EU-Agrarministerrat : Tourismus als Arbeit
09.09.2012 00:00 UhrAgrarministerin Ilse Aigner (CSU) hat eine gute Entschuldigung: Es ist Haushaltswoche. Deshalb kann sie am informellen Agrar- und Fischereirat auf Zypern gar nicht teilnehmen. Berlin wird durch einen Abteilungsleiter vertreten, sagte ein Sprecher dem Tagesspiegel. Der Rat beginnt am Sonntagmittag und dauert bis Dienstagnachmittag. Zwei Tage lang besichtigen die Minister die Sehenswürdigkeiten der Insel. Der Rat selbst dauert nur zwei Stunden und 15 Minuten.
Dabei hätten die Agrar- und Fischereiminister der Europäischen Union gerade eine Menge zu besprechen. EU-Fischereikommissarin Maria Damanaki hat eine Fischereireform vorgelegt, mit der sie endlich nach Jahrzehnten vergeblicher Veränderungsbemühungen erreichen will, dass nur noch so viele Fische aus europäischen Gewässern gezogen werden, dass das Überleben der Bestände gesichert werden kann.
Die alte Politik der Fangquoten bei gleichzeitiger finanzieller Unterstützung für die Vergrößerung der europäischen Fangflotte hat Damanaki schon bei ihrem Amtsantritt 2010 als verfehlt erkannt. Doch Fischereireformen sind ein zähes Geschäft. In ihrer Halbzeitbilanz muss Damanaki es schon als "Erfolg" verkaufen, dass sie das Maß an Überfischung in den nördlichen Gewässern der Union von 72 Prozent auf 47 Prozent hat drücken können. Es gäbe für die Fischereiminister auf Zypern also allerhand zu diskutieren. Stattdessen werden sie Aphrodites Felsen besuchen. In der griechischen Sage soll die Liebesgöttin vor Zypern aus dem Meer entstiegen sein. Nach Auffassung der Zyprer genau auf diesem Felsen knapp vor der Küste.
Auch die Agrarminister haben eine große Reform vor sich. Es geht um die Frage, ob die europäischen Bauern auch nach 2013 Geld dafür bekommen sollen, einfach weil sie noch existieren, oder ob sie dafür spezielle Aufgaben erledigen müssen, beispielsweise in der Landschaftspflege. Die Agrarreform ist in Europa höchst umstritten. Gesprächsstoff gäbe es also genug. Doch stattdessen sollen sich die Minister am Sonntag die Kolossi-Burg anschauen und später die Ausgrabungsfelder von Kourion. Am Abend steht nach dem Abendessen auch noch eine Kulturveranstaltung auf dem Programm. Am Montag geht es genauso weiter. Da stehen das historische Dorf Agros und Kakopetria auf dem Programm. Da nimmt sich der Besuch des Wasserreservoirs von Kouris schon fast wie eine Fachveranstaltung aus. Dieser Ausflug wird selbstverständlich auch nur den Delegationen angeboten. Die Minister besuchen nach Aphrodites Felsen noch das Kloster Agios Neofytos. Der eigentliche Rat findet am Dienstag zwischen 10.45 Uhr und 13 Uhr statt. Davor gibt es ein Familienfoto und danach eine Pressekonferenz. Nachmittags sollen die Delegationen die Insel dann gegen 15 Uhr verlassen, selbstverständlich nach einem angemessenen Mittagessen.
Dass Minister mal etwas legerer daher kommen, dass sie sich in einem schicken Hotel treffen und nicht ununterbrochen tagen, das ist bei einem informellen Ministerrat gewollt. Aber zwei Tage Touristenprogramm und nahezu keine Zeit für Gespräche, das ist ein sehr spezielles Verständnis davon, was es bedeutet, die Europäische Ratspräsidentschaft inne zu haben. Aber von Zypern erwarten die meisten europäischen Kollegen ohnehin nicht allzu viel. Am 31. Dezember endet ihre Ratspräsidentschaft.














