Zeitung Heute : Europas Mitschuld am Krieg in Irak

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Es gibt Klagen, die fallen auf ihre Urheber zurück.Jene, die die Eigenmächtigkeit der letzten Weltmacht kritisieren, die Brüskierung der UNO und die mangelnde Information der Verbündeten, müssen sich fragen lassen, ob es ihnen nicht klammheimlich ganz recht so ist.Amerika erledigt die unangenehme Aufgabe, sie selbst haben den Nutzen, behalten aber eine reine Weste und können von einer höheren moralischen Warte auf die fragwürdigen Begleiterscheinungen der Luftangriffe verweisen: von der Nähe zur Impeachment-Abstimmung (die sich freilich eher gegen Clinton als für ihn auswirken dürfte) über den Zweifel, ob das Ziel erreicht wird, Saddam Hussein die Fähigkeit zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen zu nehmen, bis zur Frage, ob sich eine kooperative Regierung in Bagdad herbeibomben läßt.Doch das ist eine doppelbödige Haltung.Sie bedeutet Unmündigkeit.Wer ehrlich wünscht, Bedrohungen wie das Regime in Bagdad mit anderen Mitteln und anderer Legitimation zu bekämpfen, darf sich nicht mit der Rolle des Rezensenten begnügen.Wer mitreden will, muß bereit sein, selbst Verantwortung zu übernehmen.Es ist der einzige Weg, um die USA nötigenfalls vom falschen Machtgebrauch abzuhalten.

Viele derer, die jetzt die Hände ringen, tragen eine Mitschuld an der Entwicklung.China und Rußland haben den Sicherheitsrat paralysiert.Auch die anderen Mächte haben wenig dazu beigetragen, die UNO zu dem handlungsfähigen Weltpolizisten mit eigenen Streitkräften zu machen, wie ihn die Charta beschreibt.Neun Jahre nach dem Fall der Mauer ist die Welt so weit davon entfernt wie während des Ost-West-Konflikts.Die Europäer sind fünfzig Jahre nach dem Krieg nicht in der Lage, ohne die USA für ihre Sicherheit zu sorgen und ihre Werte zu verteidigen - nicht aus militärtechnischen Gründen, sondern weil ihnen der Wille fehlt.Ob es den unbeteiligten Verbündeten gefällt oder nicht: Die USA und Großbritannien haben auch deren vitale Interessen geschützt.Niemand kann sich Illusionen machen, wozu Saddam Hussein fähig ist, wenn man ihn gewähren läßt.Sein Name steht für Giftgaskrieg, Massenerschießungen von Kurden im Norden und Schiiten im Süden, für den Überfall auf Kuwait und Scud-Raketen auf Israel, wo die Kinder in diesen Tagen wieder Gasmasken bei sich tragen.Sicherheitsexperten warnen: Ohne Rüstungskontrolle wird Bagdad in wenigen Jahren Raketen haben, die chemische und biologische Kampfstoffe nach Mitteleuropa, auch nach Deutschland tragen können.Es geht auch um Öl.Wirtschaftsinteressen rechtfertigen es natürlich nicht, den Tod vieler in Kauf zu nehmen.Aber es ist ja nicht so, daß die westlichen Industriestaaten den Schmierstoff ihrer Wirtschaft und die Grundlage vieler Arbeitsplätze den Förderländern gegen deren Willen mit Gewalt abjagen.Saddam verletzt das Völkerrecht, wenn er den Ölhandel unterbrechen will, der Teil der Lebensgrundlagen vieler Menschen hier wie dort ist.

Eine Ordnung mit nur einem Zentrum ist nicht gut: weder für die Welt, der die Machtbalance fehlt, noch für die einzige Supermacht, die unempfindlich wird für berechtigte Kritik.Europa hat sich fünfzig Jahre mit der Rolle des Schutzbefohlenen begnügt.Es muß den Weg zur Verantwortung finden - nicht gegen die USA, sondern in einem produktiven Reibungsverhältnis.Deutschland ist auf seinem speziellen Weg seit 1989 ein gut Stück vorangekommen: von der Scheckbuch-bewehrten "Kultur der Zurückhaltung" zu gleichberechtigtem Mit-Tun in Bosnien.Wenn Europa entsprechend seinem Gewicht Verantwortung für sich und für die Welt übernimmt, werden die USA ihre Verbündeten auch nicht mehr übergehen können.

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