Zeitung Heute : Ewige Flammen

Zehn Tote, zehn Jahre her – in der Lübecker Hafenstraße brannte ein Haus, und das ganze Land war unter Schock. Gelöscht ist wenig

Tanja Stelzer[Lübeck]

Der 18. Januar ist jedes Jahr ein besonderer Tag für ihn, nach Silvester spürt er ihn kommen: ein Hintergrundgefühl, vielleicht wie das Rauschen des Fernsehers, wenn man eingeschlafen ist. Erst merkt man nichts, irgendwann wacht man auf und weiß wieder.

Das Rauschen, das Harri Wreth hört, ist, genau genommen, ein Schreien.

Harri Wreth, 39 Jahre, Feuerwehrmann, Wache 1, Lübeck-Mitte, hat gelernt, seine Emotionen abzuschalten. Es bereitet ihm keine Schwierigkeiten, über Schwerverletzte hinweg zu steigen, die ihn am Hosenbein festhalten, wenn noch Menschen im Feuer eingeschlossen sind, die ihn dringender brauchen. Für so etwas ist er ausgebildet. Aber nicht für das, was sich in der Nacht heute vor zehn Jahren in der Lübecker Hafenstraße ereignet.

Drei Jugendliche stehen am Fenster, unten, drei Etagen tiefer, das rettende Sprungpolster, doch die Teenager trauen sich nicht, die Feuerwehrleute rufen „Springt!“ und „Go!“. Die drei stehen da und gucken, dann gehen sie zurück ins Haus, mitten hinein in den Qualm, vielleicht haben die Brandgase ihre Urteilsfähigkeit schon eingeschränkt, jedenfalls sieht Harri Wreth auf einmal da, wo zuvor die schmächtigen Körper waren, nur noch leuchtendes Orange. „Ein Laie macht sich keine Vorstellung von der Lautstärke eines Feuers“, sagt er. Das Lodern kann die Schreie nicht übertönen.

Deutschland am Morgen des 18. Januar 1996. Die Worte „Asylbewerberheim“ und „Feuer“ versetzen das Land in einen Schockzustand. Zehn Menschen sind gestorben, aus dem Fenster gesprungen, erstickt, verbrannt. Ein Mann hat seine Frau und fünf Kinder verloren. 39 sind verletzt. Die Bilder des Tages: Das Haus, eine rauchende Höhle, einsturzgefährdet. Der Bürgermeister Michael Bouteiller, um die Toten weinend. Der Bundespräsident Roman Herzog, erschüttert. Drei Schaulustige, Springerstiefel tragend, mit versengten Haaren. Alles scheint schrecklich klar, die zwei Brandanschläge auf die Lübecker Synagoge in den zwei Jahren zuvor passen in die Chronologie. Lübeck ist die Steigerung von Mölln und Solingen. Es ist, als habe jemand das Land mit „Kristallnacht-Gefühl“-Raumspray eingenebelt.

Ein paar Tage später sind die Deutschen schrecklich erleichtert, der Kristallnacht-Duft ist verflogen. Die kleinkriminellen Springerstiefelträger aus dem mecklenburgischen Grevesmühlen haben zwar abenteuerliche Erklärungen für ihre versengten Haare, der eine will mit einem Feuerzeug in einen Mofatank geleuchtet, die anderen wollen einen Hund mit Haarspray eingesprüht und angezündet haben. Unglaublich klingt das, aber zum vermuteten Tatzeitpunkt hat eine Polizeistreife die drei anderswo gesehen, ein besseres Alibi gibt es nicht. Außerdem meldet sich ein Sanitäter, der den libanesischen Hausbewohner Safwan Eid versorgt hat. Eid habe zu ihm gesagt: „Wir warn’s“.

Alles scheint wieder gut, der Brand bloß ein grausiger Kriminalfall, ein Streit unter Ausländern. Aber vielleicht ist auch das voreilig. Nach zehn Jahren, zwei Prozessen, in denen Safwan Eid aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde (er habe gesagt „Die warn’s“ und die Neonazis gemeint), nach unzählig oft aufgenommenen und wieder eingestellten Ermittlungen ist der Fall noch immer ein einziges Rätsel. Nie geklärt wurde, warum einer der Toten aus dem Haus nicht die typischen Gifte in Lunge und Blut hatte; starb er vor dem Brand? Die abgeschnittenen Haare der Grevesmühlener, wichtige Beweismittel, sind verschwunden. Einer der Springerstiefelträger, Maik W., hat 1998 sogar mal ein Geständnis abgelegt, in einem „Spiegel“-Interview sagte er, es habe Ärger bei Drogengeschäften gegeben, die seine Freunde gemeinsam mit Bewohnern des Hauses abgewickelt hätten. Dann hat er widerrufen. Die Staatsanwälte, oft für ihre schlampigen Ermittlungen kritisiert, sahen sein Geständnis ohnehin als widersprüchlich an. Zu Recht?

Was hat der 18. Januar 1996 mit den Menschen gemacht, deren Wege sich in jener Nacht in der Hafenstraße 52 kreuzten? Der Feuerwehrmann, die Bewohner, der Bürgermeister, die falsch oder richtig Beschuldigten – wie ist ihre Geschichte weitergegangen? Der Feuerwehrmann sagt: „Es gibt keinen Kollegen, den dieser Einsatz nicht verändert hat.“ Victor Atoé, einer der Geretteten, sagt: „Ich habe keinen Frieden in mir.“ Der Bürgermeister von damals sagt: „Die Stadt ist noch nicht fertig damit.“ Der freigesprochene Safwan Eid und Maik W., der wie seine Freunde in vielen anderen Sachen, aber nicht in dieser angeklagt wurde, sie schweigen.

Victor Atoés Frau heißt Mercy, „Gnade“. In Benin City, Nigeria, sieht Mercy Atoé auf CNN Bilder aus Deutschland, wo ihr Mann lebt, Vater ihrer sechs Kinder. Es ist der 18. Januar 1996. Danach hört sie einige Monate nichts von ihm; er sitzt in Abschiebehaft.

Victor Atoé wohnt eigentlich in Niendorf, 45 Kilometer von Lübeck entfernt, aber seit ein paar Wochen versteckt er sich bei einem Freund in der Hafenstraße. Der Anwalt hat ihm dazu geraten, es gibt Ärger mit der Ausländerbehörde. Als Victor Atoé aus dem Fenster springt, warten unten die Polizisten, die nach seinem Namen fragen. Er nennt irgendeinen, der ihm gerade einfällt, und wird ins Krankenhaus gefahren, wo die Ärzte sein rechtes Bein nageln.

Ein paar Wochen später will ihn ein freundlicher Herr aus dem Krankenhaus abholen. Als der Herr, den trotz aller Freundlichkeit die Aura des Polizisten umgibt, im Krankenhaus noch einige Papierdinge erledigt, läuft Victor Atoé weg. Am Ende hilft es ihm nicht; bei einem Termin bei der Ausländerbehörde legen die Beamten ihm Handschellen an. Am 1. Mai 1996 wird er abgeschoben.

Über Victor Atoé lassen sich zwei Geschichten erzählen. Die eine handelt von einem Flüchtling, der doppelt Sozialhilfe bezieht, der mehrfach untertaucht, der sich das Sweatshirt über den Kopf zieht, wenn Passfotos von ihm gemacht werden sollen; der schreit und seine Klamotten zerreißt, als er in das Flugzeug nach Hause steigen soll. Der drei Jahre später wieder da ist. So etwas lassen Behörden nicht gern mit sich machen; das schleswig-holsteinische Innenministerium verweigert Victor Atoé bis heute die Aufenthaltsgenehmigung, die zwischenzeitlich alle anderen Flüchtlinge aus der Hafenstraße bekommen haben, als eine Art Schmerzensgeld. Es heißt, er sei, als die Regel in Kraft getreten ist, außer Landes gewesen. Später wird auf den Sozialhilfebetrug verwiesen.

In der anderen Geschichte, die sich über Victor Atoé erzählen lässt, geht es um Panikattacken, ausgelöst durch das Feuer; er war zweimal für mehrere Wochen in der Psychiatrie. Victor Atoé ist 45 und hat inzwischen acht Kinder, die beiden kleinen, 6 und 3, leben mit ihm und Mercy in dem Dörfchen Hemmelsdorf bei Timmendorfer Strand, Jesusposter an der Wand, die Packungen der Schmerztabletten, die Victor Atoé nimmt, dienen den Kindern als Spielzeug. Wie alt seine Töchter und Söhne sind, die in Nigeria leben, weiß Victor Atoé nicht, er kann sich nicht erinnern, das Feuer, sagt er, hat etwas mit seinem Gehirn gemacht, es funktioniere nicht mehr richtig seitdem. Victor Atoé wirkt fahrig beim Erzählen, manchmal schlägt er sich dabei mit der flachen Hand gegen den Schädel, als könne er den Erinnerungen einen Klaps geben, damit sie herausfallen.

Er schlafe keine Nacht länger als ein, zwei Stunden, sagt er, „Sie glauben mir nicht? Mercy, komm her, wie lange hab’ ich heute Nacht geschlafen?“ – „Von vier bis sechs“, sagt sie, und dass gerade Post vom Anwalt gekommen sei, ob man den Brief, bitte, übersetzen könne? Es ist eine Rechnung, der Anwalt ist mit Ratenzahlung einverstanden. In der Sache, schreibt er, gebe es nichts Neues. Die Atoés warten darauf, dass ihre Duldung erneuert wird oder dass sie abgeschoben werden.

Michael Bouteiller arbeitet heute als Rechtsanwalt, Schwerpunkt Verwaltungsrecht, seine Kanzlei: ein reetgedecktes Fachwerkhaus, daneben das Wohnhaus, ein Flachbau, gebaut von einem Bauhausschüler. Bouteiller liebt die klaren Formen, er ist ein konsequenter Mann. „Wirtschaftsflüchtlinge“, sagt er, „das sind doch genau die, denen man das Asylrecht geben muss.“

Bouteiller, Breitcordhose, Strickpulli, Nickelbrille, ist links, sehr links. Er spricht sanft und verbindlich, aber seine Sätze handeln von verbrecherischen Konzernen, von der Verflechtung zwischen Nachrichtenanbietern und Industrie. Er weiß: „Mit so einer Meinung können Sie keine örtliche Presse einnehmen“. Seine Partei auch nicht. 2002 ist er aus der SPD ausgetreten, der Wirtschaftskurs unter Schröder, der Afghanistan-Einsatz, „am Ende hatte ich mir nichts mehr zu sagen mit den führenden Leuten in der Partei.“

Wie weit er sich von seiner Partei entfernt hatte, wurde kurz nach dem Brand damals klar. Bouteiller stellte den Flüchtlingen, ohne sich um die Vorschriften zu kümmern, Pässe aus, damit sie ihre Angehörigen in der Heimat beerdigen und dann nach Deutschland zurückkehren konnten. Das folgende Disziplinarverfahren endete für ihn mit 6000 Mark Geldstrafe.

Bouteiller sagt, er habe, nach der Veröffentlichung der Tränen-Fotos „unglaublichen Hass“ erfahren. Ihm wurde Betroffenheitskult vorgeworfen, die „Zeit“ schrieb, er sei „aus der Rolle gefallen“. Er schämt sich der Tränen von damals nicht, „ich fühle mich mit mir identisch, ich war nie anders.“

Als Michael Bouteiller in der Nacht, alarmiert von einem Radiosender und von der Feuerwehr, am Unglücksort eintrifft, sieht er nicht nur Menschen, die ihr Leid herausschreien und die ihn zu Tränen rühren, sondern auch die Drehleiter, mit der wenig zuvor der Feuerwehrmann Harri Wreth umgekippt ist. Die Feuerwehrleute haben es schwer in dieser Nacht. Es ist kalt, die Deckel der Hydranten sind festgefroren. Eine Drehleiter ist in der Werkstatt, die Ersatzleiter ein altes Ding ohne Rettungskorb, das nicht im freien Stand hält. Die Männer müssen sie auf dem Dachfirst auflegen, wofür sie gerade eben lang genug ist. Wreth steigt hoch, auf den Sprossen gefriert der Regen blitzschnell zu Eis. Das Dach brennt, nur ein paar Quadratmeter sind geblieben, auf denen sich sieben Menschen drängeln. Man reicht Wreth ein Baby, drei, sechs Monate alt, und in dem Moment, in dem er es übernimmt, kippt die Leiter. Er hält das Baby fest, seine Beine schreibt er ab.

Sie landen über einem Kellereingang, Wreth sitzt auf der Leiter, die Beine baumeln in der Leere. Wreth steigt auf eine weitere Ersatzleiter, führt eine Frau und ein Kleinkind herunter, die letzten Männer klettern selbst, während eine Etage tiefer die drei Jugendlichen verbrennen.

Harri Wreth hat an sich seit dem Brand eine gesteigerte Liebe zum Risiko beobachtet. Paragliden. Oder Skifahren, dort, wo keine Piste ist, „diese Hobbys kamen alle nach dem Feuer“. Er suche extreme Situationen. Die Gefahr beherrschen wollen, das treibt ihn an. Vor zehn Jahren ist das nicht gelungen. 22 Gerettete gegen zehn Tote, Harri Wreth hat noch nicht austariert, was schwerer wiegt.

Als Letzter steigt Safwan Eid die Leiter runter. Harri Wreth ist ihm vor ein paar Jahren noch einmal begegnet, beim Spazierengehen. Eid wohnt mit Frau und Kindern in einem kleinen Reihenhaus nicht weit von den Wreths entfernt. Wreth erkennt den Mann, dem er das Leben gerettet hat, aber er spricht ihn nicht an. Er weiß nicht, was er über ihn denken soll. Vielleicht hat er ja dem Falschen das Leben gerettet, vielleicht nicht.

Safwan Eid hat eine Aufenthaltsbefugnis, aber er findet keine Arbeit, seine Anwältin sagt: „Der Name Safwan Eid ist hinderlich.“ Der Prozess sei für ihren Mandanten noch immer eine Last, trotz der zwei Freisprüche. Zu einem Gespräch mit Journalisten ist Safwan Eid nicht bereit, wie er sagt, aus Angst, seiner Familie zu schaden.

Die Geschichte der Flammen von der Hafenstraße hat kein Ende, für niemanden.

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