Esther Kogelboom ringt mit guten Vorsätzen : Neues aus dem OP

Es war Nacht, als ich von einem Knall geweckt wurde.

von
Esther Kogelboom.
Esther Kogelboom.Foto: Mike Wolff

Verstört setzte ich mich auf und sah routinemäßig an mir hinab. Da war der Bauch, ich war immer noch schwanger. Zusätzlich gab es eine Pfütze. Die Fruchtblase. Die Fruchtblase? Die Fruchtblase!!

Acht Wochen zu früh.

Und Wehen. Wehen? Wehen!!

Die beiden Holzfäller von der Berliner Feuerwehr setzten mich auf eine Art Sänfte und trugen mich in den Krankenwagen. Klappe auf, ich und ein Holzfäller rein. Rums, Tür zu: „Wohin?“ – „Charrrrité.“

So viel zu meinem Vorsatz, eine achtsame Geburt in der Havelhöhe hinzulegen. Meine gestalterischen Ideen waren egal, es ging jetzt nur noch um eine Frühgeborenen-Intensivstation, die was taugt.

Sie legten mich auf eine Pritsche unter das Bildnis eines Storches mit langem roten Schnabel – damit füttert er die wolligen Storchenkinder im Nest. Dann schob man mich in einen Kreißsaal. Man verabreichte mir Wehenhemmer, die nichts bewirkten, im Gegenteil. Ich zerfetzte jede einzelne Brechschale aus Papier in immer kleinere Schnipsel. Zwischendurch unterschrieb ich die AGBs der Charité: dass man mich operieren darf, Bluttransfusionen okay sind, ja, ich stellte meine Leiche sogar der Wissenschaft zur Verfügung.

So vergingen die Stunden.

Einige Highlights:

Der zukünftige Mitsorgeberechtigte bittet die Hebammenschülerin um ein Aspirin. Sie glaubt, es solle für mich sein: „Das hilft Ihrer Frau nicht.“

Ich umschließe einen Massage-Igel so fest mit meiner Hand, dass sie blutet.

Im Kreißsaal nebenan schreit eine Frau laut um Hilfe, ich stimme mit ein: „Hilfe!“

Eine Schwester fragt, ob ich um Himmels willen nie einen Geburtsvorbereitungskurs gemacht hätte. Unserer ist nächstes Wochenende.

Irgendwann tritt eine Delegation von attraktiven Medizinern an uns heran: „Kaiserschnitt – Sie sind die Übernächste. Machen Sie sich keine Sorgen, Sie werden wieder ein Bikinihöschen tragen können, nur so wegen der Narbe meine ich.“

Meine größte Sorge wurde so entkräftet, und ich begab mich freimütig in den Operationssaal.

Wie sich ein Kaiserschnitt anfühlt? Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Salatschüssel, die auf einem wackeligen Tisch steht. Bevor die Gäste kommen, nimmt die Hausfrau das große Salatbesteck und mischt etwa 20 Minuten Dressing unter das Grünzeug. Gleichzeitig kommt ein grüner Duschvorhang immer näher auf Ihr Gesicht zu, dahinter murmeln Stimmen: „Weiter links. Weiter links. Ich sagte: weiter links. Gut. Ja.“

Schräg hinter Ihnen steht der Mensch, mit dem Sie das Leben teilen, und Sie erkennen an seiner zitternden Unterlippe ganz genau, dass Sie nicht alles sehen, was er sieht. Plötzlich entsteht Hektik, und Sie denken: „Ist das gut?“ Eine nette Anästhesistin mit goldgefasster Brille beugt sich lächelnd über Sie. Die Welt verschwimmt. Oberschwester Hildegard. Dankbarkeit. Sie werden zugenäht und schlafen.

Beim Aufwachen war ich immer noch sehr zugedröhnt vom Anästhesie-Cocktail. Ich befand mich auf der Wöchnerinnenstation, aber ohne den Hauptdarsteller. Der sei in der Neonatologie und einigermaßen wohlauf, wie eine Schwester mir beibrachte. Sie habe sicher Verständnis dafür, dass ich da mal kurz vorbeischauen wolle, fragte ich.

Sie nickte und schob mich mit Bett in den Aufzug. Am Ende sah ich eine durchsichtige Box. Darin lag unser Baby, das aussah, als sei es soeben nach langem Kampf k.o. gegangen.

„Auf den passen wir ab sofort immer auf“, sagte der Mitsorgeberechtigte. „Eh klar“, lallte ich und freute mich erst mal.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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