Zeitung Heute : Es gilt das gesprochene Wort

Der Kanzler hat im Bundestag Position bezogen. Der Außenminister wird diese heute im Weltsicherheitsrat vertreten. Verbal hat der Gerhard Schröder gegenüber den USA abgerüstet, in der Sache bleibt er hart. Weil Frieden jede Anstrengung wert sei.

Markus Feldenkirchen,Hans Monath

Von Markus Feldenkirchen

und Hans Monath

Es sind Gäste aus Amerika, die an diesem Morgen mit großen Erwartungen in den Reichstag gekommen sind. „Will he change his mind?“, will US-Unteroffizier Michael Merritt wissen, bevor der Kanzler nach turbulenten Tagen den deutschen Regierungskurs zwischen Washington, Brüssel und Bagdad absteckt: „Wird er einlenken?“ Nein. Doch was der US-Soldat dann erlebt, ist eine offensive Verteidigung des Anti-Kriegs-Kurses, die weder ein Nachgeben ist noch weitere Provokationen gegen die USA enthält.

Der Kanzler trägt schwer an seiner Verantwortung. Wer das nicht von seiner Miene abliest, der kann es hören. Unzählbare Male taucht das V-Wort in seiner Rede auf. Schröder spricht von seiner Verantwortung für den Frieden, davon, den Irak ohne Krieg zu entwaffnen und von der großen Verantwortung, die Deutschland im Kampf gegen den Terrorismus geschultert hat. Vor lauter Verantwortung schnellt seine rechte Hand zur Faust geballt durch die Luft, fast die ganzen 41 Minuten. Er will jene überzeugen, die allein ihm die Verantwortung zuschreiben, die Republik in die größte außenpolitische Krise seit ihrem Bestehen gesteuert zu haben. Denn dafür will er nicht verantwortlich sein.

Die Genossen helfen ihm. Schon beim Schritt ans Pult klatschen sie in den rot-grünen Reihen, als käme der Friedensnobelpreisträger persönlich. Und als Schröder ihnen und der Welt fast röhrend zuruft, es gebe eine friedliche Alternative „und wir kämpfen darum“, da verfallen sie gar in rhythmisches Klatschen. Nur einer will nicht mitmachen bei den sozialdemokratischen Klatschmärschen gegen die Isolation. Hans-Ulrich Klose sitzt isoliert am Rande der Fraktion, in der letzten Reihe, kein Sitznachbar weit und breit. Der Kanzler hat ihn am Montagabend in der Fraktion zusammengefaltet, weil Klose dessen Diplomatie desaströs nannte. Jetzt verweigert er den Beifall. Konsequent.

Auch als Schröder gegen Ende seiner Rede die Union der Kriegstreiberei bezichtigt. „Es gibt auch bei uns eine Koalition der Willigen für einen Krieg“, sagt er. Die CDU/CSU gehöre nach jüngsten Erklärungen dazu. Dem setze die Regierung „den Mut zum Frieden“ entgegen. Die Fraktion springt geschlossen auf, als Schröder mit einem leichten Lächeln vom Pult zurück zum Kanzlersessel schreitet. Klose guckt in einen Stapel Papiere. Joschka Fischer hat sich erhoben, um dem Kanzler mit einem sehr langen Händedruck zu gratulieren. Dabei stoßen die beiden etwas ungeschickt mit den Schultern zusammen, als hätten sie für einen Moment überlegt, sich zu umarmen. Aber das wäre dann doch ein zu demonstratives Signal.

Bei Angela Merkel, die dem Kanzler folgt, merkt man gleich, dass ihr das außenpolitische Gewand nicht passt. Den Vorwurf, den sie in zigfachen Drehungen immer wieder gegen den Kanzler schleudert, dass die Außenpolitik offenbar eine Nummer zu groß für ihn sei, muss sie sich nach ihrer Rede selber gefallen lassen. Gegen die Kriegstreiberschelte wehrt sie sich entschieden. „Das zeigt nur, wie sehr Sie selbst in der Ecke stehen, Herr Bundeskanzler.“ Merkel hat alle Argumente gegen die undiplomatische Diplomatie Schröders parat. Aber genau wie FDPChef Guido Westerwelle, der Schröder vorwirft, er mache den Krieg wahrscheinlicher, keine neuen. Als Merkel den Kanzler auch noch mit einem Schlenker zum sozialdemokratischen Streitthema Kündigungsschutz ärgern will, liefert sie ihrem Nachredner Joschka Fischer willkommene Munition.

Merkels „Landung beim Kündigungsschutz“ zeige, dass die CDU-Chefin „eine rein innenpolitische Rede“ gehalten habe, sagt Fischer in die aufgeheizte Runde. Immer wieder werden die Reden von lauten Zwischenrufen unterbrochen. „Sie sind peinlich“, hallt es Merkel entgegen. „Sie haben keine Ahnung“, heißt es über Fischer. Der Außenminister hält Merkel auch vor, sie habe sich nicht getraut, ihr in München auf der Sicherheitskonferenz gegebenes Bekenntnis zum Krieg vor dem Parlament zu wiederholen: „Das, Frau Merkel, hätten Sie heute hier dem Deutschen Bundestag sagen sollen.“

Und weil Fischer weiß, dass sich in der Opposition viele mit dem eigenen Kurs schwer tun, führt er die Union immer wieder in emotionale Fallen. Als er sein Treffen mit der Witwe eines in Kabul verunglückten Bundeswehrsoldaten anführt, wird es zunächst unruhig in den Reihen der Konservativen. An der Notwendigkeit des Einsatzes in Afghanistan habe die Frau am Rande der Trauerfeier nicht gezweifelt, sagt der Vizekanzler. Sie habe jedoch flehentlich gebeten: „Aber bitte, bitte nicht in den Irak.“ Das bringt die Opposition in Verlegenheit: Gegen die Würde und den Wunsch einer Soldatenwitwe kann sie schlecht ankämpfen. Und dann stellen sich die Unionsabgeordneten noch selbst ein Bein, indem sie laut zu protestieren beginnen, als der Außenminister seinen Besuch beim Papst erwähnt. Im Wissen um den Zwiespalt, in die päpstliche Friedensmahnungen viele Christdemokraten stürzen, deutet Fischer den Protest flugs mit großer Geste als Attacke auf den Papst um, mit nur vier Worten: „Das spricht für sich.“

Mit dieser Rede hat auch der Grünen-Politiker beide Regierungsfraktionen geschlossen hinter sich gebracht. Wohl selten hat jemand wie Hans-Christian Ströbele so enthusiastisch für Joschka Fischer geklatscht. Als Fischer wieder auf seinem Stuhl auf der Regierungsbank Platz nimmt, fallen von links und rechts als ein Zeichen der Dankbarkeit und Anerkennung schwer die Hände von Schröder und Otto Schily auf seinen Rücken.

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