Zeitung Heute : Euro-Geburtswehen

ALBRECHT MEIER

Die Frist,bis zu der die potentiellen Euro-Teilnehmerländer ihre Daten für das entscheidende Haushaltsjahr 1997 beim EU-Statistikamt Eurostat melden mußten, ist verstrichenVON ALBRECHT MEIEREs ist sicher keine Übertreibung, die Einführung der Währungsunion als epochales Ereignis für Europa zu bezeichnen.Man mag zum Euro stehen, wie man will - kritisch, euphorisch oder wie die Mehrheit mit leichter Skepsis und der leisen Hoffnung, die Verfechter des Euro mögen mit ihren Prognosen am Ende recht behalten: Alle, Gegner und Befürworter, werden die überragende Bedeutung dieses wirtschaftspolitischen Experiments einräumen.Gemessen am historischen Rang der Entscheidung, vollzieht sich die Einführung des Euro merkwürdig ruhig.Zugegeben: Wer in diesen Wochen, in denen sich die Gestalt der künftigen Währung abzeichnet, Feuerwerke über dem Brandenburger Tor oder hupende Autokolonnen auf den Champs Elysées erwartet, ist wahrscheinlich nicht ganz von dieser politischen Welt.Und vielleicht ist es am Ende eines Jahrhunderts, das schon genug ideologische Überhöhungen erlebt hat, auch ganz gut so, wenn sich die Einführung des Euro eher nüchtern vollzieht - zumal die Bürger die neue Währung sowieso erst mit dem Beginn des Jahres 2002 richtig zu spüren bekommen.Was ist eigentlich gestern passiert? Im Grunde ist lediglich eine Frist verstrichen - eine Frist, bis zu deren Ablauf die potentiellen Euro-Teilnehmerländer ihre Daten für das entscheidende Haushaltsjahr 1997 beim EU-Statistikamt Eurostat melden mußten.Das ist zunächst scheinbar nur ein technokratischer Vorgang, nichts weiter.In Wahrheit ist es aber viel mehr als das.Mit der Veröffentlichung der mehr oder minder endgültigen Haushaltsdaten für das Jahr 1997 zeichnet sich ein großer Teilnehmerkreis für den Euro ab.Elf Länder dürften dabeisein - darunter auch Italien.Bonn hat bei der Neuverschuldung nicht nur die von Finanzminister Theo Waigel gewünschte "Punktlandung" auf dem Maastricht-Kriterium 3,0 hingelegt, sondern sogar noch besser abgeschnitten.Aber ohnehin ist die unsinnige Verkürzung der Stabilitätsdebatte auf diese ominöse Zahl, die sogar als "le dreikommanull" ihren Weg in den französischen Sprachschatz fand, längst nicht mehr entscheidend.Das liegt nicht etwa daran, daß der gesammelte ökonomische Sachverstand vor der Räson des politischen Projektes "Währungsunion" kapituliert hätte.Es liegt vielmehr daran, daß es sich inzwischen herumgesprochen hat, daß über die Stabilität einer Währung am Ende weniger eine Eingangsprüfung an einem bestimmten Stichtag entscheidet als die Nachhaltigkeit der Haushaltskonsolidierung in den Euro-Mitgliedsländern.Darum geht es im Grunde auch den Wirtschaftswissenschaftlern, die jüngst ihre Bedenken gegen den pünktlichen Start des Euro zu Markte getragen haben.Aus der Furcht, die langfristige Entwicklung könne irgendwann doch zu einem "weichen Euro" führen, werden in diesen Tagen die aktuellen Strophen im Protestsong der Euro-Gegner getextet.Zur Erinnerung noch einmal die besten Hits der letzten Jahre aus dem Repertoire der Euro-Gegner: Frankreich werde nie zulassen, daß die Europäische Zentralbank ihren Sitz in Frankfurt nehmen wird, hieß es einmal, und später: Paris werde nie dulden, daß die neue Währung "Euro" heißen würde statt Ecu.Jetzt versuchen die Skeptiker, Funken aus der Bewerbung des französischen Notenbankchefs Trichet für den Posten des Präsidenten der Europäischen Zentralbank zu schlagen.Während Europa in diesen Wochen die Geburtswehen der neuen Währung erlebt, muß die öffentliche Debatte noch eine Weile mit dem Paradox leben: Einerseits hat sich der Euro in der Praxis noch nicht bewährt.Andererseits hat er schon so viel kritische Masse erlangt, daß die Politik sich bereits nach ihm ausrichtet - sogar der einstige Skeptiker in Hannover, der sich anschickt, SPD-Kanzlerkandidat zu werden.

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