Zeitung Heute : Es ist ein Brauch von alters her

Blockieren, beten, warten: Der Castor rollt, und der Protest ist in die Jahre gekommen

Constanze von Bullion

Dannenberg

Es ist schon spät im Heerlager der Demonstranten, die Linsensuppe ist längst vertilgt und die nächste eisige Nacht schleicht sich in die Zelte, als irgendeiner anfängt zu jodeln, ziemlich gekonnt und so hingebungsvoll, dass ein paar junge Maiden aufspringen und sich zu zünftiger Akkordeonmusik im Kreis drehen. Eine wendländische Trachtengruppe feiert hier einen fröhlichen Heimatabend, könnte man meinen, wären da nicht diese außerordentlich ernsten Gesichter, die sich ein paar Meter weiter um ein Lagerfeuer des Basiscamps drängen, die durchweichten Stiefel näher an die Glut schieben und sich schon mal heiß reden für die kalten Stunden, die vor ihnen liegen.

„Ich muss einfach dagegen angehen, da bleibe ich Revolutionär“, erklärt Björn Rodday, ein Widerständler aus Nürnberg, der so entschlossen wirkt, als wolle er jeden Moment losrennen und sich höchstpersönlich auf die Schienen werfen. Zwölf Castoren mit hoch radioaktivem Atommüll rollen aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ins niedersächsische Dannenberg, heute sollen sie ankommen und am Donnerstag über die Straße ins Zwischenlager Gorleben gebracht werden. Nie gab es einen so großen Atomtransport nach Gorleben – und nie war in den letzten Jahren die Schar derer, die ihn aufhalten wollen, kleiner.

Dass es auf Qualität, nicht auf Quantität ankommt, das hört man jetzt bei all den Gruppen und Grüppchen, die in der Märchenlandschaft des Wendlands den gewaltlosen Aufstand proben. Bauern haben nach alter Sitte die Transportstrecke mit Traktoren blockiert – um nach ein paar Stunden freiwillig abzuziehen, man will sich ja nicht seine Maschine kaputt machen lassen; Senioren bitten beim Feldgottesdienst um Geduld mit der Politik; Künstler haben den gesamten Bundestag auf einem virtuellen Friedhof beerdigt, ein Kreuz für jeden Abgeordneten. Gegen den „grünen Schiet aus Berlin“ demonstrieren täglich auch wetterfest verpackte Familien der Region, die schon lange nicht mehr glauben, dass aus dem Zwischenlager Gorleben kein Endlager wird.

Dass diesmal nur etliche Hundert unterwegs sind, wo vor ein paar Jahren noch Tausende Sturm liefen, das übersehen die Aktivisten der Initiative „X-tausendmal-quer“ geflissentlich, die sich bei Temperaturen knapp über Null für anderthalb Stunden auf die Transportstrecke setzen, sich an alten Liedern die Herzen wärmen und eine dünne Polizeikette aus Magdeburg über demokratische Grundrechte belehren. Ein „Riesenerfolg“ sei es, dass man überhaupt auf die Straße gekommen ist, heißt es bei den Demonstranten, schließlich sind Kundgebungen an und auf der Strecke erstmals ganz verboten.

Klarer Fall von Menschenrechtsverletzung, meint Wolfram Loch, Student aus Halle, als er abends wieder im Camp sitzt, hinter einer alten Fachwerkscheune und neben Hauszelten voll Stroh, in denen noch für etliche Gäste Platz wäre. Drüben in der „Volksküche“ kochen Holländer für die deutschen Genossen, drinnen im Infozelt berät der „SprecherInnenrat“ in unendlich basisdemokratischen Windungen, wie „Konflikt-Workshops“ organisiert und das „Aktionspotenzial“ der weit verstreuten Gruppen gebündelt werden kann.

Dass der Castor einfach durchrauschen könnte, weil zu wenig Leute da sind, ihn aufzuhalten, das sei ganz unmöglich, meint Björn Rodday, der nichts gegen eine dieser spektakulären Ankettungsaktionen auf der Schiene hätte, wenn sich andere hinlegen – und nicht glauben mag, dass der Protest in Gorleben ein wenig in die Jahre gekommen ist. Naja, meint da ein junger Mann am Feuer, „es ist vielleicht jetzt eher hip, nach Florenz zu fahren“. Eine halbe Million Menschen haben dort gegen die Folgen der Globalisierung und den Krieg protestiert, da fühlt man sich hier im Wendland etwas abgehängt. Macht nichts, sagt Sebastian Seelig aus Chemnitz, der nicht zuletzt für den Spaß an der Freude unterwegs ist. „Es ist so schön hier wie beim Hochwasser“, sagt er, „diese Stimmung, dass man helfen kann und gemeinsam gegen die Gefahr angeht.“

Wer wem zu Hilfe eilen muss beim alljährlichen Scharmützel um den Castor, das sehen die grünen Hundertschaften etwas anders, die ihr Heerlager in einer Kaserne vor Dannenberg aufgeschlagen haben und ebenso ungeduldig wie die Demonstranten darauf warten, dass es losgeht. „Wenn man schon hier ist, dann will man auch mal raus“, sagt Melanie Eich, die ihren Wasserwerfer von Köln ins Wendland gefahren hat. „Sitzen, warten, abhängen – das ist das Schlimmste“, bestätigt Leo Brehm, der den Einsatz der „Wa-We“ koordiniert und jetzt durch regentrübe Scheiben auf den Parkplatz der Kaserne guckt.

Man hat ja einen recht guten Überblick von hier oben, sieht die Kollegen aus Dortmund hinaussausen und stellt sich vor, man wäre selbst unterwegs. Melanie Eich hätte nichts dagegen, sie mag ihren 26-Tonner und die Einsätze an vorderster Front. „Wenn ich komme, dann ändert sich das Störerverhalten schon mal“, sagt sie. „Aber wenn ich da stehe, die Kollegen werden beworfen und ich kann ihnen nicht helfen, dann kommt schon Unzufriedenheit auf.“

Im Moment wirft ja noch keiner da draußen, aber wenn es erstmal losgeht, erklärt Polizeioberkommandant Brehm, „dann geht hier drinnen schon die Welle ab“. 9000 Liter kann so ein Wasserwerfer verschießen, „wenn Sie da voll draufhauen, schaffen Sie das in einer halben Stunde“.

Könnte passieren, dass Melanie Eich und ihre Kollegen gar nicht mehr zum Werfen kommen, bei diesem Einsatz. Draußen im Wendland jedenfalls sitzen sie immer noch an den Feuern und singen trotzige Lieder, als der Castor dem Zwischenlager entgegenrollt. Es ist still geworden in Gorleben. Aber das kann sich blitzschnell ändern.

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