tigerländern bekannt.Nur, daß Asien für Westeuropa und vor allem für Deutschland viel weiter weg ist als Rußland.Eine reine Finanzkrise in Moskau würden die Europäer vermutlich gelassen sehen und zu Recht als notwendige Anpassung werten.Das politische Risiko aber, daß der russische Präsident und sein Premierminister stürzen, will niemand eingehen.

Es geht eben nicht nur um den Rubel.Gestern morgen beschlossen die russischen Finanzpolitiker de facto die Möglichkeit zur Abwertung - eine Entscheidung, die Präsident Boris Jelzin noch am Freitag kategorisch abgelehnt hatte.Erreicht die Währung die neue Obergrenze von 9,5 Rubel gegen einen Dollar, hat sie gegenüber der vergangenen Woche rund fünfzig Prozent an Außenwert eingebüßt.Gleichzeitig aber hat Rußland ein Moratorium zur Bedienung seiner Auslandsschulden verfügt.Das stellt die Politik auf eine harte Probe.

Auch wenn der russische Premier Kirijenko versichert, dies sei gar keine richtige Abwertung und das Moratorium betreffe die Ausländer gar nicht: Der Vertrauensverlust der internationalen Staatengemeinschaft, ausländischer Investoren wie auch der eigenen Bevölkerung in die Regierung Kirijenko und in den Präsidenten Jelzin hat sich am Montag dramatisch verstärkt.Weitere Kursverluste für den Rubel sind nur eine Frage der Zeit.Und ob sich die Währung wirklich geordnet herunterregulieren läßt, ist mehr als zweifelhaft.Und was noch schlimmer ist: Das in den vergangenen Jahren mühsam wiederhergestellte Vertrauen der Bevölkerung hat gestern einen dramatischen Schock erlitten.Wer konnte, hat schon in den vergangenen Wochen sein Geld außer Landes geschafft.In den Wechselstuben, in denen russische Privatleute ihr Geld gegen Devisen eintauschen, wurden schon am Montagmittag bis zu 9,5 Rubel gegen einen Dollar getauscht.

Wer jetzt die Russen auffordert, sie möchten doch bitte in ihrem Reformeifer nicht nachlassen und zügig dafür sorgen, daß sie international wieder kreditwürdig werden, verkennt die wahre Lage.Niemand traut es dem Präsidenten noch zu, daß er Rußlands Probleme wirklich lösen kann.Und es wäre ein kleines Wunder, wenn Kirijenko seinen Reformkurs gegen die Widerstände in der Duma und der Bevölkerung in diesem Herbst noch durchsetzen könnte.Ein Übergreifen der Krise auf die Politik aber muß verhindert werden.Denn kaum jemand setzt darauf, daß nach Jelzin wieder eine Reformregierung westlicher Prägung das Vertrauen der russischen Wähler gewinnen kann.

Die Optionen der russischen Regierung sind genau so schmal wie die der internationalen Staatengemeinschaft.Versänke Rußland in einem ähnlichen Chaos wie Indonesien nach seiner Währungsabwertung, gäbe es mehr zu beklagen als Tote und Verletzte.Die ganze Region würde weiter destabilisiert.Westeuropa und die USA aber haben jedes politische Interesse, das zu verhindern.Das heißt, daß sich Jelzin und Kirijenko darauf verlassen werden, weitere Hilfe von außen zu bekommen.

Niemand sollte sich einbilden, daß innenpolitischer Friede im heutigen Rußland billig zu haben ist.Schon stehen die ersten Banken unter Zwangsverwaltung.Selbst der russische Finanzminister hält von den 1500 Instituten langfristig nur 30 für überlebensfähig.Der Winter naht, und immer noch stehen bei den Bergarbeitern und Pensionären Zahlungen aus.Gleichzeitig nehmen mit dem Ende des Sommers die Möglichkeiten der Tausch- und Kumpelwirtschaft ab.Spätestens mit den ersten Frosttagen werden wieder aufgebrachte Arbeiter auf den Schienen der transsibirischen Eisenbahn sitzen.Und diesmal werden sie sich kaum mit halbherzigen Versicherungen vertreiben lassen.

Wenn es dem Westen und der russischen Regierung nicht gelingt, dieses Desaster zu verhindern, wird Rußland im kommenden Winter in Chaos stürzen.Dies zu vermeiden, kostet Milliarden.Dazu gibt es - jedenfalls kurzfristig - keine Alternative.Denn nicht ohne Grund haben in Rußland Volksaufstände immer im Winter stattgefunden.

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