Zeitung Heute : Es ist angerichtet

Fastfood für Jugendliche, Essen auf Rädern für Senioren, Öko-Tiefkühlpizza für Gesundheitsbewusste – der Trend geht zu Fertiggerichten. Wie sehen die Lebensmittel der Zukunft aus? 1600 Aussteller werben von heute an für ihre Produkte auf der Grünen Woche in Berlin.

Dagmar Dehmer

D as Essen der Zukunft ist fertig. Schon heute kommen rund drei Viertel der Nahrungsmittel verarbeitet auf den Teller. Entweder es sind Fertiggerichte aus dem Tiefkühlfach eines Supermarktes oder Gerichte direkt auf die Hand aus einem Fastfood-Restaurant oder vom Imbiss-Stand. Die mittlere Generation isst fertig, weil ihre Arbeitszeiten immer flexibler werden. Außerdem arbeiten in vielen Familien oder Lebensgemeinschaften inzwischen beide Partner. Dass jemand zu Hause bleibt und der Familie die Mahlzeiten kocht, wird immer seltener. Für viele ist der Griff zur Fertigpackung deshalb eine notwendige Zeitersparnis und eine große Erleichterung. Außerdem können immer weniger Menschen kochen.

Kinder und Jugendliche entscheiden sich für Fertiggerichte, weil ihre Eltern ihnen keine anderen anbieten, weil sie oft mittags überhaupt nicht mehr zu Hause essen können oder weil ihre Freunde auch lieber zu McDonalds gehen. Die ältere Generation wiederum sieht oft keinen Grund mehr, „nur für mich allein“ zu kochen. Senioren greifen auf Angebote wie „Essen auf Rädern“ zurück oder können sich, je älter sie werden, ohnehin nicht mehr selbst versorgen. Kein Wunder, dass schon heute die meisten Mahlzeiten mit Fertiggerichten bestritten werden.

Das Essen der Zukunft ist aber auch ökologisch. Der Marktanteil ökologisch erzeugter Lebensmittel steigt, wenn auch nicht mehr jedes Jahr zweistellig. Im ersten Halbjahr 2003 wuchs der Markt für Öko-Lebensmittel um 2,2 Prozent, während gleichzeitig die Einzelhandelsumsätze mit Lebensmitteln insgesamt zurückgingen. Daran haben zunehmend auch ökologisch erzeugte Fertigprodukte ihren Anteil. Denn die Hersteller von Ökolebensmitteln haben sich längst an die neuen Kundenwünsche angepasst. Und die Verbraucher greifen immer öfter zum ökologischen Fertigprodukt, weil sie mehr Wert auf Qualität und eine umweltfreundliche Erzeugung legen.

Ob immer mehr Lebensmittel in Zukunft gentechnisch verändert sein werden, können die Verbraucherinnen und Verbraucher von April an selbst entscheiden. Denn dann treten in der Europäischen Union neue Kennzeichnungsregeln für Gen-Food in Kraft: Alle genetisch veränderten Nahrungsmittel müssen als solche erkennbar sein. Bisher sind das vor allem Gen-Mais und Gen-Soja, die in Argentinien oder den USA erzeugt werden. Doch auch in Spanien wird bereits Gen-Mais angebaut. Von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen sind jedoch Produkte, die zwar aus gentechnisch veränderten Organismen (GVO) gewonnen werden, bei denen aber keine GVO mehr nachgewiesen werden können. Das kann zum Beispiel ein Öl aus Gen-Raps oder Gen-Soja sein. Und auch Fleisch, das von Tieren stammt, die mit genetisch veränderten Futtermitteln gemästet worden sind, muss kein Siegel mit dem Aufdruck „gentechnisch verändert“ tragen. Gekennzeichnet werden muss aber auch, wenn gentechnisch veränderte Substanzen unbeabsichtigt in ein Lebensmittel gelangen. Zum Beispiel, wenn die Erzeugnisse eines Bauern durch den Pollenflug eines Nachbarn, der genveränderte Pflanzen angebaut hat, selbst zu genveränderten Pflanzen werden. Oder wenn Produkte bei der Weiterverarbeitung mit GVO verunreinigt werden.

Deshalb soll in Deutschland in diesem Jahr ein Gentechnik-Gesetz in Kraft treten, das gewährleisten soll, dass eine gentechnikfreie Landwirtschaft überhaupt noch möglich bleibt. Bauern, die genveränderte Pflanzen anbauen wollen, müssen dies in einem Standortregister bekannt geben. Sie müssen besondere Vorsicht walten lassen und beispielsweise Mindestabstände zu den Äckern ihrer Nachbarn einhalten, oder Hecken anpflanzen, um eine Vermischung der Sorten zu vermeiden. Sollten trotzdem Nachbarpflanzen unbeabsichtigt zu Gen-Pflanzen mutieren, kann der dadurch geschädigte Bauer, der beispielsweise seine Ernte nicht mehr verkaufen kann, bei einem Zivilgericht einen Schadenersatzanspruch geltend machen.

Möglicherweise haben die Lebensmittel der Zukunft auch einen Zusatznutzen. So enthält etwa eine Margarine des Nahrungsmittelkonzerns Unilever einen besonders hohen Anteil ungesättigter Fettsäuren, die nach Angaben des Herstellers die Cholesterin- Werte senken sollen. Probiotische Joghurts, von denen die Hersteller behaupten, sie beeinflussten die Verdauung positiv, gehören ebenfalls zu diesen so genannten funktionellen Lebensmitteln.

Doch obwohl es Tausende von Lebensmitteln gibt und an nichts Mangel herrscht, macht das Essen vielen Deutschen Probleme. Jedes fünfte Kind ist zu dick, weil es zu viel, zu süß, zu fett isst und sich zu wenig bewegt. Deshalb hat Verbraucherministerin Renate Künast (Grüne) im vergangenen Jahr eine Kampagne begonnen, die dem Problem abhelfen soll, etwa indem Kinder in der Schule wieder lernen, was ihr Körper braucht und wie sie sich fit halten können. Auf der anderen Seite sind rund 1,6 Prozent der Senioren und 7,5 Prozent der alten Frauen unterernährt. Die Älteren haben weniger Appetit, essen oft zu wenig oder haben Probleme mit ihren Zähnen, schlecht sitzenden Prothesen oder dem Schlucken. Darüber hinaus werden gelieferte warme Mahlzeiten, wie etwa „Essen auf Rädern“, bis zu drei Stunden warmgehalten und verlieren so wichtige Nährstoffe. Das Ergebnis ist eine Mangelernährung im Alter.

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