Zeitung Heute : Euphorie bis zur völligen Sorglosigkeit

HELMUT MERSCHMANN

Sagt der Optimist: "Wir leben in der besten aller verfügbaren Welten", entgegnet der Pessimist: "Ja leider!" Mit dieser Anekdote brachte Joseph Weizenbaum, ehemaliger Wissenschaftler am Massachussettes Institute of Technology (MIT) und einer der eloquentesten Computerkritiker, eine Veranstaltung der "transmediale" zum Thema "Cyberwahn? Chancen und Risiken virtueller Techniken" auf den Punkt.

Gerade in der schönen, neuen Welt der Medientechnologien herrscht Euphorie und Aufbruchstimmung ohne Unterlaß - bis zum Grad vollkommener Sorglosigkeit gegenüber den Konsequenzen.Daß "alles Mögliche zur Existenz strebt", wie der deutsche Philosoph G.W.Leibniz vor beinahe dreihundert Jahren postuliert hat, ist spätestens im Zeitalter von Cyberspace und Virtual Reality wahrgewordene Wirklichkeit

Für Steffen Meschkat von der Berliner Agentur für Computergestaltung art+com, haben die neuen Medien zumindest das Attribut "neu" nicht recht verdient.Als ganz normal bezeichnet er den gesellschaftlichen Wandel, der mit ihnen einherschreitet.Wie bei vorangegangenen Medien, der Fotografie und dem Film, sei durch die Virtualisierung - der Schaffung imaginärer, nur im Computer existenter Räume - lediglich eine neue Medienrealität entstanden.Auf diese Unterscheidung legt Meschkat bei seinem Versuch, den Cyberspace in Prozesse "normaler" Medienevolutionen einzubetten, großen Wert.

Aber kann eine "Medienrealität" immer von der eigentlichen Wirklichkeit unterschieden werden? Diese Sorge treibt die Philosophie seit Jahrzehnten.Die Beispiele von Manipulation und Fälschung, per Computer nachgebildeten "Dokumenten" und "Fernsehbildern", die jeweils für bare Münze genommen werden, sind zahlreich.Mit der Computeranimation tendieren nun die Möglichkeiten von Lug und Trug ins Unendliche.Anläßlich des Golfkriegs und der damaligen Berichterstattung hatte sich beispielsweise ein aufgebrachter Streit darüber entfacht, ob die Virtualisierung der Geschosse in den Cockpits der Bomber ethisch zulässig sei.Sie glichen, wie man weltweit auf dem Fernsehbildschirm verfolgen konnte, banalen Computerspielen auf verblüffende Weise.Mit dem Unterschied eben, daß solche "Medienrealität" fatale Folgen hatte.



Und darin sehen die Kritiker der neuen Medien eine Gefahr.Joseph Weizenbaum verwies darauf, daß die gegenwärtig nicht bloß in der Kognitionspsychologie beliebte "Computermetapher" für vielerlei Erklärungen herangezogen würde, dabei jedoch nur ein eingeschränktes Verständnis erlaube.Schon sind Fachbücher auf dem Markt, die die menschliche Seele, das Bewußtsein und das Denken auf der Basis von Arbeitsabläufen in Computern darlegen.Damit, so Weizenbaum, würde jedoch ein Modell zur Realität erklärt, mit der Folge, daß alle Geheimnisse entwertet und banalisiert werden.



So weit mochte Pierangelo Maset, Kunsthistoriker an der Universität Hamburg, in seiner Medienkritik nicht gehen.Auch für ihn stellt sich das Problem der "symbolischen Ordnung", die die Grenzen zwischen Realität und Imagination festlegt.Sie habe sich durch Virtual Reality verschoben.Zum Beispiel ziehe die Globalisierung auf den Finanzmärkten eine Undurchsichtigkeit und "Immaterialität" nach sich, die mit Virtueller Realität durchaus vergleichbar sei: Niemand duchschaut die Abläufe im Detail.Dies führte Maset jedoch auf das Bedürfnis nach eben jener Immaterialität zurück, dem sich geistesgeschichtlich bis in Platons Höhle folgen läßt.Und doch sei es ein Unterschied, ob man Erfahrungen in der virtuellen oder in der realen Welt macht.



Selten enden solche Diskussionen einmütig.Optimisten und Pessimisten trennt halt ein tiefer Graben.Und wer wollte sich schon nur an einem Ufer aufhalten? Ob die Kunst, wie Weizenbaum und Maset übereinkamen, eine Lösung anbieten kann, indem sie eine "Erdung" im Realen vornimmt, bleibt eine hehre Aufgabe, nichtsdestotrotz fraglich.Denn die "Kategorie des Schmutzes", die Maset für das nobelste Indiz des Realen hält, läßt sich im Cyberspace nur schlecht bewerkstelligen.

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