Zeitung Heute : Etwas mehr Takt, bitte

NIKOLAUS BERNAU

Eine Diskussion zur Beutekunst mit offenem Ende"Kriegesbedingt verbrachtes Kulturgut" - das rechtsstaatliche Wortungetüm deutet den Knoten an, der fest um die 1940 bis 1945 von Deutschen in Europa verschleppten und 1945 bis 1949 durch die Rote Armee in Deutschland und Mitteleuropa eroberten Objekte geschlugen scheint.Die Konrad-Adenauer-Stiftung lud jetzt zur Erklärung, wenn auch nicht Lösung, des Problems, und bot gleichzeitig einen interessanten Blick in die deutsch-russischen Beziehungen mit all ihren vor allem psychologischen Lasten. Denn an der rechtlichen Lage gibt es, zumindest auf Regierungsebene, kaum einen Unterschied in der Beurteilung der Frage, wie Waldemar Ritter vom Bundesinnenministerium und später in der Diskussion auch ein Vertreter der russischen Botschaft feststellten.Ritter begründete die Rückgabeforderung vor allem mit der Haager Konvention von 1907 und mit dem deutsch-russischen Kulturabkommen von 1990, das die Rückage eindeutig regele."Verträge müssen eingehalten werden, das sagt auch die russische Verfassung." In der Haager Konvention sei ein "Beuteverbot ohne Wenn und Aber" ausgesprochen worden, eine Folge der europäischen Aufklärung.Dies hätten auch die Vertreter der Sowjetunion bei den Nürnberger Prozessen 1946 betont, als es um die Raubaktionen des deutschen Amtes Rosenberg ging.Und auch der Widerstand Jelzins gegen den Duma-Beschluß ist auf diese Einsicht zurückzuführen.Vielleicht könne die vorgeschlagene deutsch-russische Stiftung mit Wechselausstellungen einen Weg ebenen.Doch: "Wir werden viel Zeit brauchen". Der zweite Fachmann auf dem Podium, Wolf-Dieter Dube, Generaldirektor der Staatlichen Museen Berlins, mußte weniger diplomatisch sein als der Regierungsvertreter Ritter - und er nutzte seinen Freiraum."Skandal" war noch eine der freundlicheren Formulierungen für das Verhalten der russischen Seite, der wenig taktvolle Hinweis auf die "vom deutschen Steuerzahler garantierten Kredite" eine, die bei den anwesenden Russen nur den Hinweis auf die 25 Millionen sowjetischer Kriegstoter auslöste.Dube beklagte vor allem, daß nach erfreulichen Anfängen in den frühen neunziger Jahren inzwischen alle russischen Archive wieder verschlossen seien."Wir wissen gar nicht, worüber wir reden".Er stellte aber auch die Frage nach dem Nutzen der Kulturgüter für die russische Bevölkerung seit 1945: "Wenn man neue Museen etwa im zerstörten Novgorod gegründet hätte, sähe die Lage heute ganz anders aus." Doch seien die Sachen eben immer verborgen geblieben, und jetzt dränge die Zeit, denn so manches Kunstwerk sei bereits in den Depots verrottet. Vom neuen Europa war viel auf dem Podium die Rede.Doch leider bat man keinen russischen Vertreter aufs Podium.Und so wurde erst in der Diskussion, als sich Vertreter der russischen Botschaft meldeten, deutlich, daß die von Deutschen als rein rechtliche Frage behandelte Angelegenheit aus russischer Sicht wesentlich eine der Moral und vor allem der Atmosphäre ist.Zwar würden alle deutschen Archive für die Suche nach russischen Kunstgütern geöffnet - doch suchen sollen die mit Krieg überzogenen und beraubten Russen selbst nach ihren Schätzen.So seien die vermutlichen Reste des Bernsteinzimmers eben nicht von Regierungsstellen, sondern von privaten Journalisten aufgespürt worden.Wenn man der Duma und dem Volk sagen könne: Die Deutschen suchen mit zweihundert Mann nach russischem Kulturgut, gehen auf Auktionen ect.- da sei schon eine Menge gewonnen.Doch bisher stoße man mit solch atmosphärischen Fragen in Deutschland auf taube Ohren.NIKOLAUS BERNAU

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