Eulenburg-Expedition : Den Schleier gelüftet

Mit der Eulenburg-Expedition 1860/1861 und einem Vertrag begannen Japaner und Deutsche einander kennenzulernen.

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Betsäule in Izegami. Die Stelle, die Carl Bismarck 1860 fotografierte, liegt heute mitten in Tokyo. Nur wenige Motive sind erhalten.
Betsäule in Izegami. Die Stelle, die Carl Bismarck 1860 fotografierte, liegt heute mitten in Tokyo. Nur wenige Motive sind...Foto: bpk / Geheimes Staatsarchiv, SPK/ Carl Bismarck

Graf Friedrich zu Eulenburg und seine 700 Mann starke Expedition, die mit drei Schiffen am 4. September 1860 in die Bucht von Edo, dem heutigen Tokyo, einem ungewissen Abenteuer entgegendampfte, waren nicht die ersten Deutschen, die nach Japan gereist waren. Schon zuvor hatten deutsche Wissenschaftler und Forscher wie Engelbert Kaempfer (1651-1716) und Philipp Franz von Siebold (1796-1866) in Diensten der Niederländer das Land bereist, das außer ihnen seit dem 17. Jahrhundert kein Ausländer mehr hatte betreten dürfen. Aber seit der erzwungenen Öffnung der japanischen Häfen durch Commander Perry 1854 hatten auch weitere Staaten der schwachen Regierung der Japaner „ungleiche“ Verträge abgerungen, um den Handel mit Japan voranzutreiben. England, Russland und Frankreich folgten im gleichen Jahr, 1855 schlossen dann die Niederländer und 1860 die Portugiesen einen offiziellen Vertrag mit dem „Taikun“ von Japan, dem „Großen Herrscher“, wie sich der Shogun, der oberste Kriegsherr der Samurai, gerne nennen ließ.

Das erstarkte Königreich Preußen wollte aus vielen Gründen nicht hinter den anderen Groß- und Seemächten zurückstehen, außerdem drängten die Kaufleute der Hansestädte auf Verträge mit Japan, China und Siam, um sich im Ausland nicht immer fremden Mächten unterstellen zu müssen. Für Preußen bedeutete die Ostasien-Expedition im Namen des Zollvereins, der Hansestädte und der beiden Großherzogtümer Mecklenburg eine große Anstrengung. Von den vier im März 1860 ausgelaufenen Schiffen kamen drei in der Bucht von Edo an. Mit an Bord waren außer Matrosen noch Seesoldaten – das Flaggschiff „Arcona“ hatte zwar 27 Kanonen – aber es war keine beeindruckende Flotte.

„Uns allen war gewiß eigentümlich zumute, da von dem, was die nächste Zeit an Eindrücken und Erlebnissen bringen würde, keiner eine deutliche Vorstellung haben konnte. Das vor uns liegende Land schien gleichsam in einen Schleier gehüllt, den wir lüften sollten.“ schrieb später der sächsische Kaufmann Gustav Spieß, der Mitglied der Delegation war. Schon bald näherte sich ein Boot, dessen Besatzung sich nach der Nationalität des Schiffes erkundigen wollte. „Die Leute wurden nicht an Bord gelassen, es wurde ihnen aber eine preußische Flagge gezeigt und das Wort „Prussia“ gesagt. Darauf ruderten sie gleich fort, und man hörte, wie sie immer „Prussia“, „Prussia“ wiederholten, um es nicht zu vergessen“, notierte Eulenburg. Für ihn war es ein riskantes Unternehmen, denn er konnte es sich nicht leisten, ohne Vertrag nach Hause zurückzukehren.

Über den amerikanischen Gesandten Townsend Harris waren die Japaner informiert, dass mit der Ankunft eines preußischen Geschwaders zu rechnen sei. Die Gespräche zwischen den Beamten des Shogunats und den Preußen fanden auf Niederländisch statt: „Die Dolmetscher unter ihnen sprechen sämtlich gut holländisch, was man bei einiger Aufmerksamkeit wohl versteht, und wir machen uns durch corrumpiertes deutsch so gut als möglich verständlich“, notierte der Schiffsprediger Kreyher in seinen Erinnerungen. „Übrigens zeigten sie eine Kenntnis der europäischen Verhältnisse, eine Bildung und Intelligenz, die uns in Erstaunen setzte.“

Ähnlich äußerte sich auch der Landwirtschaftsexperte Maron. Er war vom Habitus, der Würde und der Bildung der japanischen Beamten tief beeindruckt. Eulenburg wunderte sich über die Stadt Edo, „wir hatten uns auf etwas Großartiges gespitzt und fanden etwas sehr Ärmliches ...“. Man hatte eine Großstadt erwartet und fand eher dörfliche Strukturen vor.

Die Gesandtschaft bekam ein Quartier von den Japanern zugewiesen sowie eine Truppe Bewaffneter, ohne die sie sich nicht im Land bewegen durften – zu ihrer eigenen Sicherheit, wie es hieß. Die innenpolitische Lage war angespannt, die Samurai fürchteten um ihre soziale Stellung; für sie waren die Europäer Eindringlinge und der Shogun ein schwacher Mensch. Aber das Shogunat sah auch ein, dass es zu schwach war, um sich gegen die westlichen Eindringlinge zu stemmen, wie es der machtlose Tenno zumindest verbal tat. Das Shogunat wusste, dass weitere „ungleiche“ Verträge Wasser auf die Mühlen der Opposition waren, aber man sah auch die ausländische Bedrohung. Also spielten die Japaner auf Zeit und hielten Eulenburg hin. Der unternahm immer wieder Ausflüge in die Umgebung, allerdings immer in Begleitung japanischer Wächter. „Alles stürzte aus den Häusern um uns anzuschauen und helles Gelächter begleitete uns straßenweise“, schrieb Eulenburg. Er hatte auch drei Fotografen mitgenommen, die wahrscheinlich die ersten Fotografien aus Japan nach Europa brachten. „Die ersten Gegenstände ... waren verschiedene Tempel ... wegen ihrer pittoresken Form und Lage“, notierte ein Fotograf. Der kleine Schatz wird vom Preußischen Geheimen Staatsarchiv in Berlin gehütet, das auch noch das einzige Exemplar des Vertrages aufbewahrt, der auf Deutsch, Japanisch und auch auf Niederländisch verfasst ist, der „Lingua franca“ der Japaner im Kontakt mit dem Westen. Folglich war auch die niederländische Fassung das Original.

Die Delegation musste lernen, dass Protokoll und Formalien enorm wichtig für die Japaner waren. Die Vorstellung, mit den Preußen auch gleich nebenbei einen Vertrag auszuhandeln, der für andere deutsche Staaten gelten sollte, war für die Japaner unvorstellbar.

Der Vertrag spricht in der Einleitung davon, „freundschaftliche Beziehungen zwischen den beiden Reichen zu begruenden“ und diese „ ... durch einen gegenseitig vortheilhaften und den Unterthanen der hohen vertragenden Maechte nuetzlichen Freundschafts- und Handels-Vertrag zu befestigen“. Davon konnte allerdings keine Rede sein. Japan öffnete die Häfen und Städte Hakodade, Kanagawa und Nagasaki für Preußen, erlaubte den Preußen dort zu wohnen, Häuser zu kaufen und Handel zu treiben. Befestigungen waren allerdings verboten. Ähnlich weitgehende Rechte wurden den Japanern in Preußen nicht eingeräumt. Für Preußen galt in Japan auch das Prinzip der Exterritorialität.

Kaum war der prächtige Vertrag unterschrieben, machte sich die Delegation auf die Weiterreise. In Berlin hielt sich die Begeisterung über das Schriftwerk in Grenzen, aber es war dennoch der Grundstein für den Aufbau fruchtbarer Beziehungen, die sich nach dem Sturz des Shogunats und der Inthronisierung des Meiji-Kaiser 1868 ergaben, als sich der Kaiser anschickte, von den Westmächten zu lernen, um die Modernsierung seines Landes voranzutreiben.

Friedrich Albrecht Graf zu Eulenburg reiste 1860 nach Japan, um den Vertrag zwischen Preußen und Japan auszuhandeln. Weitere Etappen seiner Expedition waren China und Siam.

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