Zeitung Heute : Eulenpost an Harry Potter

Gregor Wildermann

Wenn sich demnächst Elternpaare mit den Wunschzetteln ihrer Kinder in den Weihnachtseinkauf stürzen, wird mit Sicherheit der Name Harry Potter wieder ganz oben stehen. Doch im Unterschied zu den Vorjahren können sich Eltern nicht darüber freuen, dass die Kinder nach E-Mails und Internet wieder zurück zum Buch gefunden haben. Nach den allein in Deutschland 11,5 Millionen verkauften Exemplaren erscheint ein fünftes Buch der Autorin Joanne K. Rowling erst im kommenden Jahr. Die Kinofilmumsetzung von "Harry Potter und der Stein des Weisen" (Start: 22.11.01) unter der Regie von Chris Columbus sorgt unterdessen dafür, dass eine gewaltige Welle von Merchandiseprodukten ins Rollen kommt.

Neben dem Brausegiganten Coca-Cola bezahlte zum Beispiel die Firma Mattel allein 50 Millionen Dollar für die Lizenzrechte an allen Spielzeugprodukten. In Deutschland sorgt der Achterbahn Verlag dafür, dass die bis dahin so triste Welt mit Plüschfiguren, Müslischalen und Keksdosen verzaubert werden muss. Blickt man in die elektronischen Medien, so findet man dort neben der schlichten Webseite des Carlsen-Verlages inklusive längeren Leseproben mehr als 700 Fanwebseiten.

Menüpunkt "Winkelgasse"

Auf der offiziellen deutsche Webseite zum Film hat man leider zuerst den Eindruck, dass dem User mehr verkauft als erzählt werden will. Abseits vom "Zauberladen" und dem klassischen Angebot von Trailern, Bildschirmschonern und Filminformationen bietet die Webseite aus dem Hause des Filmstudios Warner Brothers dann doch noch einige kleine Überraschungen: So findet man unter dem Menüpunkt der "Winkelgasse" die Vorlagen für Lesezeichen zum selber ausdrucken oder die "Eulenpost", mit der man über den Mailweg drei verschiedene Sound-Botschaften verschicken kann. Die an das Quidditch-Spiel angelehnten interaktiven Webgames sind dagegen eher ein dürftiges Vergnügen, und spätestens dann sollte man zum Angebot anderer Hersteller greifen.

So bietet Lego neben elf verschiedenenSpielsets mit wichtigen Schauplätzen und Utensilien sowie den Hauptcharakteren Professor Albus Dumbledore, Professor Snape, Hagrid, Ron Weasley und Potters Freundin Hermione Granger auch noch das PC-Spiel "Harry Potter Creator" an, in dem der Spieler die Legowelten auch am Computer erleben kann. Als weiterer Anbieter an der elektronischen Spielzeugfront sorgt die Firma Electronic Arts schon sechs Tage vor dem Kinotermin dafür, dass die fast unvermeidlichen Videospielumsetzungen in den Verkaufsregalen stehen.

Waren solche Spiele in der Vergangenheit durch kurze Entwicklungszeit und geringe Qualitätsansprüche nur sehr selten zu empfehlen, hat man sich im Falle des Wunderkindes ein höheres Ziel gesteckt. Der englische Entwickler Argonaut Games ging einen für die Videospielindustrie ungewöhnlichen Weg und interpretierte die Film- und Buchhandlung für vier verschiedene Spielplattformen.

Bei dem GameBoy Colour (Nintendo) legte man das Hauptgewicht auf das Rollenspiel, während bei dem neueren GameBoyAdvance eine Mischung aus Abenteuer- und Geschicklichkeit angelegt wurde. Mit mehr Actionelementen ging man an die Umsetzung für den PC und die PSone-Konsole (Sony), die graphisch im Vergleich zur neueren PlayStation 2 wie ein altes Eisen wirkt, jedoch dafür in weitaus mehr Kinderzimmern steht. Das Spiel selbst startet in der Eingangshalle der Zauberschule Hogwart. Nach Bewältigung der ersten Aufgaben öffnen sich immer mehr Türen zu weiteren Abenteuern, die mit Rätseln und Herausforderungen gespickt sind. So muss man in der Rolle des Harry wie im Film gegen ein dreiköpfiges Monster antreten oder die Quidditch-Meisterschaft für seine Schule gewinnen. Andere Aufgaben bestehen aus der Rettung der Eule Hedwig, den Prüfungen aus der Besen-Flugschule und dem andauernden Sammeln von Bertie-Botts-Bohnen.

Organizer mit Zauberritualen

Die überraschend gute Qualität der Grafik, der verwendete Filmsoundtrack und die kompletten deutschen Synchronstimmen runden das gute Bild dieser Spielreihe ab. Eine Art interaktives E-Book für die Jüngsten wird dagegen zum Filmstart von der Firma Hasbro herausgebracht. Die "elektronische Zauberfibel" ist ein Organizer für Kinder und enthält eine Datenbank mit allen wichtigen Informationen zu Personen, Wesen, Orten und diversen Zauberritualen. Wer also vergessen hat, wer Albus Dumbledore oder Severus Snape ist, dem dürfte dieser kleine Kasten im allerdings recht kitschigen Design vielleicht eine Hilfe sein.

Den eingebauten Taschenrechner wird die Autorin J.K. Rowling und alle beteiligten Firmen jedenfalls am besten selbst gebrauchen. Und die Gesetze der Marktwirtschaft hat auch der am gleichen Kalendertag wie die Autorin geborene Hauptdarsteller Daniel Radcliffe begriffen: Er bekommt für die Darstellung des Harry Potter in der anstehenden Verfilmung des zweiten Buches "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" nun schon 3 Millionen Dollar Gage.

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