Zeitung Heute : Europa, einig Bildungsland?

DOROTHEE NOLTE

Wenn nicht Berlin, dann eben Paris.Warum Heidelberg, wenn es auch Montpellier oder Salamanca gibt? Im Europa der Zukunft wird der reife Bildungs-Konsument sich, mit dem Atlas in der einen Hand und einem Uni-Ranking-Handbuch in der anderen, die perfekt auf ihn zugeschnittene Hochschule aussuchen, deren Profil sich im Wettbewerb mit anderen nationalen und ausländischen Universitäten messerscharf herausgebildet hat.Dort wird er genau die Ausbildung erhalten, die er oder sie braucht, um anschließend eine qualifizierte Stelle - in Frankreich? Finnland? Italien? Egal! - anzutreten.Im Verein mit Kommilitonen aus aller Welt und sicher die Landessprache parlierend, sammelt er "credit points" für seinen rundum kompatiblen Abschluß.Und seufzt zufrieden, mit Enzensberger: Ach, Europa!

Die Realität sieht anders aus, und über sie werden die europäischen Rektoren und Präsidenten, die sich in diesen Tagen an der Freien Universität treffen, zu sprechen haben.Zwei Tendenzen machen den Universitäten - Fachhochschulen sind in der Europäischen Rektorenkonferenz (CRE) nicht vertreten - überall in Europa zu schaffen: Die Nachfrage nach Studienplätzen steigt, aber die öffentlichen Zuwendungen sinken.Da europäische Universitäten, anders als amerikanische, traditionell staatlich finanziert werden, leiden sie unter der Finanznot der öffentlichen Hand.Nicht nur in Deutschland gibt es das Mißverhältnis, daß sich über zwei Millionen Studenten 900 000 Studienplätze teilen müssen.Auch in Frankreich und Großbritannien haben sich die Studentenzahlen in den letzten Jahrzehnten verdoppelt, ohne daß die Bildungsausgaben entsprechend gestiegen wären.

Die Themen, über die in den verschiedenen Ländern diskutiert wird, klingen daher ähnlich: Soll man Studiengebühren einführen oder, wo schon vorhanden, erhöhen? Wie gewinnt man finanzkräftige Partner aus der Wirtschaft, ohne dabei die eigene Unabhängigkeit zu gefährden? Wie besteht man gegen die Konkurrenz teurer und gut ausgestatteter Privatuniversitäten? Aber auch inhaltlich stehen die europäischen Universitäten vor ähnlichen Herausforderungen: Neue Medien verändern die Lehr- und Lerngewohnheiten, die Studenten fordern eine bessere Betreuung ein, für eine sich wandelnde Arbeitswelt müssen neue Studiengänge entwickelt werden, die gegenseitige Anerkennung von Studienleistungen und Abschlüssen ist noch immer kompliziert.

Die deutschen Universitäten können sich nicht rühmen, führend in Europa zu sein.Ein Spiegel-Ranking bescheinigte ihnen kürzlich "Mittelmaß" im europäischen Vergleich, Großbritannien und die Niederlande erzielen bessere Werte.Natürlich verbieten sich Pauschalurteile auf diesem Gebiet: An ein- und derselben Universität kann das eine Fach hervorragend, das andere miserabel sein.Aber ein ernstzunehmender Hinweis auf die gesunkene Attraktivität der deutschen Hochschulen ist der niedrige Anteil ausländischer Studierender - er liegt bei nur noch fünf Prozent.Gerade Studenten aus asiatischen Ländern bevorzugen die USA als Studienland.Das heißt nicht, daß die deutschen Universitäten - bei allen Problemen, die aus Überlastung, Erstarrung und Unterfinanzierung herrühren - grundsätzlich unattraktiv wären: Insbesondere für Studenten aus Mittel- und Osteuropa ist Deutschland das Zielland Nummer eins.

Die Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen, die durch das neue Hochschulrahmengesetz ermöglicht wird, ist ein Schritt in die richtige Richtung und wird die Mobilität sowohl deutscher als auch ausländischer Studenten erleichtern.Beides ist gleichermaßen notwendig.Wer das Argument, Kulturaustausch an sich sei eine gute Sache, nicht nachvollziehen kann, dem hilft vielleicht die pragmatischere Einsicht, daß Deutschland als Exportnation auf frühzeitig geknüpfte Kontakte in alle Erdteile angewiesen ist.Ob sich der Anteil ausländischer Studierender aber erhöhen läßt, das hängt nicht nur von den Universitäten oder von der Verbreitung der deutschen Sprache ab.Denn ein Student studiert nicht nur, er fährt auch Straßenbahn und wartet nachts auf S-Bahnhöfen.Wer dort fürchten muß, angepöbelt oder geschlagen zu werden, der entscheidet sich, Uni-Ranking hin oder her, für ein anderes Land.

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