Zeitung Heute : "Etwas Echtes zu machen, kostet nun mal die Existenz"

ISABEL HERZFELD

Musik im Haifischbecken: In ihrem 10.Jahr gehen "Spectrum Concerts" und Ensemble Oriol auf KonsolidierungskursISABEL HERZFELD Wie war in Berlin es doch vordem für freie Gruppen so bequem! Im Schatten der Mauer gedieh manch eigenwilliges Pflänzchen.Mittlerweile ist eine Situation wie im Haifischbecken eingetreten, in der sich immer mehr frei-(willig)e und freigesetzte Musiker um knappe Mittel balgen.Da trifft es auch jene, die man über den schnöden Mammon erhaben glaubte - weil sie nie subventioniert wurden."Ich mußte schon immer an viele Türen klopfen", meint Frank S.Dodge, Gründer und Leiter der "Spectrum Concerts" Berlin.Der rührige "Amerikaner in Berlin", von Haus aus Cellist, veranstaltet seit 1988 Kammermusikreihen an verschiedenen Spielorten, in wechselnder Besetzung.Hauptanliegen ist die Vermittlung zeitgenössischer amerikanischer Musik.1990 - unter anderem mit Unterstützung der Hochschule der Künste - konnte man eine "American Music Week" auf die Beine stellen und anschließend mit dem Programm auf USA-Tournee gehen.Geld vom Senat hat Dodge für seine Aktivitäten - außer einer dreimaligen Mietübernahme für den Kammermusiksaal - nie gesehen.Die 160 000 DM Jahresetat für seine Berlin-Veranstaltungen kratzt er von wechselnden Sponsoren zusammen.1995 wurde ein Förderverein um Rolf Liebermann und Wolfgang Stresemann gegründet.Kasseneinnahmen decken 30 Prozent der Kosten.""Es geht aber nicht immer um Erfolg und stimmende Kassen"!" Zu einem Konzert mit Werken von Robert Helps kamen nur 100 Besucher, aber 15 fragten danach nach den Partituren. Nach dem Mauerfall war es zunächst wichtig für Dodge, Kontakt zu Ost-Musikern zu finden.Er suchte die Zusammenarbeit mit Literatur und Bildender Kunst.Konzerte in der Neuen Nationalgalerie während der Exil-Austellung waren ein Anfang.Eine Zusammenarbeit mit der Geigerin Elisabeth Glass, mit Eva Mattes und dem Dirigenten Stanley Walden hat begonnen.Seine Kompromißlosigkeit verteidigt Dodge: "Etwas Echtes zu machen kostet nun mal die Existenz". Sebastian Gottschick und Dirk Kiefer, Leiter und Geschäftsführer des Ensemble Oriol, sehen das ähnlich, auch wenn sie nicht wie Dodge jedes Plakat selber kleben müssen.Die fünfteilige Abonnentenreihe im Kammermusiksaal hat sich bewährt, in zwei Jahren stieg die Platzausnutzung von 50 auf 70 Prozent.Auch der jetzige Schönberg-Zyklus schreckt ein breiteres, junges Publikum nicht ab.Energisch betreibt das einstige Studentenensemble seine Professionalisierung: "Auch wenn in einem dirigentenlosen Orchester die Eigenverantwortung groß ist und das zu einer Qualitätssteigerung führt, können wir uns eine Fluktuation bei Konzertmeistern und Stimmführern nicht mehr leisten." Doch ist die Senatsförderung seit derGründung vor zehn Jahren von 380 000 auf 180 000 DM heruntergefahren worden.Seit fünf Jahren stopft der Schweizerische Bankverein als Sponsor die Lücken.Nun verspricht der Senat die Hälfte der bisherigen Förderung als festen Haushaltstitel.Kein Grund zum Jubeln: Weniger staatliche Unterstützung läßt ein Ensemble in den Augen der Wirtschaft weniger wert erscheinen.Weil die Probengelder nur die Hälfte des Lebensunterhalts der Musiker decken können, muß Oriol höhere Gagen verlangen.Bei einem Programmspektrum von Frescobaldi bis Jakob Ullmann läßt sich der Klangkörper auch nicht in eine Schublade wie "Barockorchester" stecken; jetzt soll eine Agentur helfen, Engagemts zu suchen - was ebenfalls die Kosten treiben würde.Am Status mit luxuriöser Probenzeit und kreativen Freiräumen will man nichts ändern, wohl aber das Angebot erweitern: durch Zusammenarbeit mit der Neuen Opernbühne Berlin, durch feste Einbeziehung von Bläsern.Vielleicht kann man bald mal wieder einen Kompositionsauftrag geben, ohne auf die Gage verzichten zu müssen ... 

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