Zeitung Heute : Es geht um Rache

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Von Benjamin Leonhardt

Warum“ – ein Unbekannter hat am Freitag diese Frage auf ein kleines Pappschild gemalt und vor den Seiteneingang des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt gelegt. Hinter dieser Tür hatte Stunden zuvor ein 19-Jähriger 17 Menschen und sich selbst getötet. Warum also? Antworten darauf sind unmittelbar nach dem schrecklichen Ereignis schwierig und schmerzhaft, dennoch muss versucht werden, sie zu finden. Die Psychologie kann dabei helfen.

Der Täter ist nach Ansicht des Psychologen Uwe Wetter möglicherweise ein Nachahmungstäter. Gerade junge Menschen könnten sich frühere Ereignisse wie das Massaker in der US-Stadt Littleton zum Vorbild nehmen und sogar zu übertreffen versuchen, sagte der Experte am Freitag. Für ältere Amokläufer dagegen wäre ein Nachahmen eher untypisch. In Littleton waren 15 Menschen bei einem Amoklauf in einer Schule ums Leben gekommen, darunter die jugendlichen Täter.

Wahrscheinlich habe der Erfurter Täter schon früher seine Absicht kundgetan, sei dabei aber nicht ernst genommen worden. „Man hat es ihm landläufig nicht zugetraut“, meinte der Vize-Präsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologen. „Es handelte sich vermutlich um einen introvertierten, wenig kommunikativen Jungen, zu dem niemand einen wirklich persönlichen Zugang hatte.“ Der Amoklauf sei als erweiterter Selbstmord zu interpretieren.

Die überlebenden Mitschüler würden vermutlich in den nächsten Wochen stärker als Erwachsene von Schuldgefühlen geplagt. Sie müssten wie die Getöteten als Opfer begriffen und das grausame Geschehen an der Schule offen besprochen werden. Dazu sei unbedingt fachliche Hilfe notwendig.

Bei Großeinsätzen wie der Schießerei in Erfurt haben auch die Notfallseelsorger alle Hände voll zu tun: „Da müssen wartende Verletzte, unverletzte Zeugen, Angehörige und Rettungskräfte betreut werden“, sagt Pfarrer Dieter Roos, Notfallseelsorger in Frankfurt am Main. In oder unmittelbar nach der akuten Situation herrsche in den Betroffenen ein Chaos, in das der Seelsorger versucht, Ordnung zu bringen. „Zuerst lasse ich sie ihre Version der Ereignisse erzählen“, sagt Pfarrer Roos. Was ist passiert, wo war derjenige, was hat er gesehen? Das bringe Struktur in das Chaos. Im zweiten Schritt werde der Kopf angesprochen: „Was haben Sie gedacht?“

Die entsetzliche Bluttat an der Erfurter Schule ist in Deutschland bislang beispiellos. In jüngerer Zeit erregten besonders Zwischenfälle in den USA, bei denen Kinder oder Jugendliche zur Waffe griffen, die Menschen. Bei zwei folgenschweren und schon mehrere Jahrzehnte zurückliegenden Fällen in bundesdeutschen Schulen waren erwachsene Männer die Täter. Auf einem Schulhof im hessischen Eppstein-Vockenhausen am 3. Juni 1983 wurden drei Kinder im Alter von elf und zwölf Jahren, ein Lehrer und ein Verkehrspolizist von einem 34-Jährigen erschossen. Danach beging der Mann Selbstmord. Am 11. Juni 1964 stürmte ein Invalide mit einem Flammenwerfer bewaffnet die Volksschule in Volkhoven bei Köln. Acht Kinder erlitten damals tödliche Brandverletzungen. Bevor der Amokläufer sich mit Gift umbrachte, erstach er zwei Lehrerinnen.

Direkt nach dem gestrigen Amoklauf haben sich die beiden großen Lehrerorganisationen, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Verband Bildung und Erziehung (VBE), zutiefst betroffen gezeigt.

Die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange warnte allerdings vor voreiligen Forderungen, weil noch viel zu wenig über die Hintergründe der Tat bekannt sei. Grundsätzlich müsse jedoch über mehr Sicherheit in den Schulen nachgedacht werden, nachdem mit dem Erfurter Amoklauf jetzt zum wiederholten Mal ein Gymnasium im Mittelpunkt einer Gewaltattacke stehe.

In Meißen hatte 1999 ein 15-Jähriger in seiner Schule eine Lehrerin erstochen. Stange sagte, sie wolle keine „amerikanischen Verhältnisse“ an deutschen Schulen mit Metalldetektoren und ständiger Video- Überwachung.

Unter Verwendung von dpa, AP, rtr, dpa

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