Zeitung Heute : Es reicht nicht mehr

Deutschland schrumpft. „Es verödet und verblödet“, sagen die einen. „Alles halb so wild“, sagen die anderen. Bleibt noch Zeit, etwas zu tun?

Michael Schmidt

Demografie

Was den langfristigen Trend anbelangt, sind sich die Experten weitgehend einig. Demografischer Wandel, das heißt: Immer mehr Menschen werden immer älter; gleichzeitig werden immer weniger Kinder geboren. Deutschland schrumpft. Und kaum ein Bereich des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Lebens bleibt davon unberührt.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden ist die Geburtenziffer 2005 auf ein Rekordtief gefallen. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg hat sie die Marke von 700 000 unterschritten. Die Geburtenrate dagegen, die Zahl der Kinder, die eine Frau durchschnittlich in die Welt setzt, stieg in Deutschland 2004. Auf 1,36 Kinder je Frau, den höchsten Wert der vergangenen Jahre und mehr als in manchem EU-Nachbarstaat. Von Deutschland als Schlusslicht in Sachen Reproduktivität, vom „Gebärstreik der Frauen“ und der „Zeugungsverweigerung der Männer“ als spezifisch deutschem Phänomen kann mithin keine Rede sein.

Nur, es reicht halt nicht: Zum Ersatz der Elterngeneration wären 2,1 Kinder je Frau nötig. Die Statistiker aus Wiesbaden erwarten denn auch, dass im Jahr 2050 auf dem Gebiet der Bundesrepublik nicht mehr 81 Millionen Menschen leben werden, sondern nur noch 75 Millionen. Und das Volk wird anders aussehen: Die Zahl der unter 20-Jährigen wird von derzeit knapp 17 auf zwölf Millionen sinken, die Altersgruppe der mindestens 60-Jährigen wird mit 28 Millionen dagegen mehr als doppelt so groß sein wie heute. Deutschland sieht alt aus, in mancherlei Hinsicht: Ein Beschäftigter muss bei anhaltend niedrigen Geburtenraten dann 77 Prozent mehr Ältere versorgen.

Die Differenzen beginnen bei der Frage nach der Bedeutung dieses Vorgangs. Ist, was uns in den kommenden Jahren und Jahrzehnten erwartet, ein Drama? Manche sagen: Ja. An düsteren Zukunftsszenarien herrscht kein Mangel. Von der „Vergreisung Deutschlands“ ist die Rede, der „Verödung und Verblödung“ weiter Landstriche, gar vom „Aussterben der Deutschen“. Andere warnen vor Panikmache, die von den eigentlichen Problemen des Landes ablenke.

Was können, was müssen wir tun? Und wo sollen Politik und Wirtschaft überhaupt anfangen? Bei der angeblichen Zeugungsunlust zum Beispiel? Diskutiert wird über eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Über mehr Betreuungsangebote für Kinder. Und mehr Finanzhilfen für Familien.

Oder ist die Frage wichtiger, was getan werden muss gegen die allmähliche Zerstörung des sozialen Netzes? Der frühere sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf versucht seit Jahren schon, eine andere Finanzierung der Sozialsysteme ins Gespräch zu bringen – eine steuerfinanzierte Grundrente zum Beispiel.

Oder müsste die Politik beim Problem des massenhaften Wegzugs vor allem jüngerer, besser gebildeter Deutscher aus der Provinz in wirtschaftlich stärkere Regionen ansetzen?

Und: Lässt sich überhaupt etwas tun? Oder haben wir es mit einem unabwendbaren Schicksal zu tun?

Der Bielefelder Demograf Herwig Birg spricht für all jene, die den Zug für abgefahren halten. Er sagt, von einer „bevorstehenden Katastrophe“ könne keine Rede sein: „Wir stecken mittendrin, der Geburtenschwund grassiert seit Jahrzehnten schon.“ Gerd Bosbach dagegen vermag nichts besonders Besorgniserregendes zu erkennen. „Demografischer Wandel bedeutet, dass wir alle ein bisschen älter werden“, stellt der Professor für Statistik, Mathematik und Empirik aus Remagen lapidar fest. Bosbach sagt, das Schlimmste haben wir hinter uns. „Der Prozess war im vergangenen Jahrhundert wesentlich dramatischer – und wir haben ihn ökonomisch gut gemeistert.“ Die Lebenserwartung sei um mehr als 30 Jahre gestiegen, der Anteil der Jugendlichen an der Bevölkerung von 44 auf 21 Prozent gesunken und der Anteil der über 65-Jährigen von fünf auf fast 17 Prozent gestiegen. Gleichzeitig seien die Sozialsysteme und der Lebensstandard aller massiv ausgebaut worden. Warum also, fragt Bosbach, sollte der sich abschwächende Prozess jetzt zum Drama führen?

Weil, sagt Birg, der demografische Wandel soziale Ungleichheiten produziere, und in deren Folge politische Konflikte. Zum einen zwischen den Generationen. „Junge und Alte haben Interessen, die einander ausschließen. Der Euro kann vom Rentner oder vom Enkel ausgegeben werden, aber nicht von beiden.“ Aber auch zwischen „Menschen, die Kinder erziehen und dafür bestraft werden und Menschen, die keine Kinder erziehen und dafür belohnt werden.“ Birg meint: „Von Kindern profitiert, wer keine hat“. Er verweist dabei auf das Verfassungsgericht, das festgestellt habe, „die Pflegeversicherung ist verfassungswidrig, weil sie Kinderlose begünstigt“. Das gelte grosso modo auch für die Renten-, die Kranken- und die Arbeitslosenversicherung, die alle nach dem Umlageverfahren funktionieren.

Spannungen erwartet Birg auch zwischen Zugewanderten und Einheimischen. „Wollte man die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland allein durch Zuwanderungen wieder ins Gleichgewicht bringen, müssten jährlich weit über eine Million Personen einwandern“, rechnet Franz-Xaver Kaufmann vor, emeritierter Professor für Soziologie und Sozialpolitik in Bielefeld. Demograf Birg bereitet das Sorge. Die „gravierenden Unterschiede in Bildung und Beruf“ zwischen diesen Zuwanderern und den Einheimischen, die „zu ebenso gravierenden Ungleichheiten in Einkommen und Vermögen“ führten, seien problematisch. Denn die Gruppe der Einheimischen schrumpfe, die der Zuwanderer aber wachse weiter.

Und noch eine vierte Konfliktlinie hat der Demograf ausgemacht: Sie verläuft zwischen den Regionen, wie die Raumordnungsprognose 2020/2050 vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung aufzeigt. Zusammen mit der Tatsache, dass, wie der Historiker Michael Stürmer sagt, „die Deutschen erst keine Kinder zeugen und dann nicht sterben wollen“, führten rund vier Millionen Binnenwanderungen jährlich zu einer gewaltigen Differenz zwischen Gewinner- und Verliererregionen. Hier der reiche Süden, Baden-Württemberg, Bayern, Südhessen. Dort das Ruhrgebiet, das Saarland und, vor allem, der schrumpfende Osten: Sachsen-Anhalt hat seit der Wende zehn Prozent seiner Bevölkerung verloren, die Stadt Magdeburg ist seit 1990 um 60 000 Einwohner von über 290 000 auf nunmehr 230 000 geschrumpft.

Wachsen oder Schrumpfen – der Bedarf an Kindergärten, Schulen, Gesundheits-, Jugend- und seniorengerechten Einrichtungen, aber auch die Nachfrage und Anforderungen an Wohnungen und Arbeitsplätze müssen sich dem anpassen. Weniger Einwohner, das kann heißen: weniger Beschäftigte, weniger Einzelhandel und Gastronomie, sinkende Gewerbesteuereinnahmen. Für viele Kommunen keine gute Aussicht.

Gerd Bosbach warnt dennoch vor Alarmismus: Prognosen über einen Zeitraum von 50 Jahren seien Kaffeesatzleserei. Den Status quo fortzuschreiben, bedeute, immer wieder auftauchende Strukturbrüche auszublenden, folgenreiche, aber unvorhersehbare Ereignisse wie Weltkriege, Wirtschaftskrisen, Pillenknick. Zudem mache die wachsende Arbeitsproduktivität kommende Mehrbelastungen für die mittlere Generation mehr als wett. Sein Lieblingsbeispiel: 1900 hätte kein Bauer für möglich gehalten, dass seine Nachfolger 100 Jahre später nicht mehr nur acht Menschen, wie er, sondern 80 ernähren können. So viel Optimismus mag sich Herwig Birg nicht zu Eigen machen. Eine doppelt so hohe Produktivität bedeute beileibe noch kein doppelt so hohes Bruttosozialprodukt, sagt Birg, da die Zahl der 2050 produktiven Erwerbsfähigen schätzungsweise um 16 Millionen unter der von heute liegen werde.

Der demografische Wandel – eine Rechnung mit vielen Unbekannten? Am Ende wird es darauf ankommen, was wir daraus machen. An diesem Punkt kommen denn auch selbst die beiden Antipoden Birg und Bosbach doch noch zusammen: in ihrer Forderung an Politik und Wirtschaft nämlich, jetzt alles dafür zu tun, die heute Jungen bestmöglich auszubilden, in Forschung und Wissenschaft zu investieren, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und Ältere in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

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