Zeitung Heute : „Es scheint sich was zu ändern“
Mr. Perryman, was hat die Gedenkveranstaltung am 23. Juni 2006 in Dachau mit Fußball zu tun?
Als „London England Fans“ versuchen wir, die Freundschaft zu Fans anderer Nationen durch gezielte Aktionen zu intensivieren. Alle Welt denkt, England-Fans seien stets auf Krawall aus, weil wir oft grölend in den Innenstädten unterwegs sind, Kurzhaarfrisuren tragen, mit nackten Oberkörpern rumlaufen und ab und zu einen heben. Wir bringen bei dieser WM Engländer und Deutsche zusammen, um zu zeigen, dass wir fast ausschließlich in friedlicher Mission kommen.
Und dafür besuchen Sie ausgerechnet ein ehemaliges KZ?
Die Rivalität zwischen Deutschen und Engländern wird gerade bei uns noch oft in Verbindung zum Zweiten Weltkrieg gebracht.
Das Motto unserer Aktion lautet: „Never forget, never again.“ Die Gräuel des Krieges dürfen nicht vergessen werden. Die Engländer sollen aber erkennen, dass die Deutschen den Holocaust als schlimmstes Kapitel ihrer Geschichte begreifen und alles dafür tun, dass Gaskammern für immer der Vergangenheit angehören.
Glauben Sie wirklich, dass dieses Signal bei Fußballfans ankommt?
Die erste Aktion dieser Art fand 2003 beim Spiel der Engländer in Durban in Südafrika statt. Unsere Ausflüge in die verarmten Townships haben die Fans sehr berührt, und es hat bei uns viele Diskussionen ausgelöst. Solche Erlebnisse sind wichtig. Am Freitag wird uns in Dachau ein ehemaliger KZ-Insasse, der früher für 1860 München spielte, durch die Gedenkstätte führen. Wir werden ein St.-Georgs-Banner niederlegen und uns das Trainingsgelände von 1860 München ansehen. Und dann wird natürlich auch gekickt: England gegen Deutschland.
Welche Rolle spielt die englische Presse für das Verhältnis zwischen englischen und deutschen Fußballfans?
Es ist ein ernstes Problem, dass unsere Boulevardblätter immer wieder den Krieg bemühen. Kapiert endlich, das ist 60 Jahre her. Aber bei dieser WM scheint sich endlich was zu ändern. „The Sun“ titelte dieser Tage „Love is in The Herr. England-Fans lieben die Deutschen.“
Können Sie bemessen, ob Ihr Engagement schon ein Umdenken bei den Fans aus England bewirkt hat?
Es sind mehr als 70 000 Fans aus England zur WM angereist, nur etwa 4000 davon sind aktiv in Fanprojekten organisiert. In Vorbereitung auf dieses Turnier haben wir deshalb seit Beginn des Jahres monatlich Polizisten, Pressevertreter und Fanbeauftragte aus Deutschland zu Gast, um unsere Erfahrungen auszutauschen. Die Zusammenarbeit hat sich ausgezahlt, bis jetzt ist alles optimal gelaufen.
Können Sie abschätzen, ob es während dieser WM zu Ausschreitungen kommen wird?
Wenn 100 000 England-Fans in eine Stadt kommen, um ein Spiel zu sehen, und sich nur ein Prozent von ihnen zusammenrottet, um Ärger zu machen, kann das verheerende Folgen haben. Aber ist es nicht viel beachtlicher, dass 99 Prozent absolut friedlich sind?
Die Fans von England tragen ihre Nationalfarben traditionell stolz und offen. In Deutschland wird diskutiert, ob wir bei der WM unsere Flagge zeigen dürfen.
Vor zehn Jahren gab es ähnliche Diskussionen bei uns: Das St. -Georgs-Banner galt als extremistisches, nationalistisches und rassistisches Symbol. Aber wenn wir unsere Flagge nicht offen zeigen können, stimmt in unserem Land etwas nicht. Der Stolz auf meine Flagge bedeutet doch nicht, dass ich etwas gegen andere Nationalitäten hätte. Im Gegenteil.
Wie sind Sie an Tickets für die Spiele von England gekommen?
In England gibt es ein sehr demokratisches Ticketsystem. Als Mitglied des „Supporters Club“ sammle ich Punkte durch die Spiele, die ich besuche. Je mehr ich dem Team hinterherreise, desto mehr Punkte erhalte ich. Im Sinne echter Fußballfans wäre es prima, wenn sich andere Länder daran ein Beispiel nehmen.
Das Gespräch führte
Tim Jürgens.





