EU-Gericht : Knopf im Ohr

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Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Foto: Tagesspiegel

Ich bin recht froh, dass ich kein Nilpferd bin. Oder ein Eisbär. Oder überhaupt ein Bär. Auch Fuchs will ich nicht sein. Überhaupt kein Tier, das sich eigentlich nicht zum Kuscheln eignet, aber in kleinerer Ausführung eben doch.

Wäre ich so ein Nilpferd, hätte ich womöglich auch einen Knopf im Ohr. Knöpfe im Ohr sind zwar schwer in Mode seit es iPhones, iPads, Walkmans oder Artverwandtes gibt. Aber das sind ja sinnvolle Knöpfe, weil man mit denen Auto fahren, kochen, Staub saugen kann. Das kann das Nilpferd alles nicht. Trotz Knopf im Ohr. Wenn ich mich richtig erinnere, war der Knopf vom Nilpferd sogar störend. Aber wenn man ihn rausgeprokelt hatte, was mühsam genug war, war das Ohr vom Nilpferd kaputt und das Geschrei groß. Bis die Eltern dem Kind ein neues Nilpferd gekauft hatten, was das Kind dann aber nicht interessierte, weil es ja so einen blöden Knopf im Ohr hatte. Möglicherweise war das auch der geheime, perfide Plan des Franz Steiff, Neffe der Margarete Steiff, als er den Kuscheltieren diesen dann weltbekannten Knopf ins Ohr setzte. Auf jeden Fall ist Steiff ein Marktführer der Kuscheltiere geworden.

Offiziell wurde der Metallknopf erstmals 1904 in unschuldige Tiere implantiert, um sie vor Plagiaten zu schützen und um sie einzigartig zu machen. Das ist ja auch gelungen. Kein Tier hat einen Knopf im Ohr. Und auch kein Fisch ihn an der Flosse. Nur die Tiere aus dem Zoo von Steiff haben das.

Und der ist, um mal nicht mit Kinderaugen zu schauen, ein Markenzeichen geworden. Ein eingetragenes Markenzeichen. Und mit so etwas beschäftigt sich die EU. Muss sie sich beschäftigen, weil den Steiffianern der Arten-, äh, Markenschutz für Deutschland und in mehreren anderen Ländern nicht reichte und sie ihn europaweit beantragten, und zwar mit der angeblichen Einzigartigkeit, dass der Knopf das Ohr exakt in der Mitte verstopft. Wenn dann das Tier seinen Besitzer nicht hört und ungehorsam ist, geht die Prokelei wieder los, wirklich schon sehr perfide, dieser Knopfplan. Ist das nicht Tierquälerei?

Das EU-Gericht hat den Steiffianern aber widersprochen, der Knopf ist typisch, aber nicht einzigartig, unterscheidet sich aber nicht genügend von anderen Spielsachen, die ebenfalls Knöpfe oder kleine Schilder tragen. Die Steiffianer können aber noch Rechtsmittel einlegen, in der nächsthöheren Instanz, dem Europäischen Gerichtshof. Der hat ja sonst nichts zu tun. Es werden also in der Angelegenheit noch einige Ohren abgekaut werden.Helmut Schümann

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