Zeitung Heute : Es lebe die Liste!

MORITZ MÜLLER-WIRTH

Hauptstadtkultur: Warum Bonn und Berlin sich einigen werdenMORITZ MÜLLER-WIRTHWenn sich am 15.Oktober das "Kuratorium Hauptstadtkultur" zu seiner nächsten Sitzung trifft, wird aller Voraussicht nach das Finale der kulturpolitischen Posse "Wer in Berlin bekommt Geld aus Bonn - wann und warum?" auf der Tagesordnung stehen.Berlins Kultursenator Peter Radunski wird für den letzten Akt das Textbuch liefern: Eine Liste mit Vorschlägen für Projekte, von denen er vermuten kann, daß sie von den Bonner Geldgebern der für 1997 noch ausstehenden 48 Millionen Mark an Bundeszuschüssen für würdig befunden werden. Die Rahmenhandlung ist schnell beschrieben: Neben den über 350 Millionen Mark, mit denen sich Bonn jährlich an der Finanzierung derjenigen Institutionen beteiligt, die vom Bund und Berlin gemeinsam betrieben werden, erhält Berlin bis ins Jahr 1999 jährlich 60 Millionen Mark aus dem Bonner Haushalt.Vergeben werden diese Mittel von dem erwähnten Kuratorium Hauptstadtkultur.Für 1997 sind der Berliner Kultur davon erst 12 Millionen Mark zugute gekommen - zur Unterstützung kleiner und mittlerer Veranstaltungen.Der Haushaltsausschuß des Bundestages (nicht der Bundesinnenminister, der in Sachen Kultur in Bonn die Feder führt!) hat die restlichen 48 Millionen bisher nicht freigegeben. Sehr zum Ärger einiger Berliner Akteure: Kultursenator Radunski (CDU) wartet sehnsüchtig auf die Finanzspritze aus Bonn, um das Geld den Häusern, denen er es bereits zugesagt hat, zur Deckung ihres Etats überweisen zu können.Finanzsenatorin Fugmann-Heesing (SPD) sähe die Gelder gern möglichst rasch, um so neue drohende Haushaltslöcher im Kulturbereich zu stopfen.Und Eberhard Diepgen, dem Regierenden Bürgermeister, schließlich käme die Freigabe der Gelder gleichsam äußerst gelegen, bedeuteten sie doch einen ersten, wichtigen Schritt in Richtung der von ihm immer wieder angemahnten gesamtstaatlichen Verantwortung des Bundes für die (nicht nur kulturellen) Belange der Hauptstadt. Auf der letzten Kuratoriumssitzung Ende Juni hatte Manfred Kanther lautstark verkündet, weshalb der Hauptteil der Bonner Zuwendungen noch einbehalten werde: Kein Bonner Geld werde fließen zur Linderung der Berliner Mißwirtschaft, so Kanther mit erhobener Stimme - zusätzlich wolle man die Hauptstadtkultur fördern, nicht für haushaltsbedingte Etatkürzungen einspringen.Das kam gut: Als Nachhilfestunde für die hauptstädtische Finanzpolitik gepaart mit einem Plädoyer für die Hochkultur. Wer wollte da widersprechen, es den Bonner Finanzbeamten gar verdenken, daß sie dabei auch inhaltlich ein klein wenig Einfluß nehmen möchten auf ihr zukünftiges Abendprogramm.Das hat auch der Kultursenator verstanden."Leuchttürmen" solle das Bonner Geld zugute kommen, so Radunski, insbesondere den großen Opernhäusern, aber auch dem Schauspielhaus, dem Deutschen Theater, dem Berliner Philharmonischen Orchester und dem Haus der Kulturen der Welt.Das Wort vom "Nationaltheater" steht seither für das Ansinnen, gleich ganze Institutionen oder gar mehrere vereint in Bonner Obhut zu überführen.Klangvolle Namen, Garanten für keimfreies Hochkulturniveau, Staatsbesuch- wie Damenprogramm-kompatibel, keine Schlingensiefs in Sicht, kein Kresnik ante portas. Die zu erwartenden Millionen wurden sogleich in die Etats der "Leuchttürme" eingestellt, ohne - wie von Bonn gewünscht - einzelne Projekte auszuweisen.Statt dessen wurde die Überweisung aus der Kasse des Kultursenators um den gleichen Betrag gekürzt.Die den Häusern zur Verfügung stehende Summe blieb also gleich.Das war nicht im Sinne der Geldgeber - und auch die "Leuchtturm"-Intendanten nahmen die Entwicklung mit Sorge zur Kenntnis. In Bonn bedient man unterdessen mit einer gewissen Genugtuung den längeren Hebel: die Möglichkeit, die Gelder bis auf weiteres einzufrieren.Wann immer seither Berlin ruft: "Wir brauchen das Geld!", kommt prompt die Antwort aus Bonn: "Wofür"? Dann wird es wieder still.Die letzte Antwort aus Bonn wurde in Berlin gegeben und ist eine gute halbe Woche alt.Also sprach der Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Eckart Werthebach, aus Anlaß der Festwocheneröffnung im Hebbel-Theater: Man erwarte Vorschläge, "die aus Bundessicht mitgetragen werden können", wiederholte der Staatssekretär.Zur Finanzierung des laufenden Haushalts dürften die Gelder jedoch nicht verwendet werden. Laufender Haushalt? Wird man sich letztlich um Begriffe zanken? Die Verwunderung hielte sich jedenfalls in Grenzen, würden auf der Berliner Liste im Oktober vor allem Projekte derjenigen Institutionen auftauchen, die sich der Kultursenator als "Leuchttürme" auserkoren und denen er das Bonner Geld ohnehin zugedacht hatte.Die Worte aus dem Hause Kanther klangen, so die überwiegende Interpretation, diesmal bereits weniger lautstark und drohend, sondern eher wie die Worte eines genervten Lehrers, gerichtet an einen etwas vorwitzigen Zögling.Da droht ein Lehrer dem nachlässigen Schüler mit Strafe, weiß jedoch, daß er auf dessen Mitarbeit weiterhin angewiesen ist, will er das Gesamtniveau der Klasse und damit seine eigene Reputation nicht gefährden.Der Schüler indes hat seine Hausaufgaben zu lange liegen lassen.Und dies nicht zum ersten Mal.Das sehen Lehrer nicht gern, auch wohlmeinende.Der Säumige muß sich doppelt beweisen.Es lebe die Liste! 

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