Zeitung Heute : Es war kein Leben zweiter Klasse

DEUTSCHES THEATER Eugen Ruges DDR-Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ kommt auf die Bühne – und erzählt vom Verlöschen der Utopie.

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Glanzvoller kann ein Romandebüt nicht sein. Eugen Ruges Buch „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ hielt sich monatelang in den Bestsellerlisten und wurde mit Preisen überhäuft. Es katapultierte den Berliner Autor schlagartig in die Öffentlichkeit. Wenn man Eugen Ruge fragt, ob der Erfolg ihn verändert hat, überlegt er kurz und antwortet dann lächelnd: „Einerseits hat das Buch mein Leben stark verändert, zumindest in der unmittelbaren Nachwirkung des Erfolgs. Andererseits nehme ich die Bekanntheit gar nicht so wahr. Ich bin immer noch derselbe. Ich lebe dasselbe Leben, mit denselben Freunden, in derselben Stadt.“ Ein Literaturstar ganz ohne Allüren.

So wie er an diesem frostigen Wintertag zum Gespräch im Deutschen Theater angeschlendert kommt, wirkt er unglaublich fit. Ruge hat die Statur eines Marathonläufers. Spricht man ihn darauf an, dann erzählt er, dass er erst mit 49 Jahren begonnen hat, für die Langstrecke zu trainieren. Und beim Berlin-Marathon ist er schon mal eine Traumzeit gelaufen: Drei Stunden und ein paar Minuten.

Als sein Roman erschien, war Eugen Ruge 57 Jahre alt. Die Idee zu dem Buch hatte er schon lange mit sich herum getragen. „Aber es brauchte einen stimmten Anstoß“, erzählt Ruge. „Die Krebsdiagnose, die im Buch geschildert wird, das ist meine eigene. Damals dachte ich: Wenn du nochmal ein Buch über deine Familie schreiben willst, dann fang damit an!“ Kurze Zeit später starb sein Vater Wolfgang Ruge, der zu DDR-Zeiten ein bekannter Historiker gewesen war. Auch das sei ein wichtiger Schreibimpuls gewesen, sagt der Sohn, und zwar „nicht nur, weil ich damit seiner Kontrolle entronnen war“.

Wider die Bedeutungslosigkeit

Die Krebsdiagnose hat sich mittlerweile in Luft aufgelöst – was an ein Wunder grenzt –, doch Ruge blickt heute anders auf sein Leben. Und er betont, dass es ihm in dem Buch vor allem um das Bewahren von Erfahrungen ging und nicht so sehr um eine Aufarbeitung der Vergangenheit. „Nach dem Tod meines Vaters hatte ich bei der Auflösung des Haushalts vieles in der Hand, was mit der Familiengeschichte zu tun hat. Lauter Gegenstände, von denen man weiß, dass sie für die nächste Generation schon vollkommen fremd und bedeutungslos sind.“ Sein Wunsch sei es gewesen, „gegen diese Bedeutungslosigkeit anzuschreiben“.

Aber war das Schreiben nicht auch eine Art Selbstrechtfertigung? „Es ist am ehesten so etwas wie eine Selbstvergewisserung“, sagt er, „aber vor allem die Vergewisserung, dass man wirklich gelebt hat, dass man kein Leben zweiter Klasse geführt hat. Es war ein weit verbreitetes Vorurteil, dass das Leben in der DDR doch nicht ganz so lebendig war wie das donnernde große Leben im Westen.“

Die Figur des Alexander lehnt sich an seine eigene Biografie an. „Aber ich habe den Sascha ein ganzes Stück von mir weggerückt“, erzählt Ruge. Im ersten Kapitel wirkt er sogar ein bisschen unsymphatisch, fast schon herzlos, wie er seinem demenzkranken Vater das Geld klaut, um nach Mexiko abzuhauen. „Ich wollte polarisieren“, sagt der Autor, „um zwischen Kurt und seinem Sohn auch stärkere politische Differenzen herauszuarbeiten.“ Über vier Generationen erstreckt sich die Familiengeschichte, die zugleich die Geschichte der DDR spiegelt. Die Figuren sind alle mit viel Empathie geschildert – eine Stärke des Romans. Ruge selbst erklärt es so: „Es ist dieses Unvermögen, einen fertigen Standpunkt oder eine gültige Perspektive auf die Vergangenheit zu entwickeln.“ Auch heute ringe er ständig um einen Standpunkt in der Welt. Was nicht bedeutet, dass er keine Haltung hat.

Schreiben als Berufung

Das Buch lässt ihn nicht los. Mehrere Bühnen interessierten sich für den Stoff. Nun wird Stephan Kimmig am Deutschen Theater den Roman auf die Bühne bringen. Das DT sei etwas Besonderes für ihn, erzählt Ruge. „Ich habe hier die für mich wichtigsten Aufführungen gesehen – zum Beispiel „Dantons Tod“ von Alexander Lang. Eine der Vorarbeiten zu dem Roman ist übrigens ein Theaterstück: „Babelsberger Elegie“, das 1997 in Magdeburg uraufgeführt wurde, behandelt nur den Geburtstag des Patriarchen. „Doch der Rahmen war zu eng und da habe ich beschlossen, einen Roman zu schreiben“, sagt Ruge, der es kurios findet, dass das Buch nun doch wieder ins Theater kommt.

Er selbst hat dem DT eine neue Bühnenfassung angeboten. Regisseur Stephan Kimmig hat dann auf der Grundlage dieses Textes eine eigene Fassung erarbeitet. Auf das Resultat hat Ruge also nur begrenzt Einfluss. Bei den Proben will er aber nicht aufkreuzen. „Ich komme zur Premiere“, sagt er. Ruges Verhältnis zum Theater könnte man durchaus als gespalten bezeichnen. Eine leise Skepsis ist auch jetzt herauszuhören, doch er betont, dass er wirklich gespannt ist auf die Aufführung.

Für einen Literaten ist er erstaunlich uneitel. Dass der Erfolg ihn nicht korrumpiert hat, merkt man rasch. „Ich habe immer schon das Gefühl gehabt, dass ich nicht genug gemacht habe für andere in meinem Leben“, gesteht Ruge am Ende des Gesprächs. Sich einer Hilfsorganisation anzuschliessen, plant er aber nicht. „Möglicherweise muss ich akzeptieren, dass das Schreiben meine Berufung ist.“

SANDRA LUZINA

Premiere 28.2., 19.30 Uhr

Weitere Vorstellung 1.3., 19.30 Uhr

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