Zeitung Heute : Europa – das ist der Friede

Wolfgang Schäuble

TRIALOG

Am Mittwoch reist der Bundestag nach Versailles zum Treffen mit der französischen Nationalversammlung anlässlich des 40-jährigen Jahrestags des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages. Den Streit, ob das angemessen oder eher Verschwendung von Steuergeldern ist, fanden manche nicht nur in Frankreich lächerlich und kleinkariert. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich bildete immer einen in seiner Bedeutung für unseren Kontinent einmaligen Kernbereich europäischer Geschichte und Politik. Der ZDFVierteiler über Napoleon hat daran erinnert, wie stark der Einfluss der Ereignisse bei unserem Nachbarn auf unsere Geschichte gewesen ist. Nicht umsonst hat Thomas Nipperdey seine großartige Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert mit dem Satz eingeleitet „Im Anfang war Napoleon“.

Das gilt im guten und im schlechten. Auch heute kommt die europäische Einigung nur voran, wenn Frankreich und Deutschland an einem Strang und in dieselbe Richtung ziehen. Die Zusammenarbeit ist nach allen Umfragen in beiden Ländern hoch geschätzt. Aber sie leidet auch unter dem Phänomen, dass Erfolg eher müde machen kann. Das Interesse nimmt nicht zu und die jeweiligen Sprachkenntnisse auch nicht. Das hat damit zu tun, dass die Franzosen eher mediterran orientiert sind, während bei den Deutschen der Drang nach dem Süden mehr einem Urlaubsgefühl als alltäglicher Lebensgewohnheit entspricht. Aber in der Verschiedenheit der Partner liegt die Chance. Europäische Einigung wird nur gelingen, wenn sich Einheit mit Vielfalt verbindet. Europäische Einigung ist die Lehre aus Kriegen. In einer Zeit von Globalisierung und wachsenden Spannungen ist sie der einzige Weg, unseren Interessen und unserer Verantwortung gerecht zu werden. Joseph Rovan, aus Deutschland emigriert und Franzose geworden, gebrauchte in einem Buch die Formulierung „Europa oder der Untergang“. Und Francois Mitterand sagte „L’Europe c’est la paix“, Europa – das ist der Friede.

Daran sollten wir denken. Und deshalb müssen Deutschland und Frankreich zusammenstehen, muss Europa mit einer Stimme sprechen. Dafür lässt sich viel tun. Gemeinsame Vorstellungen für die europäische Verfassungsdebatte entwickeln und eine europäische Außen- und Sicherheitspolitik für atlantische Partnerschaft und zur Stärkung der UN. Aber auch Schüler- und Jugendaustausch und Zusammenarbeit der Hochschulen. Warum nicht ein deutsch-französisches Hilfswerk zur Bekämpfung von Hunger und Elend in der Welt oder auch gemeinsame Meisterschaften im Sport? Weil Zusammengehörigkeit, Identität vor allem auf geschichtlicher Erfahrung sich gründet, sollten wir Geschichte nicht länger so sehr auf die Nationalstaaten bezogen begreifen und lernen, sondern mehr auf Europa.

Der Jahrestag des Elysée-Vertrags belegt, dass wir in einer Zeit nicht nur voller Sorgen und Probleme, sondern eben auch großer Chancen leben. Je mehr wir uns darauf konzentrieren, um so eher besteht Grund zur Zuversicht.

Der Autor ist Präsidiumsmitglied der CDU.

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