Essen & Trinken : Boxenstopp

Neben der japanischen Bentobox sieht die deutsche Stulle verdammt alt aus: über den schönsten Pausensnack der Welt

von
Schneller Snack: Dieses hübsche Kästchen wird im japanischen Hochgeschwindigkeits-Zug Shinkansen verkauft.
Schneller Snack: Dieses hübsche Kästchen wird im japanischen Hochgeschwindigkeits-Zug Shinkansen verkauft.Foto: Tona Pictures / VISUM

Ist das alles nicht viel zu kunstvoll, um es zu essen? Noch dazu als schnöden Snack, mal eben zwischendurch? Ach was!, würde Kenji Ekuan sagen. Die Vorstellung von Kunst als etwas Ewigwährendem, als etwas, das Bestand haben muss, sei eine sehr westliche Idee, glaubt der Designer. In Ekuans Heimat Japan dagegen darf und kann man Kunst essen. Millionen tun es jeden Tag. Sie nehmen den Deckel von ihren Lunchboxen aus Kunststoff oder Holz und blicken auf kleine Gemälde aus Reis, Gemüse, Fisch, Fleisch. Und dann „verschwindet das Kunstwerk wieder – in wenigen Augenblicken“, so Ekuan.

Bento – so heißt die japanische Lunchbox, ob leer oder gefüllt. Kinder haben eine von der Mutter gefüllte Bentobox für die Schul-, Geschäftsleute eine für die Mittagspause dabei. Und überall in Japan kann man fertige Bentogerichte kaufen, für die Reise, ein Picknick oder einfach für zwischendurch. Die Bentobox ist eine Art japanische Brotbüchse. Nur, dass sie auf kleinstem Raum eine komplette, oft kalte Mahlzeit bietet – und dass sie unvergleichlich eleganter aussieht.

Designer Kenji Ekuan hat über die Bentoästhetik ein ganzes Buch verfasst („The Aesthetics of the Japanese Lunchbox“, MIT Press). Darin zeigt er, wie die Japaner in ihren Lunchboxen Landschaften und Jahreszeiten einfangen und abbilden. Der Genuss eines guten Bentogerichts, so Ekuan, gleiche einer Wanderung durch Japans Natur.

Nehmen wir die Lunchboxen aus dem „Kachuan“ in Tokio, einem von dutzenden Bentoläden im Hauptbahnhof der Stadt. Im Großen erinnert hier, in der gesichtslosen, modernen „Gransta“-Einkaufspassage im Untergeschoss der Station, nichts an Kontemplation oder Naturgenuss: Es ist Mittagszeit an einem Donnerstag, Geschäftsmänner im dunklen Anzug hasten zu ihren Zügen oder trinken noch schnell einen Kaffee. Vor der Glastheke des „Kachuan“ („Kleines Haus im Nebel“) stehen zwei ältere Damen und deuten auf die ausgestellten Boxen.

Die Schönheit liegt im Kleinen. Das beliebteste der sieben im „Kachuan“ angebotenen Bento ist ein schwarzes, rechteckiges Kästchen aus Plastik, eingeschlagen in hellrotes Krepppapier und unterteilt in vier gleich große Fächer. Unten rechts findet sich das Meer: eine runde Fischbulette und eine Garnele, außerdem zusammengerollte Algen, festgehalten von einer schmalen Gemüseschleife. Darüber gibt es Pilze, Maroni und andere Dinge, die Wald und Bäume hergeben. Im nächsten Fach dagegen steckt, was unter der Erde heranwuchs, etwa ein halbrundes Stück Rettich, eine Kartoffelkugel und eine Scheibe Lotuswurzel. Unten links schließlich: Spinatblätter, eingelegt in Tofu, und Eierstich in Form einer Blüte. Den Reis dazu gibt es, anders als bei vielen Bento, in einer separaten Box. „Wir mischen ihm je nach Jahreszeit unterschiedliche Zutaten bei“, erklärt Naoko Sotome, die 21-jährige Vizemanagerin des Geschäfts. „Im Spätherbst zum Beispiel Shimeji-Pilze oder kleine Fische, zu Beginn eines Jahres Bambussprossen oder Algen, im Sommer Erbsen.“

Eki-Ben – Lunchboxen, die man auf Bahnhöfen kauft – zählen heute zu den beliebtesten Bentoboxen. Kein Wunder: Sie sind eine praktische Mahlzeit für die Zugfahrt und eignen sich zudem als Mitbringsel – in Japan ist es obligatorisch, beim Besuch von Freunden oder Verwandten ein Geschenk dabei zu haben.

Eki-Ben werden selbst an kleinen Bahnhöfen in endlosen Variationen angeboten. „Oft enthalten sie lokale Spezialitäten, auf Hokkaido, im Norden, etwa Tintenfische“, sagt Sotome. „Auch hier in der Tokyo Station hat jeder Laden seine eigenen Kreationen.“ Das „Kachuan“ ist die Filiale eines bekannten Kyotoer Restaurants, von dem die meisten Boxen jeden Tag geliefert und nur noch um frischen Reis ergänzt werden. „Bei uns gibt es Eingemachtes, Gemüse und Fisch.“

Charakteristisch für die Lunchboxen ist, dass keine Zutat dominiert, sondern viele Happen gleichberechtigt nebeneinander liegen – dieser Abwechslungsreichtum macht Bento auch gesund. Gleichzeitig sind die einzelnen Happen klar voneinander getrennt; es geht darum, den spezifischen Geschmack einer jeden Zutat zu genießen. „Wenn man eine Box öffnet, freut man sich zunächst über den Anblick, und dann, beim Essen, über die ganz verschiedenen Geschmacksrichtungen“, sagt Sotome.

Auch für die wichtigste japanische Kochbuchautorin Harumi Kurihara, die in ihrem Bestseller „Einfach japanisch kochen“ (auf Deutsch erschienen bei Dorling Kindersley) Tipps für Bentogerichte gibt, liegt der Reiz der Lunchboxen in der „enormen Bandbreite an Geschmäckern, Konsistenzen und Farben“. Die Vielfalt geht so weit, dass viele Bento, die heute in speziellen Läden oder in Supermärkten angeboten werden, nicht mehr viel mit japanischem Essen zu tun haben – man findet in ihnen auch Spaghetti, Burger oder Schnitzel. Außerdem erreichen industriell gefertigte Boxen natürlich nicht die Qualität einer traditionell zubereiteten Bentomahlzeit.

Die Ursprünge der Box reichen gut 1000 Jahre zurück. Wahrscheinlich waren Feldarbeiter, Fischer und Krieger die ersten, die sich ihre Mahlzeiten für unterwegs einpackten. Auch beim Kirschblütenfest, das die Japaner am Fuß der Bäume begehen, wurden die Boxen verwendet. Erst in der Edo-Zeit (17. bis 19. Jahrhundert) entwickelte sich aber eine raffinierte Bentokultur: Damals waren die Lunchboxen vor allem in Theatern beliebt, man aß sie zwischen den Akten. 1885 wurde die erste Bahnhofs-Bentobox verkauft.

Der edelste und bis heute zu besonderen Anlässen, in Restaurants und vor allem bei Picknicks verwendete Typ der Bentobox ist das Shokado-Bento. Die leichten, quadratischen Kästchen sind schwarz lackiert und besitzen vier gleich große Fächer. Wenn es puristisch zugeht, findet sich oben rechts stets roher Fisch, oben links Gemüse, darunter Gekochtes und unten rechts der Reis. Angeblich inspirierten die Shokado-Bento das Design des ThinkPads von IBM.

Die neueste und persönlichste Form der Lunchbox hat auf den ersten Blick wenig mit dieser simplen Eleganz zu tun – und steht doch ganz in der Bentotradition. Gibt es in der Schule oder dem Kindergarten kein Essen, bekommen japanische Kinder von ihren Müttern (seltener: von ihren Vätern) Boxen mit auf den Weg. „Die Mütter kleiner Kinder haben in den vergangenen Jahren eine richtige Leidenschaft dafür entwickelt, die Bentomahlzeiten als Bilder zu gestalten, besonders beliebt sind Comicgesichter“, erzählt Naoko Sotome aus dem „Kachuan“-Laden. „Meine eigene Mutter hatte leider keine Ader dafür, ich war immer ein bisschen neidisch auf meine Mitschüler“, fügt sie hinzu und lacht. Für Kochbuchautorin Harumi Kurihara sind selbst gemachte Bento ganz allgemein „fast wie ein kleiner Liebesbrief“ – und dabei brauche man dafür nur frischen Reis und die Reste vom Vortag. So ein Gericht erinnere „an daheim, an die Person, die es für einen zubereitet hat“.

Das Buch „Face Food“ (Mark Batty Publisher) zeigt, wie viel Kreativität und Aufwand in vielen Bento für Kinder steckt. Manche Mütter stehen eine Stunde in der Küche, um Sternförmchen aus Käsescheiben zu schneiden, Hasen aus Reis zu modellieren, ihnen Tomatenohren aufzusetzen und Augen aus Meeralgenstreifen zu geben. Autor Christopher Salyers, der Fotos der Boxen sammelte und Eltern interviewte, zeigt sich beeindruckt von der Liebe, die darin zum Ausdruck kommt: Mit den bunten Bildern versuchen Eltern nicht zuletzt, ihre Kinder für eine ausgewogene Ernährung zu begeistern und von McDonald’s fernzuhalten.

Bleibt nur das alte Problem: Ist das alles nicht viel zu kunstvoll, um es zu essen? Beziehungsweise: Kann man es wirklich übers Herz bringen, auf einen süßen Pandabären aus Reis einzustechen?

Bentoboxen zum Selberfüllen gibt es im Japan-Shop in Steglitz. Hubertusstraße 8a, Tel. 79 70 82 88. Preis: ab 10 Euro.

Autor

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben