Zeitung Heute : Evita reloaded

Die bisherige First Lady Cristina Fernandez de Kirchner ist im ersten Wahlgang zur neuen Präsidentin Argentiniens gewählt worden. Sie erhielt 45 Prozent der Stimmen. Wofür steht sie?

Sandra Weiss[Caracas]

Wo Cristina Fernandez de Kirchner auftaucht, steht sie im Mittelpunkt. „Die schönste Senatorin“ nannte US-Präsident George W. Bush einmal die elegante, schlanke 54-Jährige. „La reina“ – die Königin – lautet der Titel einer Biografie über sie. Die brünette Juristin legt tatsächlich viel Wert auf ihr Äußeres. Sie lässt sich nur perfekt gestylt ablichten und wird deshalb gerne mit Evita verglichen wird, der jung verstorbenen Gattin des argentinischen Ex-Präsidenten Juan Peron, die durch ihre Heirat von einer mittellosen Schauspielerin zur mächtigsten Frau Argentiniens aufstieg. Wie Evita Peron liebt es auch Cristina Kirchner, bei Edeldesignern einzukaufen und für Frauenmagazine zu posieren, die mit Wonne ihr angeblich mit Botox aufgespritztes Gesicht und die künstlichen Haarverlängerungen präsentieren.

Mit einem Vermögen von umgerechnet 1,79 Millionen Dollar ist Kirchner auch die reichste unter den Kandidaten, die sich am Sonntag zur Wahl gestellt hatten. Zu Geld kam sie zusammen mit ihrem Mann durch nicht immer ganz seriöse Immobiliengeschäfte in der Provinz – ähnlich wie die Clintons in den USA. Cristina galt vielen schon immer als treibende Kraft hinter dem bisherigen Staatschef Nestor Kirchner – einem eher linkischen, schlecht gekleideten und stets mürrisch wirkenden Abkömmling Schweizer Einwanderer.

Schon als streitbare Parlamentsabgeordnete stand sie gerne im Rampenlicht und liebte im Gegensatz zu ihrem Mann glamouröse Auftritte im Ausland. Während der Amtszeit ihres Mannes bezog sie im Präsidentenpalast das gegenüberliegende Büro. Laut Insidern wurde keine wichtige Entscheidung ohne sie getroffen, außerdem sorgte sie als Senatorin im Kongress für geschlossene Reihen. Sie sei die Pragmatikerin, er der Ideologe, charakterisieren Unternehmer das Paar – und hoffen nun, bei Cristina auf offenere Ohren zu stoßen als bei ihrem Mann.

Die Kirchners sind seit den 70er Jahren ein Duo. Sie waren Kommilitonen an der Rechtsfakultät der Universität La Plata bei Buenos Aires. Dem schüchternen Studenten gefiel die dunkelhaarige, brillante und temperamentvolle Mitstudentin von Anfang an. Der großgewachsene Kirchner, der schielt und leicht lispelt, brauchte allerdings ein ganzes Semester, bevor er sie ansprach. Doch dann ging es schnell. Nach sechs Monaten heirateten beide – trotz der Bedenken ihres konservativen Vaters. Sie hält ihn für den „intelligentesten Mann, den ich kenne“. Außerdem haben beide eine gemeinsame politische Geschichte: Sie waren in der linken peronistischen Jugend aktiv, die damals von der Militärdiktatur (1976 bis 1983) verboten wurde. Als ihnen die Schergen zu nahe rückten, flohen sie zusammen ins kalte Patagonien, der Heimat Kirchners. Dort machten sie ein Anwaltsbüro auf und begannen ihre politische Karriere. Stets funktionierten sie im Doppelpack. Sie joggen beide morgens auf dem Laufband, lesen die gleichen Bücher, gehen abends gemeinsam essen. Einig sind sie sich nicht immer. „Wenn wir streiten, gewinnt der mit den besseren Argumenten“, sagt Cristina Kirchner. So habe ihr Mann den Sohn einer Familientradition folgend auch Nestor nennen wollen. Das habe sie altmodisch gefunden. Der Junge heißt Maximo, übersetzt der Größte.

Als Wiedergeburt von Evita will Cristina allerdings nicht gelten. Von Frauen, die es nur wegen der Macht ihres Mannes zu etwas gebracht hätten, halte sie gar nichts, sagt sie. Ihren Kritikern hält sie entgegen, sie habe schließlich eine eigenständige politische Karriere gemacht – wenngleich immer an der Seite ihres Mannes, der erst Bürgermeister einer abgelegenen Provinzstadt im Süden Argentiniens war, dann Gouverneur eines ölreichen patagonischen Bundesstaates wurde und schließlich inmitten der großen argentinischen Wirtschaftskrise zum Präsidenten aufstieg.

„First Lady“ mochte sie nie genannt werden, lieber „primera ciudadana“ – erste Bürgerin. Auch weil das ein wenig nach Französischer Revolution klingt und gut zur linksprogressiven Politik passt, die die Kirchners verkörpern wollen. Nun krönt die ehrgeizige Politikerin ihre Karriere mit dem Titel „La Presidenta“. „In der weiblichen Form bitteschön“ – das hat sie schon während des Wahlkampfs klargemacht.

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