Zeitung Heute : Evita darf alles

Der Kabarettist Peter-Dirk Uys hält der Nation seit 20 Jahren gnadenlos den Spiegel vor

Wolfgang Drechsler

Wenn es einen lebenden Beweis dafür gibt, dass Kabarettisten in ihrem Metier nur dann überleben, wenn sie stets ihre Rolle verändern, wird dieser Beweis von keinem besser als von Pieter-Dirk Uys erbracht. Seine Sorge, der Übergang Südafrikas von der Apartheid zur Demokratie könne ihm womöglich den Stoff entziehen, hat sich als unbegründet erweisen. Auch die neue Regierung liefert Uys seine Texte quasi frei Haus: Die Gesundheitsministerin will zum Beispiel die Aids-Epidemie am Kap weniger mit der Ausgabe von Medikamenten als mit Knoblauch und der afrikanischen Kartoffel bekämpfen. Und die Kriminalität hat inzwischen Ausmaße erreicht, dass Geldautomaten nun sogar aus dem vierten Stock einer Polizeiwache entwendet werden. „Sie kommen alle zu meinen Shows“, frohlockt Uys, „die Journalisten, Polizisten und vor allem die Minister. Und sie bringen mir wunderbare Geschenke – sich selbst.“

Wenn Uys nicht gerade durch Europa oder die USA tourt, tritt der 59-Jährige jedes Wochenende im eigenen Theater von Darling auf, einem kleinen konservativen Ort eine knappe Autostunde nördlich von Kapstadt. Hier hat er den vor zehn Jahren stillgelegten Bahnhof gekauft, rosa angestrichen und in eine Kabarettbühne verwandelt, auf der die nach seinen Angaben „berühmteste weiße Frau Südafrikas“ der Nation einen Spiegel vorhält: Evita Bezuidenhout.

„Evita se Perron“ heißt auch der Schauplatz seiner Aufführungen, Afrikaans für „Evitas Bahnsteig“. Hier hält die von Uys gespielte hoch auftoupierte und schwer geschminkte Diva an Wochenenden Hof. Die Kunstfigur, ehemals Botschafterin im imaginären schwarzen Homeland Bapetikosweti, ist politisch zwar alles andere als korrekt. Aber jeder, der ihrem Treiben auf der Bühne folgt, tut dies mit höchstem Vergnügen.

Seit fast 20 Jahren ist die bis in die letzten Feinheiten ausgearbeitete Evita die Hauptfigur von Uys in mittlerweile fast zwei Dutzend Bühnenstücken mit mehr als 70 verschiedenen Charakteren. Als Evita Bezuidenhout ist Uys auch schon zu Apartheidzeiten, zumeist im eigenen Auto, durchs Land gezogen.

Der Versuch, seine Stücke damals zu verbieten, musste schon deshalb scheitern, weil es für die Vorstellungen kein festes Konzept gab. Uys ist in der Lage, in seiner weitgehend improvisierten Show aus dem Stegreif heraus 20 Stunden „Evita-Programm“ abzuspulen. „Ich vertraue Evita total“, sagt der Schauspieler, Kabarettist und Autor, der 1945 in Kapstadt als Sohn einer vor den Nazis geflohenen deutschen Jüdin und eines burischen Vaters geboren wurde, über sein Alter Ego. „Sie traut sich zum Beispiel, rassistische Vorurteile auszusprechen, die viele im Kopf haben, aber niemals offen äußern würden.“

Bei seinen Shows führt Uys seine Zuschauer mit Hilfe von Evita zumeist durch die südafrikanische Politik – und lässt dabei kaum eines der vielen Fettnäpfchen aus. Genau wie seine raffinierte Satire einst die Apartheid der Lächerlichkeit preisgab, tut sie dies heute mit der zunehmenden Machtarroganz und Intoleranz der schwarzen Führung – und mehr noch mit der merkwürdigen Aids-Politik von Präsident Thabo Mbeki. Anders als bei vielen Südafrikanern besteht seine Welt dabei nicht aus Schwarz und Weiß sondern auch vielen Grautönen. Alles wird bloßgestellt, wenn es sein muss – sogar Ikonen wie Nelson Mandela, an die sich sonst niemand heranwagt.

Natürlich befürwortet Uys bei aller Kritik an den Verhältnissen die politischen Veränderungen am Kap. Respektlos ist er aber noch immer. Gleichwohl leidet er nicht mehr wie früher an seinem Land sondern nun eher mit ihm, sagt er. Dabei schimmert bei allem Frust darüber, dass die schwarze Regierung immer stärker in die Fußstapfen ihrer weißen Vorgängerin tritt, am Ende stets ein Funken Hoffnung durch die Satire. Genau das ist auch sein Ziel: „turning fear into fun“ – er will die Angst der Menschen vor der ungewissen Zukunft weglachen, damit diese ihre Bedrohung verliert.

Seine Methode der „Erziehung durch Unterhaltung“ nutzt Uys aber auch in seinem Kampf gegen die Aids-Epidemie, die er für das drängendste Problem des Landes hält. Immer wieder ist Uys in letzten Jahren ohne Bezahlung wochenlang durch Hunderte von Schulen getingelt – aus Überzeugung aber auch aus Wut über die skandalöse Aids-Politik der Regierung. „Das Apartheid-System hat Menschen getötet, jetzt haben wir eine demokratische Regierung, die Menschen durch ihre Trägheit und ihre abstrusen Vorstellungen über die Ursachen von Aids einfach sterben lässt“ empört er sich.

Das Engagement des Kabarettisten hat ihm nicht nur die Ehrendoktorwürde der Universität Kapstadt eingebracht sondern auch einen Platz auf Nelson Mandelas Präsidenten-Schreibtisch, den bis zum Ende von dessen Amtszeit vor sechs Jahren ein Foto von Evita zierte. Inzwischen ist Uys in seiner direkten Art vor Hunderttausenden von Schulkindern aufgetreten. Zwar ist seine bisweilen witzige Herangehensweise an das ernsthafte Thema Aids mancherorts kritisiert worden, doch zeigt Uys keine Reue: „Wenn sich nur ein Kind an etwas erinnert, das später sein Leben rettet, ist alles den Aufwand wert gewesen“ sagt er.

Vielleicht treibt ihn seine Bewunderung für die erste Post-Apartheid-Generation, der er auf seinen Reisen durch Südafrika begegnet ist. „Was wäre es schön, wenn Erwachsene manchmal so einfach wie Kinder denken könnten“ sinniert er. „Wenn diese Generation überlebt, kann sie Großes leisten.“

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