Zeitung Heute : Europa braucht Nachwuchsunternehmer

THOMAS VESER

Erleidet ein Unternehmer in den USA Schiffbruch, so verliert er deswegen noch lange nicht sein Gesicht.Ganz im Gegenteil: Mit solch einer schmerzhaften Lebenserfahrung wird er beim zweiten Startversuch noch viel sorgfältiger vorgehen und damit den erhofften Erfolg erzielen.So lautet die landläufige Meinung jenseits des Großen Teichs.Müssen europäische Unternehmer hingegen den Vergleich anmelden, können sie mit weniger Verständnis rechnen - solche Mißerfolge bringen ihnen oft ein Stigma ein, das sie nicht mehr so leicht loswerden.

Aber nicht nur diese Gefahr hält viele unternehmerisch veranlagte Zeitgenossen in Europa davon ab, ihre eigene Firma zu gründen: Schon durch den Schulunterricht werde der spätere Arbeitnehmer überwiegend auf eine Angestellten-Existenz geprägt."Man bringt den Jungen bei, daß die Risiken einer Firmengründung ruhig andere übernehmen sollen", klagte Lorimer Mackenzie, Direktor bei der Europäischen Kommission, die vor kurzem in Brüssel ihre sechste "Beschäftigungswoche" veranstaltete.Er appellierte an seine Zuhörer, diese uralten Stereotypen abzulegen und die unternehmerische Tätigkeit auch in Europa endlich zum ganz normalen Karriereschritt aufzuwerten.

Daß der Firmengründung bei der diesjährigen Beschäftigungswoche eine tragende Rolle beigemessen wurde, hat einleuchtende Gründe: Kleine und mittelständische Unternehmen (KMUs) sichern etwa in Frankreich jeden fünften Arbeitsplatz, in den übrigen 14 Mitgliedsländern der Europäischen Union (EU) lassen sich ähnliche Relationen feststellen.Fast allen Ländern ist gemeinsam, daß Unternehmer unter einer zunehmenden Steuer- und Abgabenbelastung klagen; auch die bürokratischen Hindernisse auf dem Weg zum eigenen Betrieb werden nach wie vor als entmutigend hoch empfunden.Wenn sich daran nichts ändert, wird der erhoffte Stellenzuwachs, den die EU angesichts ihrer gegenwärtig 18 Millionen Arbeitslosen dringend benötigt, weiterhin auf sich warten lassen.

Darum will die Kommission der Schaffung von Jobs auf die Sprünge helfen.Mit dem Kapitel "Beschäftigung" gab sich die Europäische Kommission im Vertrag von Amsterdam die Möglichkeit, auf diesem Gebiet erstmals Richtlinien für alle Mitgliedsländer zu formulieren.Die Förderung des Unternehmertums zählt ebenso dazu wie die Beschäftigungs- und Anpassungsfähigkeit der Arbeitnehmer an den industriellen Wandel sowie die Sicherung der Chancengleichheit.Für die gesamte EU errechnete die Europäische Union im vergangenen Jahr einen Zuwachs von lediglich 800 000 Stellen; setzt künftig kein deutlich stärkeres Jobwachstum ein, dann wird die Kommission ihr Ziel, die Arbeitslosenquote bis zur Jahrtausendwende EU-weit auf neun Prozent zu senken, kaum erreichen können.

Um in den Arbeitsmarkt der EU einzugreifen, konnte die Kommission bisher im wesentlichen nur auf den Europäischen Sozialfonds (ESF) zurückgreifen.Sein Anteil am Gesamthaushalt der EU liegt bei gerade einmal neun Prozent und erlaubt der Kommission keine großen Sprünge.Ein Bruchteil davon floß in eine verwirrende Vielzahl von Qualifikationsprogrammen.Nach Abschluß der geplanten Überarbeitung der ESF-Richtlinien werden vom Jahr 2000 an neue Regeln gelten: Dann wäre zum Beispiel auch denkbar, daß in diesem Fonds gezielt Geld für das bei Unternehmensgründungen notwendige und auf dem Kreditmarkt der europäischen Länder noch immer schwer erhältliche Risiko-Kapital vorgesehen ist.

Besondere Aufmerksamkeit erregte der Brite Mark Neale, der als Mitarbeiter des Bildungsministeriums das neue Konzept zum beruflichen Wiedereinstieg jugendlicher Langzeit-Arbeitsloser vorstellte.Wenn sie nach einer intensiven Beratungszeit über sechs Monate hinweg weiterhin Sozialhilfe in Empfang nehmen wollen, müssen sich die jungen Leute für eine der vier angebotenen Varianten, bei denen Weiterbildung und Arbeitseinsatz auf verschiedene Weise miteinander kombiniert werden, entscheiden.Wer alle Optionen rundweg ablehnt, verliert die Förderung."New Deal" nannte das Ministerium seine Initiative, deren Name an das umfangreiche Krisenprogramm des US-Präsidenten Franklin Delano Roosevelt während der dreißiger Jahre anknüpft.Zwar hatte diese US-Initiative letztlich eine weitere Rezession mit Millionen Arbeitslosen nicht verhindern können; sie trug jedoch stark dazu bei, die allgemeine Lethargie der Rezessionszeit zu überwinden.

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