Zeitung Heute : Europa, du hast es besser

Von Martin Kilian

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Seidenweich setzt der Jet in den frühen Morgenstunden auf. Weit entfernt ist Amerika plötzlich. Soeben bin ich im extrem teuren Europa gelandet, wo sich Leute wie Sie mit wertlos gewordenen Dollarscheinen Zigaretten anzünden. Noch schlimmer: Ich befinde mich in der Schweiz. Ein Kaugummi kostet dort umgerechnet eine Million Dollar, behaupteten amerikanische Bekannte, die nach einem dreitägigen Aufenthalt in Genf völlig verarmt nach Virginia zurückgekehrt waren. Vorsichtshalber brachte ich auf meiner jährlichen Pilgerfahrt zum Grabe Thomas Manns in Kilchberg bei Zürich hart gekochte Eier mit. Und eine Thermosflasche mit Hagebuttentee.

Die Gedanken schweifen zurück an den Besuch bei Mann im Januar 1999, als ich für eine Hand voll damals noch wertvoller Dollars am Zürcher Hauptbahnhof Kaviar verschlang. Danach gab es Lachsterrine. Aber das war einmal. Jetzt mit müden Schritten zum billigsten Café am Hauptbahnhof. Ein Cappuccino für vier Franken und achtzig Rappen. Macht über vier Dollar, weshalb Panik einsetzt. Vier Dollar für einen Cappuccino! Dazu fast fünf Dollar für eine lausige Brezel. Und bündelweise müssen Dollarscheine für ein Glas billigsten Weins – Tiroler Dröhnung – hingeblättert werden. Europa ist unbezahlbar geworden für einen mit Dollar Reisenden, nicht wahr, obschon es sich in diesem Falle nicht um gedankenlosen Tourismus, sondern eine Visite des MannGrabs und damit also um die Pflege des Schönen, Guten und Wahren handelt.

Die armen Amerikaner! Stets beteten sie am Altar des allmächtigen Dollar. Und nun allenthalben Verfall! Nur Kaurimuscheln sowie die somalische Binnenwährung sind weniger wert als der Dollar im fünften Jahr der Regentschaft des zweiten Bush. Nachgerade verflüchtigt hat sich die amerikanische Währung, so verlottert wie die amerikanischen Touristen in der Bahnhofsmission, wo eine dünne Suppe der Ausgezehrten harrt. Schweigend löffeln sie aus dem Blechnäpflein, darin ein durchsichtig’ Gericht nach einem Originalrezept aus Gerhart Hauptmanns „Die Weber“. Ein Hamburger bei McDonald’s? Ach, welch wunderlicher Traum, sich vor dem beschwerlichen Anstieg hinauf zum Grabe Manns noch einmal mit sättigendem Fleisch zu stärken!

Doch des Dollars Sturzflug ins pekuniäre Nichts gestattet derlei kulinarische Vergnügungen nicht. Ein Pilger nur bin ich in einer teuren und fremden Stadt, die Taschen voll wertlosem Zaster. Kühl weht inzwischen der Abend durch die Bahnhofshalle. Mit Beuteln und Tüten voll leckerer Viktualien ziehen die Besitzer von Franken und Euros, von Pfunden und Kronen vorbei. Was soll nur werden, da doch der Weg zum Grabe Manns nach deftiger Nahrung verlangt? Ob Sie vielleicht mal einen müden Franken hätten? Oder einen schlaffen Euro? Sie finden mich morgen um 16 Uhr am Treffpunkt des Zürcher Bahnhofs. Ich trage ein ausgefranstes T-Shirt mit einem Bild Alan Greenspans darauf sowie einen güldenen, gut sichtbaren Ansteckknopf mit den Worten „Dollar-Pauper“.

Übermorgen wird mich die Tournee „Rettet die Dollarreisenden“ weiter nach Berlin führen, wo vor dem Kanzleramt eine improvisierte Demo gegen die stratosphärische Höhe des Euro geplant ist. Vorwürfe will ich keine erheben; der Zusammenbruch des Dollars und die daherrührenden Beschwernisse bei der alljährlichen Aufwartung der letzten Ruhestätte Thomas Manns verdanken sich Umständen, deren Erklärung uns letztendlich versagt bleibt. Lassen Sie mich deshalb mit folgender Feststellung schließen: Verleumderische Behauptungen, wonach das alte Europa vermüllt und in Folge dessen verslumt sei, haben sich bei einem ersten Augenschein von Flughafen und Hauptbahnhof als profund unrichtig erwiesen. So hygienisch, ja geradezu antiseptisch erschienen mir diese Orte, dass ich, um ihnen ein wenig Farbe zu verleihen, grünliche Dollarscheine verstreute. Niemand bückte sich nach ihnen. Bald wurden sie zusammengekehrt und weggeworfen.

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