Zeitung Heute : „Es gibt keine falsche Sprache“

Der Wissenschaftler Holden Härtl darüber, wie Sprache und Denken sich beeinflussen

Allerorten diskutiert man heute über „richtiges“ Deutsch, Wörter und Unwörter des Jahres oder Anglizismen. Oft wird dabei ein Zusammenhang zwischen Sprache und Denken vermutet. Aber hat die Art einer Sprache tatsächlich einen Einfluss auf die Art zu denken und die Welt zu verstehen? Denken Sachsen anders als Bayern oder Engländer anders als Deutsche? Diese Fragen erörtern Linguisten, Psychologen und Philosophen vor dem Hintergrund neuester Forschungsergebnisse. „Wie die Sprache unser Denken beeinflusst – Neue Sichtung eines alten Themas“ lautet der Titel eines Symposiums, das am 30. November an der Humboldt- Universität stattfindet. Mit dem Organisator der Veranstaltung, dem Sprachwissenschaftler Holden Härtl, sprachen Ljiljana Nikolic und Robert Kempe.

Herr Härtl, Sie als Anglist müssten es doch wissen, wie heißt es richtig: downgeloadet oder gedownloadet?

Es geht beides! Das hängt davon ab, welche Struktur Sie annehmen. Wenn Sie „down“ als abtrennbares Präfix ansehen, dann heißt es „downgeloadet“. Die Regel, nach welcher Ihre mentale Grammatik das Verb morphologisch analysiert, bestimmt das Resultat.

Viele scheinen sich daran zu stören, dass unsere Sprache mit Anglizismen durchwoben ist.

Mich persönlich stört das nicht, das hat aber nichts damit zu tun, dass ich Anglist bin. Ich glaube an natürliche Sprachentwicklung. Es ist ja gerade eine Eigenschaft von Sprache, produktiv zu sein. Sie lebt eben auch durch Hinzufügen von Wörtern aus anderen Sprachen. Es wird relativ schnell unterstellt, eine Sprache könnte dadurch aussterben oder sich dramatisch verändern. Das tut sie aber nicht. Die Grammatik bleibt die gleiche. Wenn man den Begriff Sprache an Grammatik knüpft, stirbt eine Sprache durch Hinzufügen neuer Wörter natürlich nicht aus. Oft wird auch ein Zusammenhang hergestellt, dass sprachliche Strukturen und deren Veränderung etwas über die Geisteshaltung und das Denken aussagen. Unser Symposium thematisiert, wie es um diesen Zusammenhang zwischen Sprachen und Denken bestellt ist. Also, was sagt Sprache über das Denken aus. Inwiefern ist Sprache Spiegel des Denkens. Da gibt es sehr kontroverse Diskussionen, bei denen auch ethische Aspekte eine außerordentlich wichtige Rolle spielen.

Wilhelm von Humboldt hat gesagt, dass die Sprache das bildende Organ der Gedanken ist. Diese These gilt heute wahrscheinlich nicht mehr uneingeschränkt?

Diese These hat nichts an Aktualität eingebüßt. Es gibt zwei Fraktionen, und Humboldt ist eine Schlüsselfigur. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns bei dieser Konferenz. Wir wollen neue Forschungsergebnisse besprechen, auch neue experimentelle Verfahren aus der Psychologie, die wir zur Verfügung haben, um die alten philosophischen Fragen angehen zu können. Die Ausgangsfrage verfügt über sehr viele Dimensionen, die man heute nur interdisziplinär betrachten kann. Wie beeinflusst Sprache das Denken und kann man ohne Sprache überhaupt denken?

Wir können also davon ausgehen, dass Sprache das Denken beeinflusst?

Das hängt davon ab, was mit Sprache gemeint ist. Man muss zwischen einer Einzelsprache und der allgemeinen Sprachfähigkeit des Menschen unterscheiden. Der wichtige Punkt ist, dass die Ausbildung sprachlicher Kompetenz im Kindesalter tatsächlich Vorbedingung für das Denken sein könnte. Ob aber eine Einzelsprache das Denken beeinflusst, ob wir also anders denken als Chinesen oder Engländer, ist eine ganz andere Diskussion. Ich bezweifele das. Die generelle Fähigkeit zu Sprache jedoch bildet die Voraussetzung für das Denken, wie es dem Menschen zueigen ist.

Wissenschaftler wie Benjamin Whorf und Edward Sapir unterstützen aber die These, dass Denken durch Einzelsprachen beeinflusst wird, was sind die Argumente ihrer Befürworter?

Es gibt verschiedene empirische Studien, beispielsweise zu Farbausdrücken. Das Himba, eine Sprache aus Namibia, unterscheidet beispielsweise, generell gesprochen, nicht zwischen Grün und Blau. Es wurde experimentell ermittelt, dass dementsprechend Farbunterschiede dort nicht so gut erkannt und bestimmte Farbtöne eher als gleich eingeordnet werden, während ein Deutscher oder Engländer klar Grün und Blau bestimmen kann. Das wäre also ein Indiz dafür, dass Sprache das Denken, in dem Fall die Einordnung von Farben, bestimmt.

Woher kommt das? Hängt das mit der Umgebung zusammen?

Man kann sagen, Farben werden willkürlich zugeordnet. Sicherlich spielt kulturelle Relevanz eine Rolle. Man sieht Farben anders, man denkt anders über Farben. Es gibt aber auch Experimente, die genau das Gegenteil zeigen, auch in der Farbwahrnehmung. Dasselbe trifft auch für Raumausdrücke zu. Das Tzeltal, eine Mayasprache, unterscheidet, grob gesagt nicht zwischen rechts und links, sondern nach geozentrischen Größen wie bergauf und bergab, nördlich und südlich. Versuchspersonen sollten bei einem Experiment verschiedene Objekte so anordnen, wie sie sie zuvor wahrgenommen haben. Als sie die Anordnung reproduzierten, machten sie dies nicht von links nach rechts, sondern nach der geographischen Ausrichtung bergauf, bergab beziehungsweise nördlich, südlich.

Das spricht wieder dafür, dass einzelne Sprachen das Denken beeinflussen.

Auf den ersten Blick, ja. Andererseits hat eine Forschergruppe in Pennsylvania mit diesem Experiment mit Sprechern des Englischen ganz andere Ergebnisse ermittelt. Wichtig ist, dass dort im Labor die Rollos hochgezogen und somit Außeninformationen zugelassen wurden. Dann orientierten sich die englischen Probanden ähnlich den Tzeltal-Sprechern eher nach äußeren geographischen Faktoren wie Sonne und Himmelsrichtung. Daran sieht man, dass hier auch situative und kulturelle Dinge eine Rolle spielen, die mit Sprache gar nicht so viel zu tun haben.

Was ist wichtiger für das Denken: der Wortschatz oder die Grammatik?

Meiner Meinung nach ist die Grammatik für die Fähigkeit zu komplexen Denkprozessen ausschlaggebend. Wortschatz liefert Denkinhalte. Grammatik besteht dagegen aus einem abstrakten Regelsystem. Die Strukturierung dieses sehr komplexen Systems liefert uns das Inventar, auch unser Denken zu strukturieren. Auf ähnliche Art und Weise sind wir dann in der Lage neue Begriffe zu denken, neue Begrifflichkeiten auszubilden, uns neues Wissen anzueignen und vielleicht ist die Grundvoraussetzung dafür eben Sprache.

Wie wirkt es sich aus, wenn wir unsere Sprache falsch erlernen?

Es gibt keine falsche Sprache. Ihre Erstsprache ist immer eine richtige Sprache.

Alles andere sind Sprachregulierungen, die in irgendeiner Weise eine Standardsprache sicherstellen sollen. Aber Sie sprechen nicht die Standardsprache als Muttersprache, sondern Sie sprechen Ihre Muttersprache und die unterscheidet sich eben von der Standardsprache, die nur im Duden steht.

Heißt das, dass man seine Sprache nicht in Richtung Standardsprache entwickeln sollte?

Ich bin jemand, der sagt nein, das sollte man nicht tun, mache es selbst aber doch. Natürlich gibt es bestimmte kulturelle und soziale Bedingungen, die uns vorgeben, dass wir eine bestimmte Sprache sprechen müssen, um uns zu verstehen und um beruflich weiterzukommen. Wenn der Zweck die soziale Interaktion ist, dann aber sollte man reden wie einem der Schnabel gewachsen ist.

Das Symposium „Wie die Sprache unser Denken beeinflusst – Neue Sichtung eines alten Themas“ findet am 30. November 2007 von 9.30 bis 17.30 Uhr an der Humboldt-Universität statt (Unter den Linden 6, Senatssaal). Weitere Informationen zu der Veranstaltung gibt es im Internet: www.angl.hu-berlin.de/denken

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