Zeitung Heute : Europa, fremder Kontinent

Sieben Präsidenten und 104 Studenten reden über die EU und stellen fest, dass sie nicht nur das Alter trennt

Constanze von Bullion[Dresden]

Ganz am Ende erst, als die Rucksäcke geschultert sind und die Krawatten wieder hinter alten Parkas verschwinden, als die Gesichter sich entspannen und all die Thesenzettel zurückbleiben wie eine Mondlandschaft aus Papier, da sehen sie endlich wieder aus wie Studenten. Sie reden jetzt auch nicht mehr wie bei Hofe, sondern lachen und wundern sich ein bisschen über sich selbst und darüber, dass diese „Exzellenzen“ doch recht gewöhnliche Leute sind.

Die „Exzellenzen“, das sind sechs europäische Staatspräsidentinnen und -präsidenten, die Bundespräsident Horst Köhler am Wochenende nach Dresden eingeladen hat. Die finnische Präsidentin Tarja Halonen ist gekommen, ihre Kollegin aus Lettland und die Staatschefs von Italien, Portugal, Österreich und Ungarn. Sie machen das öfter so und kommen zum „Siebenertreffen“ zusammen. Nicht, weil sie die allerwichtigsten Nationen Europas wären, sondern eher, weil es zwischen dem Zentrum und der europäischen Peripherie so einiges gibt, was im Brüssler Räderwerk untergepflügt zu werden droht.

Horst Köhler hat seine Gäste also in den Dresdner Zwinger mitgenommen, er hat mit ihnen über den Nutzen von Europa diskutiert und sie in die Kuppel der Frauenkirche gucken lassen. Am Sonntagmorgen dann ist er in den Sächsischen Landtag aufgebrochen, durch dessen weite Glasfassade man hinausschauen kann auf die Elbe und die Eisschollen, die träge vor sich hin trieben. Vor dem spektakulären Panorama allerdings kriegen die Staatsoberhäupter wenig zu sehen, denn vor der Fensterfront stehen 104 junge Leute aufgereiht wie beim Kirchenchor. Irgendwann fängt einer an, die Europa-Hymne zu summen, Beethovens „Freude schöner Götterfunken“, doch als der Bundespräsident mit seinem Gefolge einschwebt, da singen sie nicht, sondern sagen nur ordentlich: „Guten Morgen“.

Überhaupt ist der Umgangston außerordentlich respektvoll bei dieser „OpenSpace-Konferenz“, bei der Studenten, ausgewählt von den verschiedenen deutschen Studienstiftungen, zwei Tage diskutieren und eine Antwort auf die Frage suchen: „Was hält Europa zusammen?“ Sie haben natürlich ziemlich viel gestritten bei diesem Treffen und am Ende kein ganz eindeutiges Ergebnis gefunden, aber präsentieren sollen sie es nun trotzdem den sieben „Exzellenzen“, denen sie erst mal eine Liste mit ihren „Dresdner Forderungen“ in die Hand drücken.

Mehr Geld für Bildung fordern die Studenten, fünf Prozent vom großen Kuchen muss für die Ausbildung übrig bleiben. Außerdem soll ein „Austauschprogramm für alle Bevölkerungskreise“ her, die Studenten wollen „Europakunde“ in die Schulen tragen, mit dem „Europabus“ aufs Land fahren und einen „Europakanal“ im Fernsehen einrichten. Dem gemeinen Bürger nämlich ist dieses Europa da draußen oft fremd und irgendwie suspekt geblieben. Da ist nicht nur die Ablehnung einer europäischen Verfassung durch die Franzosen und die Niederländer. Da gibt es auch dieses diffuse Gefühl, nicht gehört zu werden in dem Stimmenwirrwarr, das wohl auch diese Konferenz begleitet hat.

„Alles ein großes Chaos, und was einzig zusammenhält, ist die Mehrsprachigkeit“, hat die 26-jährige Elske Musfeldt aufgeschrieben, als ihr nach tagelangen Debatten der Kopf rauchte. „Was sich findet, wird sofort in Frage gestellt“, heißt es auch in diesem melancholischen Gedicht, das sie den etwas konsternierten Staatsoberhäuptern vorträgt. So viel Skepsis, na ja, das sei ja alles gut und schön, sagt Horst Köhler, der wohl etwas mehr Enthusiasmus erwartet hatte. Auch wenn es schon richtig sei, wie er meint, dass Europa „auf bestimmte Fragen noch keine Antwort hat“.

Welche Fragen das sein könnten, das erfährt das Publikum erst mal nicht, denn jetzt sind die Alten dran, die den Jungen erklären, wieso diese europäische Annäherung so wichtig ist. Der italienische Präsident Carlo Azeglio Ciampi bricht auf zu einem längeren Ritt durch seine Biografie, erinnert sich an seinen Vater, der gerade aus dem Ersten Weltkrieg kam, als er selbst geboren wurde – und bald schon in den nächsten Weltkrieg marschieren musste. Vaira Vike-Freiberga, die lettische Präsidentin, erzählt von den Bombennächten, die sie als Flüchtlingskind in Mecklenburg-Vorpommern erlebt hat: als Lettin also in deutschen Kellern und oben die britischen Bomber. Auch Horst Köhler ist ja so ein Gewächs, das aus Kriegswirren und Vertreibung hervorgegangen ist, seine Familie wurde nach dem Hitler-Stalin-Pakt nach Polen umgesiedelt, floh dann nach Sachsen und vor dem Mauerbau in die Bundesrepublik.

Das vereinigte Europa hat dem Schrecken der Weltkriege den Rücken gekehrt und die Wahrung des Friedens ist seine vornehmste Aufgabe – das ist die Botschaft der Alten für die Jungen. „Dankeschön“, sagt eine Studentin höflich, „sie erzählen uns nichts Neues, wenn sie von europäischer Geschichte und ihren Werten erzählen. Aber es gibt Dinge, die uns mehr interessieren.“

Katalin Brenner zum Beispiel ist halb Polin und halb Ungarin, sie lebt seit 22 Jahren in Deutschland und sagt bis heute: „Ich bin Ungarin.“ Wird sie gefragt, warum das so ist, dann erzählt sie von Wertvorstellungen, die sie in der deutschen Gesellschaft vermisst: die Bedeutung der Familie, die Fürsorge der Generationen füreinander, der Respekt der Jungen vor dem Alter. Überhaupt kommt ihr die Rücksicht zu kurz im modernen Europa, und von den Präsidenten will sie wissen, was sie eigentlich zum Thema Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit zu sagen haben.

Tarja Halonen hat dazu zu sagen, dass sie früher, als sie so alt war wie die Studenten hier, nicht so fein herausgeputzt in einer Debatte saß, sondern in Großbritannien Hotelzimmer geschrubbt hat. „Es war also nicht genau dasselbe.“ Da draußen gibt es noch immer viele, die Hotels putzen, sagt sie, die müssen mitgenommen werden, wenn die Europäische Union wie eine „Lokomotive“ anfährt und immer mehr Menschen mitnimmt und „zu Europäern macht“. Zu denen dürften aber nicht nur die gehören, die sich – bei allen Unterschieden – auf einen christlichen Wertekanon einigen können, sondern auch Millionen Nichtchristen, Juden und Muslime, die längst in Europa zu Hause sind.

Ein Student erklärt den „verehrten Exzellenzen“ dann noch, dass die Entdeckung der Langsamkeit doch gar keine schlechte Sache sei für einen Kontinent, der so viele verschiedene Kulturen und Mentalitäten beherberge. Immerhin gebe es auch europäische Länder wie Weißrussland, in denen von Demokratie und Menschenrechten keine Rede sein könnte. Schritt für Schritt nach Europa, das ist ja alles schön und gut, sagt da der Bundespräsident. Die Frage sei eben nur, ob der Rest der Welt Lust habe, auf dieses langsame Europa zu warten.

Köhler erzählt dann noch ein bisschen aus seiner Zeit als Chef des Internationalen Währungsfonds und von der bitteren Armut, die er in manchen Ländern der Erde gesehen hat. Wer von sozialer Gerechtigkeit spricht und mehr Geld für Bildung fordert, sagt er, der sollte nicht vergessen, dass zwei Drittel der Menschen „weit unter unserem Wohlstandsniveau“ leben. Auch diese Menschen haben den Anspruch, ihre Lage zu verbessern, und wer versuche, sie fern zu halten, indem er höchste Standards auf den europäischen Arbeitsmärkten durchsetze, der tut der globalen Gerechtigkeit auch keinen Gefallen. Dann muss er los, den Herrschaften noch ein paar Gemälde zeigen. Auch die Studenten brechen auf, ziemlich laut jetzt und zufrieden. Dann sind sie weg, und zurückgeblieben ist – ziemlich viel Papier.

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