Zeitung Heute : „Es wird zu viel Wissen abgefragt“

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Hessen will einen Wissenstest für Einbürgerungswillige. Was sagt es über einen Menschen aus, wenn er drei deutsche Philosophen nennen kann, Herr Bade?

Das sagt zunächst aus, dass er ein solides enzyklopädisches Wissen erworben hat. Das hilft ihm vor allem dann weiter, wenn er bei Günther Jauch sitzt.

Könnten Einbürgerungstests prinzipiell sinnvoll sein und wenn ja – wie?

Prinzipiell ja, und zwar auf Bundesebene. Man wird nicht Bayer oder Hesse, sondern Deutscher. Jeder Staat darf denjenigen, die im politischen Sinne in sein Gemeinwesen eintreten wollen, entsprechende Eintrittskarten abverlangen. Aber es muss ein vernünftiges Maß geben zwischen wertorientierten Fragen und einem Mindestnachweis an Beschäftigung mit diesem Staatswesen.

Ist der hessische Wissenstest schon allein deshalb nicht aussagekräftig, weil die Antworten auswendig gelernt werden können?

Was man erreichen will, ist eine nachträgliche Beschäftigung der Einwanderungswilligen mit diesem Land, und das ist legitim. Aber für meine Begriffe wird hier zu viel Wissen abgefragt. Bei dem Test in Baden-Württemberg dagegen geht es zu sehr um das Prüfen von Meinung und Mentalität. Die Deutschen müssen sich endlich dazu bequemen, sich selbst auf einen Nenner zu bringen, der für Einwanderer verständlich ist.

Sie meinen eine kulturelle Identität?

Es geht nicht darum, blond und blauäugig zu werden, sondern darum, die Kernfragen und Grundwerte der deutschen Verfassung und politischen Kultur verständlich zu formulieren. Wir haben aufgrund unserer Geschichte ein prekäres Verhältnis zur kulturellen Selbstbeschreibung. Das müssen wir durchbrechen, sonst kommen wir im Einwanderungskontext nicht weiter.

Was hat die Integrationspolitik versäumt?

Die Deutschen vergessen, dass die Einwanderer seit drei Generationen im Land sind. Wir haben sie lange im Regen stehen gelassen, jetzt wollen wir von ihnen deutsche Nobelpreisträger wissen. Dabei kann ein großer Teil von ihnen nicht einmal richtig Deutsch. Die Leute brauchen attraktive Hilfsangebote im Rahmen nachholender Integrationspolitik, besonders in bildungsfernen Familien. Wir brauchen mehr Überzeugungsarbeit und weniger abschreckende Hürdenläufe mit enzyklopädischem Gepäck.

Klaus J. Bade ist Geschichtsprofessor und Gründer des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien in

Osnabrück.

Das Gespräch führte Meike Fries.

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