Zeitung Heute : "Eures": Unangenehme Überraschungen nicht ausgeschlossen

Thomas Veser

Irland, einst klassisches Auswanderungsland, verzeichnet heute einen verblüffenden Beschäftigungszuwachs. Noch bis 1995 hat jedes Jahr rund ein Viertel der arbeitsfähigen Iren die Nordseeinsel verlassen, um im Ausland eine Existenz aufzubauen. Heute hat sich die nationale Arbeitsverwaltung darauf spezialisiert, ausländischen Arbeitskräften den Umzug nach Irland schmackhaft zu machen. Ein Vorbild für Deutschland?

Als rechtliche Grundlage dient unter anderem ein Vermittlungsprogramm, das die Europäische Kommission 1992 gegründet hat. Eures, so das Kürzel für die gemeinschaftliche Initiative "European Employment Services", bildet ein Netzwerk, an dem sich die Arbeitsverwaltungen der EU, des Europäischen Wirtschaftsraumes EWR (Norwegen, Island und Liechtenstein) und demnächst - im Sinne der bilateralen Verträge mit Brüssel - die Schweiz beteiligen. Auch Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände gehören zum Eures-Programm, das drei Funktionen erfüllen soll: Arbeitsuchende können sich über die Beschäftigungslage in den einzelnen Ländern informieren, sich beraten und vermitteln lassen. Dazu hat Brüssel die teilnehmenden Länder in einer Verordnung verpflichtet.

Gegenwärtig wirken an den Arbeitsämtern im gesamten Eures-Gebiet 350 Berater mit, in Deutschland beträgt ihre Zahl 50. Wohl gibt es in den meisten Staaten eine Statistik, aus der hervorgeht, wie oft die Beraterdienste seither in Anspruch genommen wurden; wie oft Vermittlungen zum Erfolg führten, ist jedoch nirgends festgehalten.

Brüssel hatte die Initiative damals in der üblichen Rhetorik als neuartig dargestellt, obwohl die staatenübergreifende Stellenvermittlung entlang der grenznahen EU-Gebiete, in denen etwa 15 Prozent der Gesamtbevölkerung leben, schon lange praktiziert wurde: Am Oberrhein pendeln täglich Zehntausende aus Frankreich und Deutschland zu Arbeitsstätten in Südbaden und in der Nordwestschweiz.

Eures brachte lediglich die Ausweitung auf Ballungsräume in den Binnengebieten der Teilnehmerländer. Dass diese Form der Vermittlung beachtliche Chancen eröffnet, wurde zu keiner Zeit ernsthaft bezweifelt. Aber gerade in Deutschland hat die Bundesanstalt für Arbeit (BA) Eures nur halbherzig umgesetzt. Nur zwei Berater können sich bundesweit ausschließlich um Eures kümmern, die übrigen müssen parallel die klassischen Betreuungsaufgaben erfüllen und finden für die grenzübergreifenden Vermittlungen kaum Zeit.

Eures nährte auch die eurokratische Illusion, "dass es kinderleicht sei, in Europa zu arbeiten", kritisiert Eicke Lenz, der am Münchner Arbeitamt als hauptberuflicher Eures-Berater tätig ist. Lenz, der auf Portugal spezialisiert ist, zieht nach acht Jahren eine Bilanz, bei der Licht und Schatten dicht beieinander liegen. Über die gemeinsame Datenbank könne man nun einfacher und schneller Offerten abrufen. Es gebe im Ausland in der Tat "Arbeitsplätze aller Art wie Sand am Meer", allerdings würden begehrte Top-Positionen, die es zu besetzen gelte, durch die Arbeitsverwaltungen oft gar nicht ausgeschrieben. Großbritannien melde weniger als zehn Prozent der vakanten Stellen, Portugal hat im abgelaufenen Jahr gerade einmal 13 Angebote übermittelt. Und Italien besitze immer noch keine nationale Online-Datenbank. Deutlich bessere Perspektiven bieten sich Suchenden in Deutschland, das rund 100 000 Stellen in das Netzwerk eingegeben hat. Und auch ein Blick auf Österreich mit rund 24 000 Arbeitsofferten lohne sich. Wer außerhalb dieser Hochlohnländer nach Arbeit sucht, sollte sich auf unangenehme Überraschungen einstellen, gibt Lenz zu bedenken. "Gehaltsvorstellungen können von einem Land zum anderen erheblich voneinander abweichen", erklärt der Berater und wählt als Beispiel Irland. Dort landesübliche Gehälter, selbst für qualifizierte Tätigkeiten, können im Extremfall bis zu 30 Prozent tiefer ausfallen als hier.

Wer länger im Ausland leben und arbeiten will, wird in der Regel nicht nur mit weniger Geld auf seinem Gehaltskonto leben müssen, "er darf auch nicht überrascht sein, wenn ihm soziale Errungenschaften, an die deutsche Arbeitnehmer gewöhnt sind, im Gastland vorenthalten bleiben", warnt Lenz. Immer wieder komme es vor, dass Berufsabschlüsse nicht problemlos anerkannt oder Arbeitnehmer aufgefordert würden, zusätzliche Eignungstests oder Anpassungslehrgänge auf eigene Kosten zu bewältigen.

Zwar werde innerhalb der EU das Verbot der Diskriminierung und Freizügigkeitsprinzip "rein formal respektiert", räumt Eicke Lenz ein. In einigen Ländern sei jedoch im Alltagsleben damit zu rechnen, dass ausländische Arbeiternehmer arbeitsrechtlich, steuerlich und in Belangen der Sozial- und Krankenversicherung Nachteile in Kauf nehmen müssten. Mit fremder Sprache, anderen Sozialmustern, konfessionellen Eigenarten und ungewohnten Verwaltungspraktiken konfrontiert, erleben viele Nordeuropäer den beruflich motivierten Umzug nach Südeuropa oft als "schmerzhafte Entwurzelung". Interessenten über diese Stolpersteine zu informieren, ist deshalb mittlerweile zentrales Anliegen der Eures-Berater.

Nicht selten müssen sie Interessenten ins Gewissen reden, denn oft genug würden diese ihre Chancen für eine erfolgreiche Bewerbung falsch einschätzen. Rund 95 Prozent der Antragsteller, so Lenz weiter, erlitten bereits beim Abfassen ihres Lebenslaufes Schiffbruch, hätten nur oberflächliche Landeskenntnisse und stünden mit der geforderten Fremdsprache auf Kriegsfuß.

Andere wiederum schätzten die Möglichkeiten, mir ihrer jeweiligen Qualifikation eine Stelle zu erhalten, völlig unrealistisch ein. Wer etwa in Italien als Rechtsanwalt arbeiten möchte, müsse berücksichtigen, dass auf der Apenninenhalbinsel nach Schätzungen des am Münchner Arbeitsamt angesiedelten Italien-Beratungszentrums im Schnitt 60 Prozent der Universitätsabsolventen über ein Jahr nach ihrem Abschluss immer noch keine Festanstellung besitzen.

Ob ein ausländischer Bewerber den Zuschlag erhält, hängt von mehreren Faktoren ab. Lenz nennt beispielsweise eine fundierte Berufsausbildung mit Abschluss und eine nachgewiesene Berufspraxis von mindestens zwei bis drei Jahren. Zuvor erworbene Auslandskenntnisse - Bildungs- und Urlaubsreisen fallen nicht darunter - könnten sich positiv auswirken, "eine Garantie für die Anstellung sind sie nicht", schränkt Lenz ein. In aller Regel entscheide sich die ausländische Firma auf der Suche nach dem "besten Kandidaten" für die wirtschaftlich günstigste Variante.

Immer häufiger erhalten Arbeitssuchende den Rat, im Land ihrer Wahl eigenständig zu recherchieren und Kontakte zu knüpfen. Wer Unterstützung durch das deutsche Arbeitsamt bezieht, darf sich bis zu einem Vierteljahr im Ausland aufhalten, ohne die BA-Leistungen einzubüßen. Er muss sich allerdings bei seinem Arbeitsamt um ein Formular bemühen, mit dem er sich bei der ausländischen Arbeitsverwaltung anmeldet.

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