Zeitung Heute : Essen ist keine Schwäche

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Magersucht und Bulimie sind „multifaktorale", auf verschiedensten biografischen, psychologischen, kulturellen und genetischen Faktoren beruhende Krankheiten, für die es kein einheitliches Heilungskonzept gibt. Die meisten Einrichtungen, seien es allgemeine Krankenhäuser, Spezialkliniken oder ambulante Beratungseinrichtungen, setzen deshalb heute auf ein „Maßnahmenbündel" aus verhaltenstherapeutischen und tiefenpsychologischen Gruppen und Einzelgesprächen. Deren vorrangiges Ziel besteht darin, dass die Patienten sich längerfristig selbst als krank anerkennen, dass sie die Heilung wollen, und Hilfe durch Ärzte, Therapeuten, Ernährungswissenschaftler und die eigenen Angehörigen annehmen.

Im fortgeschrittenen Stadium, wenn das Körpergewicht weniger als 50 Prozent des Normalgewichts beträgt, müssen die Patienten, bevor mit der eigentlichen Therapie begonnen werden kann, körperlich stabilisiert werden; Magersuchtkranke, die die Nahrungsaufnahme auch im lebensbedrohenden Stadium noch verweigern, werden dann oft künstlich ernährt. Wie viel Zwang der anschließenden Therapie zuträglich ist, hängt, so Sylvia Baeck von der Beratungsstelle „Dick und Dünn“ in Berlin, von den einzelnen Patienten ab. Vor einer stationären Therapie schließen die Patienten häufig einen „Behandlungsvertrag“, in dem eine bestimmte Gewichtszunahme vereinbart wird. Wird dieser Vertrag nicht erfüllt, drohen Sanktionen wie zum Beispiel Telefonverbot oder Isolation, aus der die Kranken sich wieder „herausfuttern“ müssen. Andere, weniger verhaltenspsychologisch orientierte Therapien, begnügen sich für das erste Stadium schon mit einer Stabilisierung des Gewichtes. Dass die Kranken schnell zunehmen, heißt nicht immer, dass sie auch schnell gesunden. Wenn sie zu schnell „aufgefüttert“ werden, ist die Gefahr, so Sylvia Baeck, sogar groß, dass die Magersucht in eine Ess-Brech-Sucht übergeht.

Auch die Magersucht ist eine Sucht, aus der sich nur wenige aus eigener Kraft befreien können. Die Patientinnen und Patienten müssen in einem langwierigen Prozess ihr Verhältnis zum eigenen Körper und zur eigenen Umwelt „normalisieren". Sie müssen wieder ein Gespür für die Bedürfnisse entwickeln und lernen diese anzuerkennen. Bei gemeinsamen Mahlzeiten und in der Ernährungsberatung sollen die Kranken erfahren, dass Essen keine Schwäche ist, oder Belohnung für extraordinäre Leistungen, sondern eine biologische Notwendigkeit, die durchaus Genuss bereiten darf. Eltern, Partner und Freunde spielen bei der Heilung eine große Rolle. Sie müssen, wenn sie die Essstörung bemerken, den Kranken mit ihrer Diagnose konfrontieren. Während der Therapie sollten sie die Kranken weder zum Essen zwingen noch ihr „Körperschema“ diskutieren, betont Siyvia Baeck. Das sei nur Sache des Therapeuten.

Doch nicht jede Behandlung ist erfolgreich. 60 Prozent brechen die Therapie ab, nur etwa ein Drittel der Patienten galten in einer Ulmer Studie nach drei Jahren als geheilt. Die Magersucht gilt als die psychosomatische Erkrankung mit der größten Sterblichkeitsrate. Die häufigsten Todesursachen sind Infektionskrankheiten, Nieren- oder Herzversagen. Viele ehemalige Magersüchtige behalten ihr Leben lang ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Appetit, andere behalten körperliche Schäden wie Osteoporose, Stoffwechselstörung und zu niedrigen Blutdruck. Am größten sind die Heilungschancen bei einer sehr früh einsetzenden Therapie. Schnell geht das nie. „Essstörungen zu behandeln, ist ein langer, oft lebenslanger Prozess", sagt der Berliner Psychiater Werner Köpp. stf

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