Zeitung Heute : Es wird Zeit für Hilfe

Traurige Kinderaugen, aufgedunsene Bäuche – vor Weihnachten appellieren die Hilfswerke an das Gewissen der Bürger. Aber ist das seriös? Nicht alle Gaben erreichen ihr Ziel: Korrupte Organisationen und Behörden bereichern sich immer wieder. Doch ohne Spenden wächst die Not.

Ulrike Scheffer

SPENDENAUFTAKT IM ADVENT

Da sind sie also wieder, die Bittschreiben, die Plakate und die Flugblätter. Pünktlich zur Adventszeit quillen die Briefkästen über, weil Hilfsorganisationen auf die Not in der Welt aufmerksam machen wollen. Viele drucken auf dem Umschlag Bilder von Kindern mit flehenden Augen, meist nur in Lumpen gekleidet und entsetzlich abgemagert – Fotos, die den Ernst der Lage verdeutlichen sollen. Weihnachtszeit ist Spendenzeit – darauf setzen nicht nur die Kirchen mit ihren tradtionellen Adventssammlungen.

Aber lohnt das Ganze überhaupt? Warum gibt es so viel Elend, wenn doch seit Jahrzehnten Milliardensummen gespendet werden und auch der Staat große Summen für Entwicklungshilfe ausgibt? Noch dazu sind diejenigen, die zur guten Tat bereit sind, verunsichert: Verschwindet das Geld nicht ohnehin in den Taschen korrupter Potentaten?

Weltbankpräsident James Wolfensohn hat Mitte der neunziger Jahre das Tabuthema Korruption erstmals öffentlich angeprangert. Das vermeintliche Kavaliersdelikt Bestechung lenke gerade in unterentwickelten Gesellschaften Gelder von den Armen zu den Reichen, kritisierte Wolfensohn. Die allerärmsten Staaten landen auf den Ranglisten der Anti-Korruptions-Organisation „Transparency International“ regelmäßig ganz weit oben. Aus Sicht von Experten sind vor allem Großprojekte anfällig für Korruption. Ausländische Investoren werden somit abgeschreckt.

Die Hilfsorganisationen halten dagegen: Ohne Hilfe sähe es noch viel schlimmer aus, denn die Weltbevölkerung ist stetig gewachsen. „Gerade die privaten Organisationen haben direkten Kontakt zu den Empfängern der Hilfe, deshalb können wir auch etwas bewirken“, sagte Jochen Donner von der Welthungerhilfe kürzlich bei der Vorstellung des UN-Ernährungsberichts in Berlin.

Die Bilanz der Vereinten Nationen klingt allerdings entmutigend: Die Zahl der Hungernden steigt wieder dramatisch an. Nach Donners Überzeugung fehlt es am politischen Willen, das Problem wirklich zu lösen. So hätten die Industriestaaten ihre Hilfe gerade für die Entwicklung ländlicher Regionen reduziert, und auch die Regierungen in den armen Ländern vernachlässigten die heimische Landwirtschaft. „Umso wichtiger ist es, Bauernverbände und andere lokale Gruppen zu unterstützen, damit sie sich langfristig gegen diese Politik wehren können“, argumentiert der Experte.

Aber nicht alle Organisationen setzen auf langfristige Strategien bei ihrer Hilfe. Immer mehr Gruppen passen sich dem kurzlebigen Medieninteresse bei akuten Krisen und Katastrophen an. Ohne Fernsehbilder keine Spenden, lautet eine Branchenregel. Die Caritas und das Rote Kreuz etwa sagten im Sommer 2002 sogar geplante Aktionen für Afrika ab, um ihre Kräfte ganz auf die Flut in Ostdeutschland zu konzentrieren. Denn: Die Not vor der eigenen Haustür verdrängte nicht nur alle anderen Themen aus den Schlagzeilen, sie löste auch eine beispiellose Welle der Hilfsbereitschaft aus. „Mit dem Dauerkrisenherd Afrika wären wir in dieser Situation ohnehin nicht durchgedrungen“, rechtfertigt DRK-Sprecher Lübbo Roewer die Kursänderung.

Deutsche sind großzügig

Grundsätzlich sind die Deutschen nach wie vor großzügig. Nach Schätzungen des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) liegt das Spendenaufkommen in Deutschland seit Jahren konsta
Auch prominente Fürsprecher schaffen Vertrauen. Das Kinderhilfswerk Unicef hat die Fernsehjournalistin Sabine Christiansen als Botschafterin gewonnen; der Sänger Herbert Grönemeyer unterstützt ein Bündnis von insgesamt 26 Organisationen, die in Afrika arbeiten.

Beim Werben um Spenden wird mit harten Bandagen gekämpft. „Die Kampagnen werden immer aggressiver“, klagt Christian Frevel, Sprecher der Bischöflichen Aktion Adveniat. „Die Bilder, mit denen da gearbeitet wird, verletzen die Würde der Notleidenden. Der Mensch wird zum Objekt.“ Frevel spricht von einem „Kanibalismus“ unter den Hilfswerken. Die Konkurrenz führe dazu, dass leichtfertig eine „humanitäre Katastrophe“ heraufbeschworen werde, um den Spendenfluss in Gang zu sezten.

Jüngstes Beispiel: der Irak. Schon vor dem Krieg starteten viele Organisationen Aufrufe, um für die unvermeidliche Katastrophe vorzubauen – die dann aber ausblieb. Weder tauchten die angekündigten Flüchtlingsmassen an den Grenzen des Irak auf noch brachen Cholera oder andere Seuchen aus. „So etwas ist unseriös und schadet uns letztlich allen“, sagt Frevel. Seiner Meinung nach steht die Glaubwürdigkeit der Helfer auf dem Spiel. Selbst wenn der Krieg anders verlaufen wäre, argumentiert er, hätte man im Irak kaum mit Zuständen wie etwa in Kongo oder Liberia rechnen müssen.

Zwischen Gut und Böse

Für diese Länder lassen sich nur sehr schwierig Spenden auftreiben. Die Konflikte in den afrikanischen Bürgerkriegsstaaten sind unübersichtlich, Gut und Böse kaum zu unterscheiden. „Das lässt sich nicht mehr vermitteln“, sagt Simone Pott, Sprecherin der Welthungerhilfe.Fotos: visum, reuters,

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